Inklusion

Barrierefrei durchs Leben

Tief im Londoner Vorstadtbezirk Hendon steht am Ende einer Sackgasse ein Backsteinbau aus den 90er‐Jahren. Ein großer Parkplatz erstreckt sich davor, denn ohne Auto lässt sich dieser Ort schwer erreichen. Man sieht auf den ersten Blick, dass es ein Kindergarten ist. Luftballons hängen am Eingang.

Neben der Rezeption geht es zu einem modernen koscheren Café mit Stühlen, die in einer Behindertenwerkstatt hergestellt wurden. Kinder und Eltern können im Café einen Imbiss zu sich nehmen, den Menschen mit Lernschwierigkeiten zubereitet haben. Ein Dutzend Behinderte aller Altersklassen werden hier ausgebildet und auf das Berufsleben vorbereitet. Der Kaffee, den man serviert, sei hervorragend, sagt die Belegschaft. Hinter der Theke hängen ein Kaschrut‐ und ein staatliches Hygienezertifikat.

Träger des Kindergartens ist Norwood, eine der größten jüdischen Stiftungen in Großbritannien, die sich um Behinderte kümmert. Ein Drittel der Mädchen und Jungen hier hat Handicaps verschiedenster Art, bei den meisten sind es Lernstörungen. Damit liegt der Kindergarten ungefähr im Durchschnitt. Doch ist dieser Ort besonders gut für jene Kinder ausgestattet, die auf spezielle Hilfe angewiesen sind.

Spielzeug Im Hauptsaal sitzen 23 Kinder und sechs Betreuer im Kreis auf einem Teppich. Jeder hat von zu Hause Spielzeug mitgebracht. Die anderen Kinder müssen raten, was es ist. Ein Junge hält einen Plastikhelikopter hoch. Eines der Mädchen weiß, was das ist, und muss auch noch die Farben nennen.

Im Hintergrund beschäftigt sich Betreuerin Michelle Shapiro mit einem einzelnen Kind, das eine Lernstörung hat. Die 51‐Jährige ist stolz auf das Zentrum. Sie hat den Kindergarten durch ihren eigenen Sohn entdeckt, der auch Lernschwierigkeiten hat. Auf ihrer früheren Arbeitsstelle habe sie »der Enthusiasmus verlassen«, sagt sie, »doch jetzt ist er zurückgekehrt«. Hier im Zentrum versuche man, alles nur Mögliche für die Kinder zu tun. Das fing mit zusätzlichem Personal an, es wurden Sozialarbeiter eingestellt und Extraklassen eröffnet.

Das meiste davon sollte für bedürftige Kinder eigentlich überall zur Verfügung stehen, sagt Shapiro. Aber sie weiß aus eigener Erfahrung, dass dies nicht immer so ist. Eltern behinderter Kinder müssten sich oft mit Behörden und Experten herumschlagen, sagt sie. Hier sei es anders. Norwood hat in den Kindergarten ein Behandlungszentrum integriert, das auch bedürftige Kinder nutzen können, die nicht die Kita besuchen. Die Therapeuten sind also ausgelastet und dennoch stets im Kindergarten verfügbar.

Zusätzlich wurden im Zentrum ein spezieller Raum für sensorische Erlebnisse eingerichtet sowie ein Sprachtherapieraum und ein großer Spielgarten mit verschiedenen Stationen für Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen. All das sei nur durch die Stiftung möglich, sagt Shapiro. Die staatlichen Zuschüsse reichten dafür nicht aus – ohnehin gebe es davon immer weniger, denn in Großbritannien regiere derzeit die Sparpolitik.

Bräuche Wichtig ist Norwood auch die Vermittlung jüdischer Bräuche, um die Identität der Jungen und Mädchen zu stärken. Die meisten Kinder, die von der Stiftung versorgt werden, sind jüdisch – aber nicht in allen Familien wird dem besonders Rechnung getragen.

Im Hauptsaal haben die Betreuer inzwischen Tische und Stühle aufgestellt. Auf einem der Tische stehen zwei Kerzen und Challot. Da heute Freitag ist, wird Schabbat gefeiert. Munter singt die Gruppe die Brachot und Schabbatlieder.

Rabbi Stanley Coten, der seit drei Jahren bei Norwood arbeitet, sagt, sowohl die Behinderungen als auch das Jüdischsein seien immer eine Herausforderung. Zum Beispiel müssten die Gemeinden darauf vorbereitet werden, dass am Synagogengottesdienst auch Menschen teilnehmen, die sich nicht ruhig verhalten können.

Anders als in vielen Ländern auf dem europäischen Festland gehe es in Großbritannien aber nicht mehr darum, überhaupt eine jüdische Versorgung für Behinderte aufzubauen, sagt Norwood‐Geschäftsführerin Elaine Kerr. Es gehe inzwischen vielmehr darum, der jüdischen Vielfalt gerecht zu werden. So gebe es immer wieder Gespräche mit besonders orthodoxen Gruppen, sagt Kerr. »Die wollen mit den Herausforderungen lieber allein fertig werden, aber oft können wir ihnen zumindest mit Ratschlägen helfen.«

Eine Abteilung von Norwood, die Drogenberatungsstelle, wird inzwischen auch von streng orthodoxen Juden genutzt. Und das, obwohl viele Norwood‐Mitarbeiter nicht jüdisch sind. Aber die Stiftung legt Wert darauf, sie besonders zu schulen: Man vermittelt ihnen unter anderem alle jüdischen Feste und deren Bedeutung. Außerdem lernen sie, was im Umgang mit Ultraorthodoxen wichtig ist.

Reise Besonders freut man sich bei Norwood darüber, dass kürzlich acht behinderte Jugendliche gemeinsam mit ihren Betreuern im Rahmen der Initiative Birthright eine Reise nach Israel machen konnten. Laut Kerr sei es für die jungen Menschen ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis gewesen.

All das sei aber nicht ohne die vielen Spenden möglich, die die Stiftung erhält, betont Kerr. Immerhin ist Norwoods Schirmherrin keine Geringere als Königin Elizabeth. Und auch andere bekannte Namen aus der britischen Oberschicht finden sich in der Liste der Förderkreismitglieder. Weil zahlreiche führende Personen aus der Geschäftswelt zur Finanzierung von Norwood beitragen, wird der Stiftung genau auf die Finger geschaut.

Immer wieder gibt es aber auch Spendenaktionen, an denen Menschen mit Behinderungen selbst beteiligt sind. »Es gehört zu unserem Verständnis, sie auch in diesem Bereich zu integrieren«, sagt Kerr, »denn unser Leitsatz ist: Es soll keine Barrieren geben.«

www.norwood.org.uk

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