Dänemark

»Auswandern will keiner«

Seit sieben Generationen stellt seine Familie Dänemarks Oberrabbiner: Jair Melchior (32) Foto: Elon Cohn

Herr Rabbiner, wie hat der Terroranschlag auf die Kopenhagener Synagoge das jüdische Leben in Dänemark verändert?
Wir haben Dan Uzan verloren, er war ein sehr treues Mitglied und vielen ein enger Freund. Das ist tragisch. Aber der Terror hat das jüdische Leben nicht verändert, und wir lassen nicht zu, dass er das tun wird. Denn das wäre genau das, was der Terror möchte.

Wie geht Ihre Gemeinde mit dem Anschlag um?
Wir haben harte Tage hinter uns. Vergangene Woche hatten wir eine sehr schöne Zeremonie. Dans Familie kam von der Schiwa, und fast die ganze Gemeinde hat sie begleitet. Es ist unglaublich, wie sie zusammenhält. Und immerzu kommt jemand von außen und bietet Hilfe an. Die dänische Gesellschaft nimmt sehr stark Anteil an dem, was in unserer Gemeinde geschehen ist.

Was ist die Hauptaufgabe des Rabbiners einer Gemeinde, die der Terror verwundet hat?
Meine Aufgabe in dieser Zeit ist es zu trösten und zu lenken. Es geht jetzt darum, die Zuversicht der Gemeindemitglieder wiederherzustellen. Sie suchen nicht nach Antworten, sondern sie wollen etwas tun, etwas verbessern. Ich denke, das ist eine gute jüdische Haltung.

Was wollen sie verbessern?
Sie wollen Brücken zur muslimischen Gemeinde bauen. Sie wollen der trauernden Familie sagen, dass Dans Tod nicht umsonst gewesen ist und dass sein Verlust durchaus eine Bedeutung hat: Er führt zu einer Veränderung im Verhältnis zu den Muslimen.

Wie ist derzeit das Verhältnis Ihrer Gemeinde zu den Muslimen?
Wir haben engen Kontakt zu einigen führenden Repräsentanten muslimischer Organisationen. Sie waren schon vor dem Anschlag unsere Partner. Aber Probleme mit Muslimen gibt es immer wieder im Zusammenhang mit der Situation im Nahen Osten. Schwierig sind vor allem Migranten mit palästinensischen Wurzeln.

Trotzdem sagte vor einigen Monaten der jüdische Fernsehjournalist Martin Krasnik, Dänemark sei weltweit eines der am wenigsten antisemitischen Länder. Hat er recht?
Ja, völlig! Und die enorme Unterstützung, die wir in den Tagen nach dem Mord erlebt haben, belegt das. Wir sind Teil der dänischen Gesellschaft, die Dänen sehen uns als Teil von ihnen.

Aber vergangenes Jahr hat die dänische Regierung die Schechita verboten.
Oh, man sollte sehr vorsichtig sein mit Antisemitismus-Anschuldigungen. In dem Fall, von dem Sie sprechen, war es die Entscheidung einer einzigen Person, nämlich des zuständigen Landwirtschaftsministers. Er ist ein bekannter Tierrechtsaktivist. Wir kämpfen nach wie vor gegen seine Entscheidung und bekommen viel Unterstützung von Politikern, die sagen, dass der Minister falsch entschieden hat und wenig von Religion versteht. Im Übrigen war das Gesetz eher für die muslimische Gemeinde gemacht als für die jüdische. Denn wir schlachten nicht selbst, sondern importieren das geschächtete Fleisch.

Und die Debatte um die Brit Mila, die in Dänemark immer wieder aufkommt – ist die auch nicht antisemitisch?
Doch. Aber es ist falsch, über Schechita und Brit Mila in Verbindung mit einem Terroranschlag zu diskutieren. Übrigens war auch der Mörder von Dan Uzan beschnitten. Wir dürfen nicht alles miteinander vermischen. Nicht alle sind gegen uns. Wir leben nicht im Jahr 1939, und wir sind auch nicht kurz davor. Wenn ich Leute wie Israels Premierminister Netanjahu höre, der sagt, dass Europa brenne, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Es gibt doch in Israel viel mehr Terroranschläge als in Europa.

Bestimmt kennen Sie aber Menschen in Ihrer Gemeinde, die jetzt darüber nachdenken, Dänemark zu verlassen und nach Israel auszuwandern. Was sagen Sie denen?
Mir ist bisher nicht einer begegnet. Ich kenne nur Leute, die aus zionistischen Motiven Alija machen. Das begrüße ich sehr! Sie müssen wissen: Dänemark ist – prozentual gesehen – eines der zionistischsten Länder in der westlichen Welt. Auch meine Eltern sind, als ich ein kleiner Junge war, nach Israel ausgewandert. Aber ich kenne niemanden in Dänemark, der nach Israel auswandern möchte, weil er sich hier nicht wohl fühlen würde – selbst nach dem Anschlag nicht.

Seit sieben Generationen stellt Ihre Familie Dänemarks Oberrabbiner. Da fühlen Sie sich bestimmt dem Vermächtnis Ihrer Vorfahren verpflichtet.
Ich denke nicht in solchen Kategorien. Ich möchte meinen Job möglichst gut machen und das jüdische Leben in Dänemark für die Zukunft sicherstellen. Es geht mir um das jüdische Leben. Das ist mein Ziel. Ich bin hierhergekommen, weil ich diese Gemeinde liebe. Ich möchte, dass sie sich entwickelt und auch in Zukunft fortbesteht.

Das Gespräch führte Tobias Kühn.

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Basel

Herzl im Casino

Das Konzerthaus feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag – es ist auch ein jüdisches Jubiläum

von Peter Bollag  27.08.2026

Meinung

Stoßdämpfer der Demokratie

In Basel wird bei einer Demonstration zum »Tod des Zionismus« aufgerufen. Die Behörden verweisen auf hohe juristische Hürden, eine eidgenössische Kommission auf eine komplexe Lage. Beides trifft zu. Beides reicht nicht aus.

von Zsolt Balkanyi-Guery  27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Mythos

Wie lange Haare ikonografisch wurden - vom biblischen Samson zum norwegischen Haaland

Seine blonde Mähne wurde zu seinem Markenzeichen - ebenso wie seine reichlichen Tore. Nun hat der norwegische Stürmer Erling Haaland sich die Haare abrasiert. Verliert er damit seine Macht? Vorbilder legen das nahe

von Johannes Peter Senk  26.08.2026