EMG 2015

Aufschlag für Berlin

Bereitet sich zu Hause in Atlanta auf die Spiele vor: Andrew Satinoff (43) Foto: pr

Andrew Satinoff liebt Tennis. »Ich habe mein ganzes Leben lang Sport getrieben: Baseball, Fußball – und Tennis. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es einen Profitrainer, der es mir beigebracht hat, als ich zehn war. Ich habe mich sofort in den ›weißen Sport‹ verliebt«, erinnert sich der heute 43-Jährige.

In dem fensterlosen Büro seiner Multimediafirma North Creative, einem weitläufigen Loft mit Industriecharme in der Innenstadt von Atlanta, umringt von zahlreichen Computermonitoren, Schneidepulten und anderen hochkompliziert aussehenden Geräten, wirkt Satinoff allerdings mehr wie ein Technik- als Tennisfreak. Und in der Tat – obwohl er sehr ehrgeizig ist und sich gern mit anderen misst, hat er nie über eine professionelle Sportlerkarriere nachgedacht. »Ich bin einmal gegen das Tennis-Wunderkind Tommy Ho angetreten – der hat mich sprichwörtlich an die Wand gespielt«, sagt Satinoff und lacht.

Leistungsdruck »Das Tennisspielen hat mir einfach immer Spaß gemacht, und den wollte ich mir nicht mit dem Leistungsdruck eines Profis verderben.« Am Tennis reizt Satinoff vor allem die Unabhängigkeit. »Ich bin Perfektionist. Beim Tennis muss ich mich auf niemanden verlassen, bin für jeden Erfolg oder Misserfolg allein verantwortlich. Und ich kann trainieren, wann und so oft ich will«, erklärt er. Er freut sich, dass er die Leidenschaft für das Tennisspielen seinem 16-jährigen Sohn »vererbt« hat, achtet aber darauf, dass die Schule nicht zu kurz kommt. »Tennis darf keine Priorität haben«, betont Satinoff.

Einen Traum allerdings hatte er schon früh: einmal bei Makkabi-Spielen mitzumachen. »Als ich 17 Jahre alt war, habe ich mit Spielern von Makkabi Israel in Florida trainiert. Meine Schwester sagt, ich hätte gegen den späteren Tennisstar Brad Gilbert gespielt, aber ich kann mich daran nicht erinnern«, sagt Satinoff und lacht. »Jedenfalls habe ich mir da geschworen: Eines Tages werde ich bei den Makkabi-Spielen mitmachen.«

Traum In wenigen Wochen wird Satinoffs Traum Wirklichkeit. Er ist einer der rund 2300 Sportler, die bei den European Maccabi Games in Berlin antreten. Und obwohl sie sich »europäisch« nennen, sind traditionell auch Delegationen aus den Vereinigten Staaten, Israel, Australien, Südafrika, Kanada und Südamerika eingeladen. Satinoff ist einer von rund 200 Athleten, die aus den USA anreisen werden. 20 von ihnen sind Tennisspieler in verschiedenen Altersklassen.

Da es unmöglich ist, die Spieler, die aus verschiedenen Städten kommen, vor dem Wettbewerb zusammenzubringen, gibt Trainer Lonnie Mitchel ihnen per E-Mail Tipps, wie sie allein trainieren und sich in dieser Zeit ernähren sollen. »Da ich die Spieler nicht selbst ausgewählt habe, muss ich mich auf ihre Biografien und ihre eigenen Angaben verlassen, wenn ich Trainingsstrategien entwickle«, sagt Mitchel. Für das Turnier selbst hat er konkrete Vorstellungen: Er wird von den Spielern verlangen, immer ihr USA-Trikot zu tragen – »was eine Herausforderung sein wird, da Tennisspieler ihren eigenen Kopf haben und gewohnt sind, das zu tragen, was sie wollen«.

Makkabiade Mitchel ist seit fast 30 Jahren professioneller Tennistrainer, seit vier Jahren arbeitet er an der State University of New York in Oneonta. Daneben ist er Sportlehrer und freier Autor für renommierte Tennismagazine. Bei der Makkabiade 2013 in Israel war er einer der Trainer der Senioren/Masters-Mannschaft; das sind die Spieler ab 30 Jahren. Die Ernennung zum Cheftrainer des US-Tennisteams bei den diesjährigen Spielen in Berlin empfindet Mitchel als »Privileg und Ehre«.

Ab und zu reagieren die Spieler auf seine E-Mails, manchmal mit Kommentaren, manchmal mit Fragen, die Mitchel beantwortet, so gut er kann. »Ich bin ihr Trainer und gebe ihnen Ratschläge, aber ich bin kein Besserwisser«, sagt Mitchel. »Ich fühle mich wie der Kapitän eines Schiffs, das einen unbekannten Ort ansteuert. Wir werden in Berlin alle eine Menge Fragen haben – zur Logistik, zum Training. Aber da die Deutschen streng und gut organisiert sind, habe ich keine Zweifel, dass alles perfekt vorbereitet ist«, sagt Mitchel und lacht.

Wenn einige der Sportler Befürchtungen haben, als Juden nach Deutschland zu reisen, erzählt ihnen Mitchel, der einige Zeit in der Schweiz gelebt und auch schon mehr als 20-Mal in Europa gewesen ist, alles, was er über den Austragungsort der Spiele weiß, und erinnert sie daran, wozu sie dort sind: »Nicht nur als Besucher, sondern vor allem, um Medaillen zu gewinnen.«

Andrew Satinoffs Bild von Deutschland ist positiv, obwohl er die Hälfte seines Lebens in Atlanta verbracht hat und noch niemals in Europa war. Wie ein kleiner Junge freut sich der 43-Jährige auf das Ereignis. »Ich bin total aufgeregt und kann es kaum erwarten. Letzten Sommer habe ich die Ankündigung für die Berliner Spiele gesehen und zu meiner Frau gesagt: Da muss ich hin.« Satinoff, der sich selbst als Workaholic bezeichnet, sieht diese Reise als Gelegenheit, eine Pause vom Alltag zu machen und in eine andere Welt einzutauchen.

Auf der sportlichen Ebene sind seine Ziele weniger ehrgeizig. »Ich will mich vor allem nicht verletzen«, sagt Satinoff. Besonders vorbereitet hat er sich nicht. »Ich will gar nicht zu viel vorher wissen. Ich lass’ mich überraschen und bewahre mir gern einen unverstellten Blick auf die Dinge. Auf keinen Fall werde ich vorher Reiseführer lesen oder mir im Internet Fotos von Berlin anschauen«, sagt Satinoff sehr bestimmt. Ein wenig nachdenklich fügt er hinzu: »Alles dort hat sich so stark verändert. Die Großeltern meiner Frau sind Holocaust-Überlebende. Ich möchte einfach wissen, wie die Menschen denken, wie es sich dort anfühlt.«

Begegnung Satinoff ist sich dessen bewusst, dass er in Berlin eine Art Botschafter ist, der sowohl sein Land, die USA, repräsentiert, als auch die jüdische Idee stärkt und fördert. Aber im Vordergrund steht für ihn die internationale Begegnung. »Ich weiß, dass mich mein Jüdischsein für die Teilnahme an den Spielen qualifiziert. Dennoch denke ich mehr aus der Perspektive eines Amerikaners: Die Nationalität kommt zuerst, dann die Religion.«

In Berlin will Satinoff in erster Linie als Vertreter seines Sports, des Tennis, Erfolg haben – und ein neues Land, neue Leute kennenlernen. »Ich möchte möglichst viel über die Kultur in Deutschland und Europa und die Mentalität der Menschen lernen«, sagt Satinoff. Dann fügt er schmunzelnd hinzu: »Außerdem reizt es mich, nach langer Zeit mal wieder auf rotem Sand zu spielen.«

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