Belarus

Auf den Straßen von Minsk

Am Montag auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk: Demonstranten fordern den Rücktritt von Präsident Alexander Lukaschenko. Foto: imago images/Starface

Für den seit 26 Jahren regierenden belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko sieht es nach der angeblich mit 80 Prozent gewonnenen Wahl nicht gut aus. Seit dem Wahltag weiten sich die Proteste gegen das als gefälscht eingeschätzte Wahl­ergebnis aus.

Sehr deutlich wurde die Legitimitätskrise für Lukaschenko am vergangenen Sonntag. Während der 65-jährige Autokrat unabhängigen Einschätzungen zufolge nur rund 10.000 Menschen auf seiner Kundgebung am Unabhängigkeitsplatz sammelte, konnte die Opposition auf mehr als 200.000 Menschen verweisen.

Gemeinde Auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind unter den Demonstranten. »Ich habe das Gefühl, dass die Juden die Veränderungen unterstützen«, sagt Keren Wolman, ein aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Belarus, die seit zwei Jahren in Israel wohnt. »Aber das sind meist nonverbale Signale: irgendwelche Likes und Reposts auf Facebook oder Unterschriften unter Petitionen. Es gibt nur wenige Juden, die bereit sind, ihre Meinung öffentlich zu äußern.«

Insgesamt leben in Belarus nach Einschätzung der lokalen Gemeinden zwischen 30.000 und 50.000 Juden, die Mehrheit ist nicht religiös. Staatlichen Schätzungen zufolge sind seit 1990 rund 130.000 belarussische Juden ausgewandert, vor allem nach Israel und Deutschland.

Die drei jüdischen Gemeinden in der Hauptstadt Minsk, wo derzeit rund 15.000 Juden leben, kommentieren die aktuelle Lage nicht offiziell, doch viele Mitglieder unterstützen das Geschehen. Die Teilnahme an Demonstrationen bleibe die Sache jedes Einzelnen, so die Strategie.

»Ich kenne auch andere Juden, die zu den Protesten kommen«, sagt ein jüdischer Fotograf aus Minsk, der nicht möchte, dass sein Name in der Zeitung steht. »Und kürzlich sagte mir ein jüdischer Bekannter, er engagiere sich zwar nicht groß, doch unterstütze er den Protest von Herzen.«


Etliche Demonstranten berichten über schwere Folter im Gefängnis.

Der Fotograf erzählt, wie man sich via Messengerdiensten wie Telegram gegenseitig darüber informierte, wenn sich die Polizei auf dem Weg zu einer Demons­tration befand. »Das hat mich sehr beeindruckt und sicherlich viele inspiriert. Das Niveau der Selbstorganisation ist überraschend groß.«

Obwohl sich die Proteste kontinuierlich ausweiten, wollen die Teilnehmer immer weniger offen über ihre Ansichten sprechen. So gab es im Vorfeld für diesen Artikel einige feste Zusagen, die dann zurückgezogen wurden.

Verbrechen Das hat Gründe. Wie gefährlich die Lage in Minsk zwischenzeitlich sein kann, zeigen die Erfahrungen des Gemeindemitglieds Liora Sabnenkowa aus Minsk auf Facebook. Ihr Sohn wurde zweimal ohne Grund festgenommen und ohne zuvor an einer Demonstration teilgenommen zu haben. In einem Fall verließ er die U-Bahn und bewegte sich in Richtung McDonald’s.

»Unsere Kinder werden verhaftet, weil sie ihre Wohnungen verlassen«, sagt seine Mutter. »Darüber darf man nicht schweigen, das ist ein Verbrechen.«

Mit Alexander Furman hat kürzlich auch ein Israeli drei Tage im Schodino-Untersuchungsgefängnis gesessen. Er war zufällig in Minsk, weil er die Stadt, in der er aufgewachsen ist, seiner Frau zeigen wollte. »Mein Körper ist blau. Behinderte und Frauen werden geschlagen, ich habe es selbst gesehen«, berichtet Furman im Internet. »Sogar im Kino habe ich solchen Sadismus noch nicht gesehen.«

Außerdem, meint er, sei er zusätzlich geschlagen worden, weil er Jude und israelischer Staatsbürger ist. »Doch einige der Gefängniswärter in Schodino setzten sich für uns ein und haben uns geholfen.« In einem weiteren Interview erzählt Furman von antisemitischen Scherzen, die im Gefängnis gemacht wurden, und betont, dass ihm sein israelischer Pass nicht zurückgegeben wurde.

Am Anfang der Proteste ging die belarussische Polizei brutal gegen die Demonstranten vor. Zwischen dem 9. und dem 12. August wurden rund 7000 Menschen festgenommen, zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Wieder freigelassene Protestierende berichteten über schwere Folter und Demütigungen im Untersuchungsgefängnis.

Polizei Dass der Protest keinen klaren Anführer hatte und vor allem im Messengerdienst Telegram koordiniert wurde, hatte seine Vorteile. So haben sich die Demonstranten in kleineren Gruppen zeitgleich an mehreren Orten versammelt, um die Polizei zu erschöpfen. Das funktionierte: Mitte vergangener Woche hörten die Sicherheitsbehörden damit auf, die Menschen massenhaft festzunehmen.

Die Demonstration am Sonntag wurde zum größten Protest in der Geschichte des unabhängigen Belarus. Doch es sind nicht nur diejenigen auf der Straße, die Lukaschenko Kopfschmerzen bereiten. Es gibt auch Streiks in Staatsbetrieben, die massiv an Kraft gewonnen haben. Dies ist ein Alarmzeichen für den Autokraten, denn das ganze System Lukaschenko ist stark auf vermeintlicher Wirtschaftsstabilität aufgebaut. Dass die Streiks mittlerweile sogar beim belarussischen Staatsfernsehen stattfinden, erschwert die Ausgangslage des Präsidenten enorm.

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