Grossbritannien

Angst und Trümmer

Ich kann kaum glauben, was ich da im Fernsehen sehe«, wetterte der Unternehmer Lord Alan Sugar auf Twitter. Der Premierminister müsse vielleicht die Armee einschalten. Befürchtungen, die viele andere jüdische Briten teilten, denn auch ihre Gemeinden und Geschäfte waren von den tagelangen Ausschreitungen in Englands Großstädten betroffen.

Die Angst unter den jüdischen Londonern war groß. »Ab 16 Uhr am Montag waren unsere Telefonleitungen völlig überlastet«, berichtet Nochum Pearlberger, Vor– sitzender der jüdischen Sicherheitstruppe Shomrim. »Eine unserer Patrouillen verfolgte drei Gruppen von Plünderern, die Stamford Hill durchquerten.« Rund 30 Briten, darunter auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde, hätten in Eigenregie Geschäfte vor Randalierern beschützt. »Es gelang uns, den Rädelsführer in Gewahrsam zu nehmen, bis die Polizei eintraf«, so Pearlberger.

Krawall Unter den Londoner Geschäften, die die Krawallmacher zerstörten, befanden sich auch zwei alteingesessene jüdische Läden im Stadtteil Tottenham: das Werkzeuggeschäft H. Glickman Ltd und der Friseur Aaron Biber. Als Glickman‐Mitinhaber Derek Lewis von einem Wochenendausflug zurückkehrte, fand er sein Geschäft in Trümmern. Das Schaufenster lag in Scherben auf dem Bürgersteig, Farbeimer waren auf dem Fußboden ausgekippt und die Gitter an der Eingangstür aus ihrer Verankerung gerissen. Die Krawallmacher hatten Vorschlaghämmer entwendet, die sich besonders gut zum Randalieren eignen. »Eine Schande«, entrüstet sich Lewis, der seit den 60er‐Jahren für Glickman arbeitet. »Ich habe in meinem ganzen Leben nichts vergleichbares gesehen.«

Noch schlimmer erwischte es den 89‐jährigen Herrenfriseur Aaron Biber. Als er am Sonntagmorgen seinen zerstörten Friseurladen erblickte, schüttelte er ungläubig den Kopf. »Die sind meschugge«, klagt er, »ohne Sinn und Verstand.« Sein Geschäft wurde völlig zertrümmert, alle Fensterscheiben eingeschlagen, sogar die Föne und der Wasserkessel sind gestohlen worden.

Spenden Biber, seit vielen Jahrzehnten Inhaber des Geschäfts, hatte erst vergangenes Jahr mit dem Tod seiner Frau einen herben Schlag verkraften müssen. Jetzt stand er vor dem Aus. Drei Praktikanten der Londoner Werbeagentur BBH waren so gerührt vom Schicksal des alten Mannes, dass sie im Internet das Spendenprojekt »Keep Aaron Cutting« ins Leben riefen. »Die Hilfsbereitschaft der Leute ist fantastisch«, sagt Bibers Neffe Eddie, der an den Aufräumarbeiten im Laden seines Onkels beteiligt war.

Mit geringen Schäden kamen andere Einrichtungen davon wie die bei jungen jüdischen Londonern beliebte Diskothek »Electric Ballroom« – obwohl zunächst auf Twitter und Facebook Gerüchte die Runde machten, sie sei stark beschädigt worden. Daraufhin vernagelten die Inhaber das Lokal mit Holzplatten. Die Randalierer konnten nicht viel ausrichten, die tanzfreudige Jugend atmete auf.

Sympathie Nicht aufatmen konnte David Rosenberg, in den 70er‐Jahren Gründungsmitglied der Jewish Socialist Group. Sein Sohn Jacob, Absolvent der renommierten Cambridge‐Universität, hatte den Randalierern getwittert: »Jedem, der sich zu den Krawallen aufmacht, rate ich, sich richtig zu maskieren, nicht nur mit Kapuzen, und sich bei Verhaftung an Rechtsanwalt Bindman zu wenden.« Später fügte er hinzu: »Wenn sie (die Polizei) Fotos von euch gemacht hat, dann werft eure Klamotten weg und verändert euer Aussehen.« Der 25‐Jährige gehört gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder einer Gruppe von Bloggern an, die für die linksgerichtete Webseite »The Third Estate« schreiben.

Auch andere Stadtteile mit größeren jüdischen Gemeinden wie Golders Green waren von den Unruhen betroffen. Juden wurde empfohlen, nicht allein unterwegs zu sein. Inhaber von Geschäften in Stamford Hill und Golders Green sollten ihre Läden schließen und Warenbestände in Sicherheit bringen. Örtliche Rabbiner und der Sicherheitsdienst Shomrim gaben Warnungen aus, man solle den von Krawallen betroffenen Gebieten fernbleiben.

In der Broad Lane in Tottenham sah eine Gruppe von charedischend Jugendlichen auf dem Heimweg von der Synagoge den Plünderungen zu. Das veranlasste den Vorsitzenden der rechtsextremen British National Party, Nick Griffin, zu behaupten, die Krawalle seien eine Gemeinschaftsveranstaltung von schwarzen und jüdischen Jugendlichen.

Reinemachen Nach den Krawallen kam das große Reinemachen. Die orthodoxe Sozialorganisation Tikun sammelte in ihrem Zentrum im Londoner Stadtteil Finchley Spenden. »Viele Menschen haben durch die Krawalle und Brandanschläge ihr Zuhause verloren«, sagte ein Sprecher. »Zahlreiche Häuser mussten evakuiert werden, viele Menschen sind jetzt mittellos.« In Manchester versammelte sich nach einem Twitter‐Aufruf des 34‐jährigen Jeremy Myers eine mehr als 1.000 Mann starke »Besen‐Armee«, die bei den Aufräumarbeiten half.

Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks zeigte sich beeindruckt von der Hilfsbereitschaft. »Die Unruhen waren eine schockierende Erinnerung daran, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Wir sollten aber nicht das andere Gesicht Großbritanniens vergessen: Die Menschen, die halfen, Recht und Ordnung wiederherzustellen, das Chaos aufzuräumen und die Opfer der Gewalt zu unterstützen.«

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