Frankreich

Angst um die Kinder

Warum immer mehr jüdische Eltern staatliche Schulen meiden

von Gabriela Pagener-Neu  05.12.2016 19:01 Uhr

Erster Schultag an einer staatlichen Schule in Frankeich (2014) Foto: dpa

Warum immer mehr jüdische Eltern staatliche Schulen meiden

von Gabriela Pagener-Neu  05.12.2016 19:01 Uhr

Als ich noch klein war, war es selbstverständlich, ein jüdisches Kind auf eine öffentliche Schule zu schicken. Doch heute ist das nicht mehr möglich», sagt ein jüdischer Vater in Paris im Gespräch mit der Online-Zeitung «The Times of Israel».

25 Jahre, nachdem er das öffentliche Gymnasium verlassen hat, erinnert sich der 43-jährige Informatik- und Kommunikationsfachmann Stéphane Tayar gern an seine Schulzeit. «Man lernte, mit völlig unterschiedlichen Menschen umzugehen, ob mit Muslimen, Christen, Reichen oder Armen.»

Als es jedoch so weit war, seine eigenen Kinder, einen Sohn und eine Tochter, einzuschulen, entschieden sich Stéphane und seine Frau für eine jüdische Einrichtung, die zu einem Netz privater, staatlich anerkannter Privatschulen gehört. «Das antisemitische Mobbing an einer öffentlichen Schule würde den Kindern zu sehr schaden», befürchtet er.

Statistik Das Ehepaar teilt die Wahl einer Privatschule mit inzwischen zwei Drittel der jüdischen Familien in Frankeich. Rund die Hälfte von ihnen entscheidet sich für eine jüdische Schule, die andere Hälfte für eine katholische oder protestantische, so die neueste Statistik der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF.

Besonders spektakulär zeigt sich diese Entwicklung der letzten 30 Jahre in Paris und dem Umland. Dort leben rund 350.000 Juden – rund 65 Prozent der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs. Jüdische Schüler findet man dort kaum mehr an öffentlichen Schulen.

Als Grund dafür, dass sich Zigtausende von staatlichen Schulen abwenden, werden oft die Angst vor judenfeindlichen Beschimpfungen und physischer Gewalt sowie die zunehmende Religiosität französischer (und auch belgischer) Juden genannt. Viele sehen als weiteren Grund eine damit einhergehende generelle Tendenz, sich zu isolieren.

Dass in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt jüdische Schulen entstanden sind, ist allerdings, unabhängig von antisemitischen Umtrieben, noch einer weiteren Tatsache geschuldet: Die aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika eingewanderten sefardischen Juden sind stärker traditionsgebunden und religiöser als viele in Frankeich geborene Gemeindemitglieder.

Lehrer Bereits 2004 hob ein interner Bericht des Erziehungsministeriums hervor, dass der Antisemitismus an Frankeichs Bildungseinrichtungen zunimmt. Relativ neu hingegen ist, dass zuweilen auch Lehrkräfte involviert sind, wie zum Beispiel ein Gymnasiallehrer, der kürzlich mit seinen Schülern auf Facebook die Theorie eines jüdischen Komplotts teilte.

Auch wenn es sich bei den Aggressionen vor allem um Sticheleien und verbale Angriffe handelt, kommt es in Einzelfällen zu Morddrohungen oder gar zu bewaffneten Übergriffen.

So sollen 2013 am Ausgang einer staatlichen Schule im Pariser Westen mehrere Schüler einen jüdischen Klassenkameraden in die Enge getrieben und mit einem Messer bedroht haben, bis ein Passant dazwischenging und das Kind rettete.

In den meisten Fällen gehen gewalttätige Übergriffe von muslimischen Tätern aus. Es sind vor allem Maghrebiner oder Franzosen mit nordafrikanischen Wurzeln, deren Racheakte für israelische Aktionen stellvertretend auf jüdische Opfer abzielen. Auch für Mohamed Merah, der 2012 in der Toulouser Schule Ozar HaTorah einen Rabbiner und vier Kinder tötete, war Vergeltung für die israelischen Aktionen in Gaza das erklärte Motiv.

Dass konfessionelle Privatschulen auch – und unter Umständen erst recht – keinen Schutz vor diesem sogenannten neuen Antisemitismus bieten können, zeigt gerade der Fall Merah in nur allzu deutlicher Art und Weise. Gewährleisten können sie allenfalls den entspannteren Umgang der Schüler miteinander in einer befriedeten Atmosphäre des Schulalltags.

Vermeidung Viele Eltern stellen sich die Frage: Tun sie gut daran, ihren diffusen Ängsten nachzugeben und dabei eine Art Selbstghettoisierung ihrer Kinder in Kauf zu nehmen? Und sind Vermeidungsstrategien prinzipiell eine angemessene Antwort auf Gewalt?

Es handelt sich im Grunde um die gleiche Frage, die sich bei der Entscheidung für oder gegen die Alija, die Auswanderung nach Israel, stellt – wenn sie denn nicht aus religiösen, ideellen, ökonomischen oder anderen Motiven, sondern als Flucht vor der Situation in Frankreich erwogen wird.

Zu dieser Frage hatte Frankreichs inzwischen zurückgetretener Premierminister Manuel Valls auf dem Höhepunkt des Auswanderungsbooms vor zwei Jahren eindeutig Stellung bezogen: Er beschwor die Juden im Land, ihrer Heimat nicht den Rücken zu kehren.

Zu einem ähnlichen Schluss, wenn auch von einer gänzlich anderen Warte aus, kam damals Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia. Er sagte: «Die Alija ist kein Notausgang!»

Manche Eltern sind sich der Gefahr der selbst gewählten Abgrenzung durchaus bewusst, wie der Fall einer belgischen Mutter zeigt. Sie hatte ihren Sohn zunächst in einer öffentlichen Schule in Uccle angemeldet, um eine ausschließlich jüdische Erziehung zu vermeiden. Dass sie ihn, nachdem sie dort schlechte Erfahrungen gemacht hatte, schlussendlich in einer konfessionellen Schule unterbrachte, sieht sie lediglich als letzten Ausweg an.

Laut der Belgischen Liga gegen Antisemitismus (LBCA) kommt es an staatlichen Schulen in Belgien noch häufiger zu antisemitischen Vorfällen als in Frankreich – und sie werden zögerlicher geahndet als im Nachbarland. An Belgiens öffentlichen Schulen, so befürchtet die Liga, werden also bald keine Juden mehr lernen.

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