Radikalismus

Anarchie unter Palmen

Wie Heinrich Goldberg aus Berlin in der Dominikanischen Republik Revolution machen wollte

von Hans-Ulrich Dillmann  14.05.2012 08:36 Uhr

Arzt, Agitator und eine Art jüdischer Che Guevara: Heinrich Goldberg alias Filareto Kavernido Foto: cc / (M) Frank Albinus

Wie Heinrich Goldberg aus Berlin in der Dominikanischen Republik Revolution machen wollte

von Hans-Ulrich Dillmann  14.05.2012 08:36 Uhr

Elf Kugeln beendeten 1933 das Leben von Heinrich Goldberg. Im Staub eines schmalen Pfades verblutete der deutsch‐jüdische Anarchist in dem kleinen Weiler Arroyo Frío in der Dominikanischen Republik. 52 Jahre wurde er alt. Die Historiker kennen Goldberg unter seinem Pseudonym: Filareto Kavernido. Eine polizeiliche Untersuchung fand nie statt, die Mörder mussten sich nie vor Gericht verantworten. Beigesetzt wurde Goldberg in der Provinzstadt Moca.

»Er kam auf der Suche nach Frieden und Freiheit, weil er ein Menschenfreund war«, zitiert die dominikanische Tageszeitung »Diario Libre« einen Weggefährten 74 Jahre nach seiner Ermordung. Noch heute erinnern sich einige Anwohner des Dorfes an Filareto als den »Mann, der Pferdefleisch aß«. »El Viejo«, der Alte, wie er genannt wird, hat den Ermordeten noch erlebt. Sechs Jahre alt war er, als er Filaretos Leichnam auf einem Bergpfad liegen sah. Doch über die Täter möchte er auch heute, sieben Jahrzehnte später, nicht sprechen. »Die haben ihn umgebracht, weil er ein guter Mensch war und uns geholfen hat«, sagt er lediglich.

Quellen Die Journalistin Tania Molina, die den Fall recherchiert hat, beruft sich auf anonyme Quellen, wenn sie über die Mörder spricht: »Die beiden Männer arbeiteten als Chauffeur und Verwalter für den einflussreichsten Großgrundbesitzer in der Gegend.« Goldbergs Sohn Faro erzählt, seine Mutter Mally habe alle Unterlagen des Vaters zerstört. Andere Familienmitglieder lehnen jedes Gespräch über den ermordeten Verwandten ab. Filareto kam regelmäßig in die Stadt Moca, erzählt Hilda Schott, die Tochter eines Deutsch‐Dominikaners, über den »komischen Typ«. Sie sei als Kind von ihm sehr beeindruckt gewesen. »Er besuchte meinen Vater und diskutierte stundenlang mit ihm.«

Filareto wird am 24. Juli 1880 in Berlin‐Weißensee als Sohn von Ludwig und Elise Goldberg geboren. Sein Vater war 1892 der drittgrößte Steuerzahler im Bezirk. In der Feldtmannstraße unterhielt er eine Privatklinik, gleichzeitig war er als Armenarzt bekannt und in der jüdischen Gemeinde aktiv. In Alt‐Weißensee gehörte er zwischen 1898 und 1904 der jüdischen Repräsentantenversammlung an. Filareto macht seinen Schulabschluss in Brandenburg und studiert von 1900 bis 1904 Medizin an der Berliner Universität und in Freiburg. Seine Doktorarbeit handelt von der »hysterischen Blindheit«.

boheme In dieser Zeit kommt er sowohl mit der Esperanto‐Bewegung als auch mit den Ideen von Friedrich Nietzsche in Kontakt. 1905 zieht er nach Berlin‐Weißensee und arbeitet als Arzt im städtischen Krankenhaus in Friedrichshain. Am 15. Mai 1910 tritt er aus der jüdischen Gemeinde aus.

In diesen Jahren ist er bereits Teil der Berliner Boheme. Er selbst bezeichnet sich als Anarcho‐Kommunist und sammelt einen Kreis von Menschen um sich, die einen utopischen Kommunismus vertreten. Die Kommunarden praktizieren die »freie Liebe« und lehnen traditionelle Familienstrukturen und bürgerliche Normen ab.

1918, als Anarchisten und Kommunisten in Deutschland für eine freie Räterepublik kämpften – nicht wenige ihrer Vertreter waren jüdische Linke –, hat Heinrich Goldberg sich einen anderen Namen zugelegt: Filareto Kavernido, in Esperanto bedeutet dies »Freund der Höhle«. Die von ihm gegründete Kommune, in der er lebt, bis er Deutschland verlässt, nennt sich »La Kaverna di Zarathustra«, die Höhle des Zarathustra. Bilder von damals zeigen ihn mit wehendem Haar und langem Vollbart. Sein Sohn Vertuemo berichtet in seinen Erinnerungen, dass sein Vater immer Aufsehen erregt habe »mit seiner weißen Tunika, die bis auf den Boden reichte und einen Arm freiließ. Manchmal war er Gegenstand von Gespött, um das er sich jedoch nicht kümmerte«.

huren Tamen Köhler schreibt in einem biografischen Abriss über das Leben von Johanna »Hannchen« Gloger, einer Lebensgefährtin Filaretos: »Die Kommune lebte längere Zeit in der Mulackstraße im Scheunenviertel. Dies war fast ein Ghetto für zugewanderte Ostjuden, es war aber auch die Gegend der Prostituierten. Die Kommune erregte keinen Anstoß, weder bei den Juden noch bei den Huren, nur bei der Polizei, die sich um die sittliche Gefährdung der ältesten Töchter sorgte.«

Außer im Scheunenviertel hält sich die »Höhlenkommune« auch in Brandenburg auf. Im Roten Luch besitzt sie ein Grundstück mit Höhlen, wo die Mitglieder der anarcho‐libertären Gemeinschaft »selbstversorgende Landwirtschaft« betreiben.

Eine Ullstein‐Illustrierte berichtet von der »Goldberg‐Kommune« unter dem Titel »Freie Liebe hinterm Bahndamm«. Nachdem es immer wieder Skandale um die Nackten der »Höhlenkommune« gibt, und der Arzt Goldberg wegen angeblichen Verstoßes gegen den Abtreibungsparagrafen 218 Ärger mit der Justiz bekommt, wandern die Kommunarden nach Frankreich aus.

misshandlung Unumstritten ist Filareto in dieser Zeit innerhalb der Kommune nicht. Auseinandersetzungen über seinen autoritären Führungsstil führen dazu, dass Mitglieder die »Kaverna di Zarathustra« verlassen. Auch seine Genossin und Lebensgefährtin Hannchen wendet sich von ihm ab, weil er sie und die Kinder misshandelt habe. Geklärt wird es nie. Hinzu kommen seine Probleme, den Lebensunterhalt zu bestreiten, und bald auch Ärger mit den französischen Behörden.

Filareto hofft auf neue Perspektiven in Übersee. Ende der 20er‐Jahre sucht die Dominikanische Republik händeringend nach Personen, die die kaum bewohnten rückständigen landwirtschaftlichen Regionen besiedeln sollen. Ziel ist, wie es offiziell heißt, »weiße Siedler ins Land zu holen, um den Anteil der farbigen Bevölkerung zu verringern«. Sie bekommen als Starthilfe nicht nur ein Stück Land, sondern auch Werkzeug und Arbeitsgeräte für die Bewirtschaftung sowie Saatgut.

karibik 1929 brechen die Zarathustra‐Kommunarden mit einem Frachtschiff von Marseille aus Richtung Karibik auf. Willkommen sind sie jedoch nach ihrer dreiwöchi‐ gen Reise nicht überall. Die haitianischen Behörden genehmigen ihnen nur widerwillig die Durchreise in die Dominikanische Republik, die sich mit Haiti die zweitgrößte Karibikinsel Hispaniola teilt.

Nach seiner Ankunft kümmert sich Filareto Kavernido allerdings nicht so intensiv um den Landbau, wie es die dominikanischen Behörden wünschen. Er findet, dass man nur so viel arbeiten soll, wie für den unmittelbaren Lebensunterhalt wichtig ist. Unbekümmert setzt Filareto seine Agitation für ein freies, staatlich nicht reglementiertes Leben und die freie Liebe fort. Er agitiert wacker die Landbevölkerung. Bis er 1933 ermordet wird.

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