Italien

Alefbet in der Via della Reginella

Das jüdische Viertel von Rom fasziniert mit seiner direkt am Tiber gelegenen Großen Synagoge von 1904. Wer nach deren Besichtigung weiterläuft, kommt an zahlreichen koscheren Restaurants vorbei sowie an Judaika-Geschäften und der ältesten jüdischen Bäckerei der Stadt. Sie ist so bekannt, dass sie kein Schild mehr braucht. Touristen, die etwas weiter nördlich in der Via della Reginella landen, einer kleinen dunklen Gasse, wissen entweder sehr genau, wo sie hingehen wollen, oder sie haben sich verlaufen.

Ein schmales Haus, die Nummer 25, beherbergt ein auf den ersten Blick unscheinbares Ladengeschäft namens »Alefbet« und ist daher leicht zu übersehen. Wer sich nähert, wird schnell feststellen, dass die von Gabriele Levy betriebene Galerie mit angeschlossenem Laden einzigartig ist: Hier gibt es hebräische Buchstaben, so weit das Auge blickt, in allen Farben und Stilen, von Levy hergestellt aus den verschiedensten Materialien: von Ton und Stein bis hin zu Plastik, Glas, Metall und Holz. Immer gleich ist die Schriftart: Frank Ruhl Libre.

Nach der Lektüre zweier Bücher wechselte Levy vom Programmieren in die Kunst.

Viele Versionen der 22 hebräischen Buchstaben, von Alef bis Taw, hängen an den Wänden, von denen einige ein Teil der alten Stadtmauern Roms sind und zusammen mit den Exponaten für einen interessanten Kontrast sorgen. Auf vielen Buchstabenkacheln werden Länder, Städte, berühmte Persönlichkeiten oder Gegenstände dargestellt, die mit dem entsprechenden Buchstaben anfangen. Alle Objekte können sowohl bewundert als auch erstanden werden.

MARKT »Vor etwa 20 Jahren habe ich in Turin meinen ersten Laden aufgemacht. Es hat nicht funktioniert, denn der Markt ist nun einmal hier, im jüdischen Viertel von Rom«, sagt Gabriele Levy.

Nicht nur seine Galerie ist voller Überraschungen, sondern auch er selbst. Geboren wurde er in Buenos Aires. Bald fand er sich in Turin wieder. Von hier aus zog er 1980 nach Israel, lebte in einem Kibbuz und ging dann zum Militär. Später wurde Gabriele Levy Software-Ingenieur und erhielt eine Professur für Computer Sciences Engineering.

Der Wechsel in die Welt der Kunst erfolgte nach der Lektüre zweier Bücher, der Romane 1984 von George Orwell und Brave New World von Aldous Huxley. »Wir sehen, dass die Diktatur der Technologie näher kommt«, sagt er. »Ich wollte nicht Teil dieser Sache sein.« Und so eröffnete er etwas, das ganz weit davon entfernt ist, nämlich »eine Fabrik der hebräischen Buchstaben«, wie er es nennt.

länder Inzwischen befinden sich Gabriele Levys Kunstwerke überall auf der Welt. »Die meisten meiner Buchstaben gibt es in Italien, aber Hunderte sind in den verschiedensten Ländern zu finden, von England und Deutschland über Dänemark, Kanada, den USA bis nach Argentinien.«

In etwa 30 jüdischen Geschäften und Restaurants im Viertel dienen Levys Produkte als Wegweiser oder Dekoration. In einem Fall wurde mit seinen Buchstaben das Wort »koscher« an der Fassade eines Restaurants angebracht. Dieser Schriftzug ist nun auch über Google Street View zu sehen, was den 64-Jährigen stolz macht.

»Hebräische Buchstaben ziehen die Leute an. Sie haben Magie«, erklärt Levy die Popularität seiner Kunst. »Sie transportieren viele Inhalte – zum Beispiel sind sie auch die Basis für die Kabbala, die mystische Tradition des Judentums.« In der Via della Reginella war »Alefbet« die erste Galerie. Levy setzte offensichtlich einen Trend, denn inzwischen gibt es eine ganze Reihe davon.

DIMENSION Gabriele Levy ist nicht nur Kunsthandwerker, sondern tatsächlich auch Künstler. Er reichert seine Buchstaben manchmal mit originellen Ideen an, darunter »Hidden Art«. »So wie ein Maler zweidimensional arbeitet und der Bildhauer dreidimensional, zeige ich in diesem Werk, dass es vier Dimensionen gibt, denn die Zeit ist ja auch schon eine Dimension.«

Levy deutet auf eine Buchstabenskulptur, in die er mehrere Uhren eingebaut hat. Kürzlich habe er dieses Objekt einem kleinen Jungen gezeigt, erzählt er. »Und der Junge sagte: ›Uhren sind nicht die Zeit, sondern sie messen sie nur.‹« Daraufhin fügte Levy seinem Kunstwerk eine »versteckte Seite« hinzu, die eine Rotation der Buchstaben­skulptur ermöglicht. »Wenn du sie drehst, geht sie tatsächlich durch die Zeit« und damit durch die vierte Dimension.

»Hebräische Buchstaben haben Magie. Sie ziehen die Leute an«, sagt Gabriele Levy.

Eine andere Idee von ihm ist »Modulare Kunst«: Einige der Uhren-Skulpturen, die man auch als Kacheln nutzen kann, haben Haken, sodass man weitere, kleine Kunstobjekte daran hängen kann. »So verändern sich die Kunstwerke«, erklärt Levy.

sortiment Andere Buchstaben-Kacheln wiederum können die Besitzer umdrehen, um sie zu verändern, da sie vom Künstler von beiden Seiten bearbeitet wurden. Darüber hinaus hat er auch phosphoreszierende Buchstaben im Sortiment. Es gibt keine Form, die seine hebräischen Lettern nicht einnehmen.

Nach den Jahren der Corona-Pandemie, die für ihn eine schwierige Phase waren, ist Gabriele Levy froh, dass die Touristen endlich wieder zurückgekehrt sind, nach Rom, ins jüdische Viertel und in die Via della Reginella.

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Nachruf

Barney Frank mit 86 Jahren gestorben

Als liberale Stimme im Washingtoner Kongress prägte der jüdische Abgeordnete der Demokraten sowohl die Debatten über Finanzmarktregulierung als auch über die Rechte von Homosexuellen

 20.05.2026

Spanien

Mordverdacht: Sohn von Mango-Gründer festgenommen

Die Polizei in Katalonien hat Medienberichten zufolge den Sohn des Mango-Gründers und Philanthropen Isaak Andic festgenommen. Jonathan Andic war als einziger dabei, als sein Vater im Dezember 2024 einen Abhang hinunterstürzte

 19.05.2026

Washington D.C.

Abgeordneter Jared Moskowitz erhält antisemitisch motivierte Morddrohungen

In Zuschriften wird der Demokrat unter anderem als »zionistisches, jüdisches verdammtes Schwein« (»zionist Jewish fucking pig«) beschimpft. Er ist nicht der einzige jüdische Politiker in den USA, der bedroht wird

 19.05.2026

London

Israeli in Golders Green zusammengeschlagen

Der 22-Jährige wurde über die Straße gezerrt und geschlagen, bis er beinahe das Bewusstsein verlor

 19.05.2026

Kanada

Kritik an Pro-Terror-Konferenz in Toronto

Die Veranstaltung soll die Massaker vom 7. Oktober 2023 würdigen und wird von verbotenen Organisationen getragen

 18.05.2026

Großbritannien

Ausstellung zu Hamas-Massaker wegen Sicherheitsbedenken ohne Hinweisschild

Die Polizei will den genauen Standort der Schau möglichst lange geheim halten. Anti-Terror-Einheiten sind in den Schutz der Präsentation über den Terror des 7. Oktobers eingebunden

 18.05.2026

Frankreich

Das Glück, wenn ich es will

Gérard Blitz und Gilbert Trigano gründeten einst den Club Méditerranée. Und eine Utopie der Gemeinsamkeit aus der Nachkriegszeit wurde zum Trend

von Mark Feldon  17.05.2026

Hollywood

Der unaufgeregte Glam der Zoë Kravitz

Die Tochter berühmter Eltern hat sich eine eigene Karriere aufgebaut – und ist stolz auf ihre afroamerikanischen und jüdischen Wurzeln

von Nicole Dreyfus  17.05.2026