Frankreich

Ady Steg mit 96 Jahren gestorben

Er kämpfte im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und wurde später eine der bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten des Landes

von Michael Thaidigsmann  12.04.2021 17:40 Uhr

Ady Steg sel. A.

Er kämpfte im Widerstand gegen die deutschen Besatzer und wurde später eine der bekanntesten jüdischen Persönlichkeiten des Landes

von Michael Thaidigsmann  12.04.2021 17:40 Uhr

Eine der großen jüdischen Persönlichkeiten Frankreichs ist tot: Der Mediziner, Schoa-Überlebende und ehemalige Widerstandskämpfer Adolphe (»Ady«) Steg starb am Sonntag im Alter von 96 Jahren.

EMIGRATION Geboren wird Steg am 27. Januar 1925 – auf den Tag genau 20 Jahre vor der Befreiung des Todeslagers Auschwitz – in der damaligen Tschechoslowakei. Sein Vater Martin Steg verlässt das kleine Heimatdorf 1928 und wandert nach Frankreich aus; vier Jahre später zieht der Rest der Familie nach. Ady Steg wächst in Paris auf.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Zwei Jahre der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen wird sein Vater im Juni 1942 nach Auschwitz deportiert. Ady Steg geht währenddessen weiter auf sein Gymnasium, muss aber einen Judenstern tragen, was seine Klassenkameraden zunächst schockiert.

»Das löste in der Klasse Emotionen und Bestürzung aus. Bestürzung, weil die meisten meiner Klassenkameraden nicht wussten, dass ich Jude oder Ausländer war«, erinnert sich Steg 1987. Sein Französischlehrer Binon habe daraufhin einen Text des Denkers Montesquieu durchgenommen, in dem dieser sich für religiöse Toleranz ausspricht.

»Ich erinnere mich an jenen Moment, in dem wir in absoluter Stille eine Stunde lang über Toleranz sprachen, und als wir anschließend auf den Pausenhof gingen, versammelten sich meine Klassenkameraden um mich, und einige von ihnen - was damals überhaupt nicht üblich war - umarmten mich sogar. Das veranschaulichte mir in meinem tiefsten Inneren meine totale Integration.«

BESATZUNG Kurze Zeit später hat Ady Steg Glück. Er entgeht der Razzia im Juli 1942, die später als »Rafle du Vel-d’Hiv« in die Geschichtsbücher eingeht. Gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Albertine flieht er nach Südfrankreich, wo er von einem katholischen Geistlichen und dessen Bruder versteckt wird.

Der Mönch habe, um Juden zu retten, nicht erst auf Papst Johannes XXIII., das Zweite Vatikanische Konzil oder die Erklärung Nostra Aetate gewartet, sagt Ady Steg später. »Sein christlicher Glaube allein genügte ihm, wie seinem Bruder Victor, um das Opfer zu bringen. Wir schulden ihnen ewige Dankbarkeit.« 1944 wird Steg Mitglied der Widerstandsgruppen Forces françaises de l’intérieur (FFI), die aktiv gegen die deutschen Besatzer kämpfen.

Wie sein Vater überlebt auch Ady den Krieg. Er nimmt ein Medizinstudium auf und spezialisiert sich auf Urologie. 1953 wird er Arzt und 1957 Chefarzt am Cochin-Krankenhaus in Paris. Von 1976 bis 1990 leitet Steg die Urologie-Abteilung der Klinik. Er wird zum Präsidenten der Französischen Gesellschaft für Urologie und später zum Generalsekretär der Europäischen Vereinigung für Urologie gewählt.

Anfang der Neunziger Jahre operiert Steg zweimal den an Prostatakrebs erkrankten französischen Staatspräsidenten François Mitterand. Von den Universitäten in Jerusalem und Athen wird er zum Ehrendoktor ernannt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

ENGAGEMENT Auch in der jüdischen Gemeinschaft engagiert sich der Mediziner. Als Student übernimmt er den Vorsitz der Pariser Sektion des jüdischen Studierendenbundes UEJF und wird Vizepräsident des Weltbundes jüdischer Studierender (WUJS).

1970 wird Steg zum Präsidenten des jüdischen Dachverbands CRIF in Frankreich gewählt, ein Amt, das er vier Jahre später wieder abgibt. Von 1985 bis 2011 steht er der 1860 in Berlin gegründeten Kulturorganisation Alliance Israélite Universelle vor, deren Ehrenvorsitzender er bis zu seinem Tod bleibt.

Auch bei Untersuchungskommissionen zur Geschichte Frankreichs im Zweiten Weltkrieg und zur »Entschädigung« enteigneter Opfer wirkt Ady Steg mit. 2001 ernennt ihn Präsident Jacques Chirac zum Offizier der französischen Ehrenlegion. Chirac dankt »dem Professor, dem Präsidenten, der Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, aber auch und vielleicht ganz besonders dem kleinen siebenjährigen Jungen, der damals mit offenem Herzen nach Frankreich kam«.

Der amtierende CRIF-Präsident Francis Kalifat nannte Ady Steg am Sonntag auf Twitter »ein Vorbild für uns alle«.

Indien

Wo Covid wütet

Die kleine Gemeinde der Bnei Israel in Mumbai versucht, ihren Mitgliedern zu helfen, durch die Pandemie zu kommen – doch viele reden nicht gern über die Erkrankung

von Tobias Kühn  06.05.2021

Karl Lueger

Experten: Wien soll Denkmal eines Ex-Bürgermeisters stürzen

Experte: »Seine Verdienste können nicht aufwiegen, was er als Hassprediger angerichtet hat«

 05.05.2021

Schoa-Gedenken

Weltweites Treffen zum Jahrestag der Befreiung

Das Online-Event »Liberation75« möchte der Schoa-Opfer gedenken und Überlebende ehren

 05.05.2021

Österreich

Gratis in Graz

Die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Land lockt Studierende mit kostenlosem Wohnraum

von Tobias Kühn  02.05.2021

Oswiecim

KZ-Gedenkstätte öffnet nach Corona-Schließung wieder

Polens Regierung hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass Museen ab 4. Mai wieder öffnen dürfen

 30.04.2021

Italien

Großes Verdienstkreuz für Edith Bruck

Die 88-jährige Schriftstellerin überlebte Auschwitz und Dachau und wurde im April 1945 aus dem KZ Bergen-Belsen befreit

 29.04.2021

Griechenland

Der Pfizer-Chef

Albert Bourla ist Sohn von Schoa-Überlebenden - und hat als CEO des Pharmakonzerns maßgeblich zu Israels Impferfolg beigetragen

von Wassilis Aswestopoulos  04.05.2021 Aktualisiert

Polen

Corona-Notstand

Fehlendes Klinikpersonal, geschlossene Schulen und Synagogen: Wie die Gemeinden mit der Pandemie umgehen

von Gabriele Lesser  29.04.2021

Großbritannien

Ausgrenzung beenden

Der Dachverband Board of Deputies will gegen Rassismus in den eigenen Reihen vorgehen

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  29.04.2021