Basel

120 Jahre »glückliche Notlösung«

Diskutierten auf dem Podium: Ulrich Schmid, Markus Somm, Roger Schawinski (Moderation), David Sieber und Pierre Heumann (v.l.) Foto: Peter Bollag

Das Hotel »Trois Rois« in Basel und seine nähere Umgebung boten am Montag ein fast kriegerisches Bild: viel Polizei und Sicherheitskräfte in Zivil, Kontrollen, aufmerksame Blicke, Nervosität. In der übrigen Stadt bekam man von der Jubiläumsveranstaltung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) aus Anlass des 120. Jubiläums des Ersten Zionistenkongresses von 1897 kaum etwas mit.

Das wäre anders gewesen, wenn die geplante große Feier mit Israels Premier Benjamin Netanjahu nicht abgesagt worden wäre – dann hätte Basel sich in eine Festung verwandelt. So aber feierte man im kleinen Rahmen am historischen Ort – und ging der Frage nach, warum die große internationale Feier nicht zustande kam. Eine Journalistenrunde fand dafür keine politischen, sondern organisatorische Gründe: »Schweizer Planungswahn traf auf israelische Organisationschaoten – das konnte nicht klappen«, fasste Markus Somm, Chefredakteur der »Basler Zeitung«, zusammen.

Themen Dann widmete sich die Runde aber durchaus ernsthaften Themen. So ging es beispielsweise darum, die Ereignisse von 1897 in einen heutigen politischen Kontext zu stellen. Ulrich Schmid, Nahostkorrespondent der NZZ, und der ebenfalls in Israel lebende Journalist Pierre Heumann meinten, wenn Herzl heute nach Israel käme, wäre er vermutlich kein Anhänger der derzeitigen Regierung. »Er versuchte damals, seine Ziele mit Geduld und viel Diplomatie zu erreichen, und war in gewissem Sinne erfolgreich.« Darum, so Heumann, würde er heute eher auf Verhandlungen mit den Palästinensern setzen und die Konfrontation vermeiden.

Unvermeidlich war in der Journalistenrunde die Frage nach den »doppelten Standards« in der Israel‐Berichterstattung. Vor allem Ulrich Schmid holte sich hier mit pointierten Statements viel Sympathie im vollen Saal, etwa als er sagte: »Wenn ich die Stellung vieler Frauen in den arabischen Ländern mit derjenigen in Israel vergleiche, hätten Frauenverbände in westeuropäischen Ländern allen Grund, Israel schon aus diesem Blickwinkel positiv zu beurteilen. Das geschieht aber kaum.« Und nur wenig würden Medien beispielsweise in der Schweiz oder Deutschland darüber berichten, dass mehr als 60 Prozent der israelischen Araber in Umfragen angegeben hätten, sie seien stolz, Bürger des Landes zu sein. Markus Somm, dessen Blatt einen ausgesprochen pro‐israelischen Kurs fährt, ortet als Grund dafür auch das linksliberale Milieu, aus dem viele deutschsprachige Journalisten kämen.

Einfluss Ein weiteres Thema des Abends war die Frage, inwieweit jene Zionistenkongresse, die zwischen 1897 und 1946 in der Schweiz stattfanden, das Denken und Verhalten der Schweizer Juden beeinflussten. Man war sich in der Runde weitgehend einig, dass sich die anfangs sehr zurückhaltenden jüdischen Schweizer in zunehmendem Maße für den Zionismus begeisterten. Heute leben etwa gleich viele Juden mit Schweizer Pass in der Eidgenossenschaft wie in Israel. Der Historiker Simon Erlanger sieht hinter dieser Alija neben ganz praktischen (wie einem viel größeren Heiratsmarkt) auch politische Gründe. »Aktuelle Debatten wie diejenigen um die Sicherheit oder auch ein absolutes Schächtverbot verstärken bei manchen jüdischen Schweizern den Eindruck, man gehöre, trotz aller Beteuerungen, nicht ganz dazu.«

So aktuell die Veranstaltung auch war, wurde natürlich auch die Geschichte berücksichtigt. Pierre Heumann erläuterte, wie es dazu kam, dass der erste Zionistenkongress ausgerechnet in Basel stattfand. Herzl hatte eigentlich München auserkoren. Doch da drohten Vertreter der jüdischen Gemeinde als rabiate Zionisten‐Gegner mit »Radau«. Das fürchtete Herzl ebenso wie die russische Geheimpolizei. Die spionierte den vielen russischen Studenten in Zürich nach, weshalb es ebenso wenig infrage kam wie Herzls Heimatstadt Wien mit ihrem antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger. Basel war da in einer viel besseren Lage, zumal es dort auch ein »gutes koscheres Restaurant« gab, wie Herzl gehört hatte.

Im Nachhinein erwies sich die Wahl Basels, so Heumann, als sehr »glückliche Notlösung«. Denn der orthodoxe Basler Rabbiner Arthur Cohn machte dem Kongress seine Aufwartung und drückte der säkularen zionistischen Bewegung damit eine Art Koscherstempel auf. In anderen Städten hätten Herzl und seine Freunde das nie ernsthaft erhoffen können.

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