»Spuren eines Albtraums« nennt Jan Philipp Burgard in seiner Reportage die Bilder eines verbrannten Hauses im Kibbuz Nir Oz. Vor drei Jahren, am 7. Oktober 2023, steckten Hamas-Terroristen dieses und weitere Gebäude in Brand und töteten 47 Menschen. Kinder, Alte, Frauen und Männer. »Auch drei Jahre nach dem Massaker ist zu sehen, wie bestialisch die Hamas gemordet hat«, so Burgard.
76 Geiseln wurden aus dem Kibbuz in den Gazastreifen entführt. Einer von ihnen ist der damals 79-jährige Gadi Moses. Er zeigt dem Reporter eine Urkunde der Hamas, die ihm »als zynisches Geschenk« nach 482 Tagen Geiselhaft von der Terrororganisation überreicht wurde. Und Moses nimmt Burgard mit auf die Felder, auf denen Kartoffeln und Erdnüsse angebaut werden. Auf dem Friedhof der Siedlung führt er ihn an das Grab seiner Frau Efrat. Er hatte erst nach seiner Freilassung aus der Geiselhaft erfahren, dass sie bereits am 7. Oktober ums Leben gekommen war.
Dies sind Szenen der 45-minütigen Reportage, die WELT TV am Jahrestag des Hamas-Massakers ausstrahlt. Zum Auftakt der neuen Reihe »Inside Israel« soll gezeigt werden, »wie das Land auch drei Jahre nach dem Massaker kämpfen muss. Gegen den Terror und gegen das eigene Trauma«, so heißt es in einer Presseinformation des Nachrichtensenders.
Langzeitprojekt von mehreren Monaten
Die Dokumentation ist in einem Zeitraum von mehreren Monaten entstanden. »Es ist eine Art Langzeitprojekt«, meint Burgard, der beispielsweise im Juni und jetzt vor zwei Wochen nochmals für die Reportage im Gazastreifen gedreht hat. Er selbst ist seit 2026 als Global Reporter bei Axel Springer in Israel. Aber auch zuvor hat er bereits das Land besucht und stand auch in seiner Zeit in Berlin in Kontakt mit Angehörigen der Geiseln, »weil ich den Eindruck hatte, dass deren Schicksal in der deutschen Medienöffentlichkeit zu wenig berücksichtigt wurde.«
Ihn hat das Thema immer professionell, aber auch persönlich beschäftigt, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Bei der Reportage sei es ihm nun darum gegangen, die Menschen zu zeigen, »die unmittelbar von der geopolitischen Situation betroffen sind«. Daher sollten auch keine Experten und Politiker zu Wort kommen. Und ganz bewusst gehe es ihm um die israelische Perspektive, »die aus meiner Sicht in der deutschen Medienlandschaft unterbelichtet ist, in der es auch nicht selten eine Täter-Opfer-Umkehr zu beobachten gibt«. Seine Reportage sei dennoch nicht unkritisch.
Schwierige Rahmenbedingungen
Für die Reportage kann Burgard gemeinsam mit der israelischen Armee in den Gazastreifen fahren, um sich dort das unterirdische Netz der Hamas-Terrortunnel anzuschauen. Die Soldaten zeigen ihm Waffenlager und Rückzugsräume der Terroristen. Und fast ein Jahr nach der Freilassung der letzten Geiseln sei es beklemmend, sich vorzustellen, unter welchen Bedingungen sie in unterirdischen Anlagen festgehalten wurden und welchen Qualen sie ausgesetzt waren.
Burgard erwähnt, dass die Rahmenbedingungen für die Berichterstattung schwierig seien, vieles dürfe nicht gefilmt und die Gesichter der Soldaten nicht gezeigt werden. »Dennoch versuchen wir, so gut es geht, uns ein Bild von der Lage zu machen.« Man wolle herausfinden, welche militärische Strategie Israel verfolgt und vor welchen Herausforderungen die Soldaten in ihrem Kampf gegen den Terror der Hamas stehen. Und auch die internationale Kritik an Israels Kriegsführung und die hohen zivilen Opferzahlen sind ein Thema.
Im Süden Libanons kann sich Burgard ebenfalls mit israelischer Militärbegleitung einen Eindruck vom Tunnelsystem verschaffen, das die Hisbollah dort geschaffen hat. Aus der nordisraelischen Stadt Metulla berichtete er noch während der Zeit der Angriffe aus dem Libanon. Während seiner Interviews mit Anwohnern sind Detonationen zu hören. Das Gespräch mit einem Israeli, der gerade mit seinem Fahrrad unterwegs ist, muss er unterbrechen, während aus unmittelbarer Umgebung zwei Raketen auf Terrorstellungen der Hisbollah abgefeuert werden. Auch zwischen Israel und der Hisbollah gilt inzwischen offiziell ein Waffenstillstand. »Doch unter der Erde lagert die Terrororganisation noch immer ein gewaltiges Arsenal für den Krieg gegen Israel«, so Burgard. Die Reportage zeigt in einem unter einer Schule und einer Moschee gelegenen Tunnel ein riesiges Waffenlager mit Tonnen von Sprengstoff und Munition.
Auch werden Drohnen gezeigt, mit denen die Terrororganisationen Israel angreifen. Für die Reportage besucht der Korrespondent ein Versuchslabor der israelischen Armee in der Nähe von Tel Aviv, in dem neue Waffen gegen die Bedrohung aus der Luft entwickelt werden.
Reporter traff auch Israels Präsident Herzog

In Jerusalem trifft Burgard Israels Staatspräsidenten Isaac Herzog, den er als einen Mann bezeichnet, »der nach dem 7. Oktober zu einer Art Seelsorger der Nation« wurde. In dem Interview erzählt Herzog, wie er als Staatsoberhaupt viel Schmerz und Leid gesehen hat. Er habe zahlreiche Verwundete und die Hinterbliebenen von gefallenen Helden und unschuldigen Opfern getroffen, wie er sagt. Er sei Familien von befreiten Geiseln und Angehörigen derer, die nicht lebend aus Gaza zurückgekehrt sind, begegnet. Auch habe er Zehntausende Israelis mit posttraumatischen Belastungsstörungen gesehen. Der Präsident spricht sehr offen darüber, dass ihn das Erlebte auch persönlich »enorm mitgenommen« habe. Gleichzeitig sei er sehr stolz auf seine Nation: »Wir haben enorme Resilienz und Mut bewiesen.«
Und auch Ofir Amir kommt in der Reportage zu Wort. Er gehörte zu den Organisatoren des Nova-Festivals, auf dem Hunderte Menschen von Hamas-Terroristen ermordet wurden. Ofir hat schwer verletzt überlebt. »Doch seine Geschichte handelt nicht nur von Terror, Verlust und Trauer«, so Burgard in seinem Moderationstext. »Sie handelt auch von der erstaunlichen Kraft, wieder aufzustehen. Von Hoffnung, Resilienz – und dem festen Willen, sich von den Terroristen nicht das Leben nehmen zu lassen.«
Das gilt auch und besonders für Gadi Moses: Er erzählt, wie er sich in der Geiselhaft zwischen Hoffnung und Tod entscheiden musste: »Und ich habe mich für den positiven Weg entschieden.« Sein größtes Ziel sei es nun, den Kibbuz wieder aufzubauen.
Die 45 Minuten bei WELT TV sind ein eindrucksvolles Dokument dieses Selbstbehauptungswillens der Menschen in Israel und der Entschlossenheit, die Existenz und Sicherheit des jüdischen Staates zu verteidigen.
Die Reportage »Inside Israel: 7. Oktober - der Tag, der alles veränderte« ist an diesem Mittwoch, 7. Oktober, um 20.15 Uhr auf WELT TV zu sehen.
