Westjordanland

Zehn extremistische Siedler nach Gewaltexzess festgenommen

Maskierte israelische Siedler attackieren Palästinenser während der Olivenernte im Dorf Abu Falah, in der Nähe von Ramallah Foto: Flash 90

Nach den Gewaltexzessen extremistischer Siedler im Westjordanland sind am Montagmorgen zehn Verdächtige festgenommen worden. Am Wochenende wurden erneut Palästinenser attackiert und dieses Mal auch ausländische Diplomaten und eine Fotojournalistin angegriffen. Vorausgegangen war internationaler Druck, Maßnahmen zu ergreifen.

Nach Angaben der Polizei seien die verdächtigen Israelis bei der Aktion mit Codenamen »Olivenblatt« im Morgengrauen an verschiedenen Orten des palästinensischen Westjordanlandes dingfest gemacht worden. Ihnen wird vorgeworfen, an den Angriffen vom Wochenende beteiligt gewesen zu sein. Dutzende Beamte waren an dem Festsetzungseinsatz beteiligt.

»Im Zuge der Aktion wurden zehn Verdächtige festgenommen, Beweismittel, die sie mit den Vorfällen in Verbindung bringen, sichergestellt sowie mehrere Fahrzeuge beschlagnahmt«, erklärte Mosche Pinchi, ein Sprecher der Sicherheitsbehörde. »Wir arbeiten daran, Beweise, Erkenntnisse und Zeugenaussagen zu sammeln und eine Beweisgrundlage zu schaffen, die es ermöglicht, die Beteiligten zur Rechenschaft zu ziehen.« Gleichzeitig wurden neue Vorfälle von Gewalt durch Siedler gemeldet.

Levine wurde bei der Attacke schwer verletzt

Am Wochenende entschuldigte sich der israelische Präsident Isaac Herzog bei Heidi Levine, einem Opfer der ausufernden Gewalt. Er rief die Fotojournalistin der »Washington Post« an und schrieb in einem langen Post auf der Plattform X, wie »entsetzt er ist«. Levine wurde bei der Attacke schwer verletzt.

»Als Präsident des Staates Israel verurteile ich diese empörende und schockierende Gewalt aufs Schärfste – sowohl den schrecklichen Angriff auf Heidi als auch andere schwerwiegende Gewalttaten, wie etwa den Vorfall, der sich heute in Taybeh ereignete. Ich habe Heidi mein tiefes Mitgefühl ausgesprochen und mich für das entschuldigt, was sie durchmachen musste. Das verabscheuungswürdige Verhalten der Täter spiegelt weder die Bürgerschaft noch die Werte des Staates Israel wider«, so Herzog.

Zuvor hatten sich bereits ehemalige Leiter der israelischen Armee, des Mossad und des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, darunter Tamir Pardo, Moshe Yaalon und Ami Ayalon, zu Wort gemeldet und ihre Solidarität mit Levine bekundet. Sie äußerten sich »zutiefst beschämt« darüber, dass jüdische Extremisten weiterhin Palästinenser, deren Unterstützer sowie Personen, die die Gewalt dokumentieren, angreifen. »Dieses Vorgehen ist ein Verrat an all dem, wofür wir unser Leben lang eingetreten sind«, resümierten sie.

Ehemalige Sicherheitschefs: »Dieses Vorgehen ist ein Verrat an all dem, wofür wir unser Leben lang eingetreten sind.«

Das Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu teilte nach dem Angriff auf Levine mit, die Faktenlage sei noch unklar und es blieben »ernsthafte Fragen« offen. Weiter hieß es, dass man nicht zulassen werde, dass »umstrittene Vorfälle dazu instrumentalisiert werden, die Hunderttausenden gesetzestreuen jüdischen Bewohner von Judäa und Samaria zu dämonisieren«.

In einem Interview am Samstagabend äußerte sich Netanjahu zur Gewalt durch Siedler und sagte, er lehne die Taten von »jungen Menschen aus benachteiligten Familien, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen« ab. Er betonte jedoch auch, dass er »alle Sicherheitskräfte« gegen die Gewalt einsetzen wolle.

Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, begrüßte die Festnahmen der verdächtigen Extremisten als »sehr positive Entwicklung bei der Ermittlung und Bestrafung derjenigen, die Heidi Levine schwer angegriffen und verprügelt haben.«

Am Samstag hatte US-Außenminister Marco Rubio klargemacht, dass die Trump-Regierung »keinen neuen Funken« im Westjordanland sehen wolle, und forderte Israel dazu auf, gegen die Gewalt durch Siedler vorzugehen. Die Europäische Union forderte eine »vollständige Aufklärung sowie wirksame Maßnahmen, um weitere Gewalttaten zu verhindern«.

Lesen Sie auch

Delegation der EU im Dorf Taybeh angegriffen worden

Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation »Yesh Din« seien seit Beginn der Olivenernte Ende September mehr als 530 Vorfälle von Siedlergewalt dokumentiert worden.

Bereits vor dem Angriff auf eine diplomatische Delegation der EU im Dorf Taybeh sei bei einer Einsatzzentrale der israelischen Armee eine Meldung über gewalttätige Siedler eingegangen, eine Reaktion darauf jedoch ausgeblieben, berichteten israelische Medien. Die Pressestelle der IDF erklärte, dass diese Zentrale ausschließlich für Sicherheitskräfte vorgesehen sei und es »andere Stellen gibt, die für die Entgegennahme von Beschwerden durch Zivilisten vorgesehen sind«.

Am vergangenen Donnerstag befasste sich der Oberste Gerichtshof mit einer Petition von Yesh Din, die fordert, den Staat anzuweisen, eine Telefonnummer einzurichten, über die bei Notrufen aus dem Westjordanland rund um die Uhr eine wirksame Reaktion – sowohl auf Hebräisch als auch auf Arabisch – gewährleistet ist. Eine Antwort des Gerichtshofes steht noch aus.

Westjordanland

Israels Armee räumt illegale Außenposten im Westjordanland

Als lasch kritisierte Gerichtsurteile gegen radikale Siedler helfen eher Wiederholungstätern als den Sicherheitskräften

 19.10.2026

Belfast

Barack Obama wirft Israel Landraub vor

Der jüdische Staat sei »zu weit gegangen«, sagt der frühere US-Präsident. Die Reaktion der Palästinenser auf die »jüdische Kontrolle über das Gebiet« sei deshalb aus ihrer Sicht nachvollziehbar gewesen

 19.10.2026

Israel

Trump stellt sich vor der Wahl hinter Netanjahu

Neun Tage vor der Parlamentswahl spricht der US-Präsident dem israelischen Ministerpräsidenten seine »volle und uneingeschränkte Unterstützung« aus. Netanjahu bedankt sich prompt

 18.10.2026

Israel

Führung und Verantwortung

Benjamin Netanjahus ehemaliger Militärsekretär erhebt Vorwürfe gegen den Premier

von Sabine Brandes  18.10.2026

Nahost

Bericht: Siedler attackieren EU-Diplomaten im Westjordanland

Maskierte Männer umstellen ein Diplomatenfahrzeug bei der Olivenernte im Westjordanland. Auch eine US-Fotografin wird verletzt

 18.10.2026

Kommentar

Ein Tag der Schande

Die Linkspartei, SPD und Grüne haben ihre Sondierungen beendet. Nun wollen sie in Berlin eine Regierung bilden

von Philipp Peyman Engel  17.10.2026

Meinung

Keine Wahlen in Palästina: Armutszeugnis für den Westen

Mahmud Abbas hat die Wahlen in den Palästinensergebieten erneut um ein Jahr verschoben und bricht damit seine Zusagen. Wann zieht man in Europa endlich Konsequenzen?

von Jacques Abramowicz  16.10.2026

Westjordanland/Gaza

Umfrage: Große Mehrheit lehnt Hamas-Entwaffnung vor einem israelischen Rückzug ab

Die Hintergründe

von Sabine Brandes  15.10.2026

Bericht

Netanjahu soll Trump zu Iran-Angriff vor der Wahl gedrängt haben

Der israelische Premier hat angeblich den US-Präsidenten gebeten, den Krieg vor den Wahlen wieder aufzunehmen. In Washington sieht man dabei auch innenpolitisches Kalkül

von Sabine Brandes  15.10.2026