Unwetter

Wind, Wellen und Schnee

Der Winter ist da. Und mit ihm tobten die stärksten Stürme seit 20 Jahren durch das Land, brachten Überschwemmungen, meterhohe Wellen, Schnee auf dem Hermon und in Jerusalem. Von vielen sehnlichst erwartet, hielt die kalte Jahreszeit nach Monaten der Wärme und Dürre mit ungewohnter Heftigkeit Einzug in Israel. Millionenschäden an den Häfen von Tel Aviv und Caesarea, Schiffe in Seenot sowie zahlreiche Verletzte durch umstürzende Bäume und umherfliegende Gegenstände sind nur Teile der Bilanz der vergangenen Tage.

Notfälle Mindestens 30 Menschen sind seit Samstag durch das Unwetter verletzt worden. Eine 28‐jährige Frau liegt im Koma, nachdem ein Baum auf ihr Auto stürzte, ein Bewohner von Aschdod wurde verletzt, als ihn eine Pergola traf, die der Wind abgerissen hatte. Heftige Böen rissen eine Frau im Zentrum von Tel Aviv auf die Straße und schleuderten sie vor ein fahrendes Taxi. Am vergangenen Sonntag erreichten die Stürme 120 Kilometer in der Stunde und machten das Mittelmeer zu einem brodelnden Hexenkessel. Bis zu zwölf Meter türmten sich die Wellen auf.

Vor Aschdod versank ein Frachter, der unter moldawischer Flagge fuhr. Die elfköpfige Besatzung rettete sich in Schlauchboote und wurde von der Marine Israels in Sicherheit gebracht. Ein türkisches Schiff geriet vor der Küste in schwere Seenot und funkte SOS. Obwohl sämtliche Häfen wegen des Wetters bereits geschlossen waren, brachten israelische Schlepper es sicher in die Anlegestelle.

Technik Auch im Luftverkehr ging zeitweise nichts mehr, Flüge verließen das Land mit Verspätung, Fluglotsen leiteten ankommende Flieger auf andere Flughäfen in der Region um. Diverse Lufthansa‐, British‐Airways‐ und Alitalia‐Maschinen lan‐
deten wegen Wind‐ und Sichtproblemen auf Zypern zwischen.
Fast jede Stadt von Naharija bis Beer Schewa litt unter Stromausfällen, manche dauerten einige Stunden, andere mehr als einen Tag lang. Auch Internet‐ und Telefondienstleister kämpften mit andauernden Ausfällen. In der Region um Hadera war die Elektrizität am längsten weg, nachdem mehrere Bäume auf Stromleitungen gefallen waren. Eine Krankenschwester von Makkabi in Pardes Channa klagte: »Wir sitzen hier schon seit Stunden ohne Strom und vertrösten die Leute. All unsere Impfstoffe mussten wir entsorgen, weil die Kühlung nicht mehr funktionierte.« Am Montag früh waren noch immer Zehntausende Menschen ohne elektrische Versorgung.

In Tel Aviv sorgte die Gewalt des Meeres für schwere Schäden am Hafen der Stadt. Der Namal ist mit seinen zahlreichen Cafés, Restaurants und Geschäften beliebtes Ausflugsziel für Menschen von überallher. Am Sonntag peitschte unablässig starker Regen durch die Luft, die Winde gewannen an Geschwindigkeit. Am frühen Morgen rollten meterhohe Wellen über den Pier und beschädigten Front und Interieur vieler Lokale. Im »Comme il faut« zerbarsten Scheiben, Lampen, Tische und Stühle. »Gut, dass es geschehen ist, nachdem wir für die Nacht geschlossen hatten«, zeigte sich Manager Adi Aboh trotz des Schadens erleichtert, »sonst hätte es ein richtiges Unglück geben können«. Beobachter sagten, dass das Wasser um die 40 Meter landeinwärts floss. Die Strände von Jaffa, Tel Aviv und Herzlija verschwanden unter den Fluten.

Auch der antike Hafen von Caesarea kam nicht ungeschoren davon. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag brach ein Stück des altertümlichen Piers ab und fiel ins Meer. Die Kreuzritterstadt nebenan, eine der beliebtesten Touristenattraktionen, wurde durch heftige Windböen beschädigt. Schon vor Wochen hatte die Naturparkbehörde eindringlich gewarnt, dass der Hafen dringend gestützt werden müsse, da sonst der Kollaps drohe.

Sport Einzig einige Surfer betrachteten die Turbulenzen enthusiastisch. Sie stürzten sich halsbrecherisch in die Fluten, um die Wellen zu reiten, die seit Jahren nicht mehr so hoch waren.

Inzwischen dürften sich auch Wintersportfreunde freuen, wenn es heißt: »Ski und Rodel auf dem Hermon gut.« Innerhalb von 24 Stunden wurde der gesamte Berg in den Golanhöhen mit einer weißen Schicht überzogen, auf den Pisten sollen bereits 240 Zentimeter Schnee liegen. Noch ist das Wetter zu unberechenbar, um das Skigebiet für Besucher zu öffnen, doch wenn die Stürme nachlassen, kann die Skisaison beginnen.

Regen Kaum einer beklagt sich über nasse Füße, denn jeder Israeli ist sich bewusst: Nach den übermäßig heißen und trockenen Monaten kann es gar nicht genug Nass geben. Seit Beginn der Unwetter fielen in Obergaliläa insgesamt 209, an der nördlichen Küste 170, in Tel Aviv 70 und in Jerusalem 30 Millimeter Niederschlag.

Die richtig gute Nachricht zum Schluss: In nur einem Tag stieg das Niveau vom See Genezareth, Israels größtem Wasserreservoir, um fünf Zentimeter an.

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