Gewalt

»Wie im Bürgerkrieg«

Ein Israeli trägt eine Torarolle aus einer völlig abgebrannten Synagoge in Lod. Foto: Flash 90

In Lod wurde der Notstand ausgerufen. In der jüdisch-arabischen Stadt im Zentrum des Landes spielen sich seit Montagabend chaotische und beängstigende Szenen ab. Die Ausschreitungen der vor allem jungen arabischen Israelis scheinen außer Kontrolle zu sein.

Drei Synagogen, mehrere Geschäfte und zahlreiche Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt. Bürgermeister Yair Revivo spricht von Zuständen wie im Bürgerkrieg. »Jahrzehnte der Arbeit für Koexistenz sind damit zunichtegemacht.«

AUFSTOCKUNG Die Notstandsregelung überträgt den Sicherheitsbehörden mehr Freiheiten, wie sie mit den Ausschreitungen umgehen, beispielsweise können sie somit bestimmte Viertel vorübergehend abriegeln. Die israelische Regierung ordnete am Mittwochmorgen eine massive Aufstockung der Polizeieinheiten an, vor allem der Grenzpolizei – nicht nur in Lod, sondern in verschiedenen Städten mit gemischter Bevölkerung, darunter Haifa, Akko und der Tel Aviver Stadtteil Jaffa. In Akko wurden ein Hotel und ein Restaurant in Brand gesteckt.

Mehrere Menschen sind bereits verletzt worden. Ein 56-jähriger Mann in Lod erlitt schwere Verletzungen. Er fuhr in seinem Auto in der Stadt, als ein Steinbrocken das Fahrzeug traf. Andere Bewohner berichteten, dass Brandbomben durch die Fenster ihrer Häuser geworfen wurden. Die Polizei erklärte, sie habe einige Teilnehmer einer Veranstaltung in einem Gemeindezentrum nach Hause eskortieren müssen, weil sie von arabischen Krawallmachern bedroht worden seien.

»Ich fühle mich nicht mehr sicher in meinem Zuhause.«

Lior Benisti, Einwohner von Lod

Mehrere Anwohner berichteten in israelischen Medien von ihren Erlebnissen. »Ich fühle mich in meinem Zuhause nicht mehr sicher«, fasste Lior Benisti im Fernsehen zusammen. »Wir haben zwei kleine Kinder, aber keinen Sicherheitsraum. Aber wir sind geblieben. Lieber das Risiko der Raketen als das Chaos da draußen.«

TORAROLLEN Lods Bürgermeister Revivo erklärte, dass auch die Stadtverwaltung und ein Museum angegriffen worden seien. Er verglich die Situation mit der Pogromnacht von 1938, als Nazis in Deutschland jüdische Geschäfte und Gotteshäuser stürmten, in Brand setzten und zerstörten. Einwohner posteten in den sozialen Netzwerken ein Bild, das zeigt, wie Menschen die (unversehrten) Torarollen aus einer völlig abgebrannten Synagoge heraustragen.

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Am Montag war bei Ausschreitungen ein arabischer Mann von einem jüdischen Israeli in Lod erschossen worden. Drei Verdächtige sind daraufhin festgenommen worden. Sie beharren darauf, aus Notwehr gehandelt zu haben, doch der Richter Tal Aner erklärte, dass dies »nicht mit den Tatsachenberichten übereinstimme«. Eine vorläufige Untersuchung hatte ergeben, dass der Mann Dutzende von Metern entfernt gestanden habe. Aner verlängerte die Untersuchungshaft der Männer um drei Tage.

Es gab auch andere jüdische Racheakte, darunter in Lod, wo auf einem muslimischen Friedhof mehrere Brände entfacht wurden. In anderen Fällen seien Autofahrer von jüdischen Randalierern attackiert worden.

»Wir sehen etwas in den jüdisch-arabischen Städten, was so noch nie vorgekommen ist.«

Polizeichef Kobi Shabtai

Premierminister Benjamin Netanjahu stimmte sich derweil mit den Ministern der Ressorts Verteidigung, öffentliche Sicherheit sowie dem Chef der Polizei und anderen hochrangigen Offiziellen ab. Dabei machte er klar, man werde alles tun, »um die Ruhe wiederherzustellen«. Gegen Gesetzesbrecher werde mit voller Härte vorgegangen.

INTIFADA Polizeichef Kobi Shabtai erklärte, dass dies eine noch nie da gewesene Situation sei. »Wir sehen etwas in den jüdisch-arabischen Städten, was so noch nie vorgekommen ist. Auch nicht im Oktober 2000.«

Damit bezog sich Shabtai auf den zweiten Palästinenseraufstand in Israel, genannt Intifada, der damals begonnen hatte. Shabtai verlegte sein Büro vorübergehend nach Lod, um vor Ort die Einsätze der Einheiten zu koordinieren.

Auch Netanjahu besuchte die Stadt in der Nacht zum Mittwoch, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. »Ich sehe die Situation als extrem gravierend an. Das ist Anarchie vonseiten der Randalierer – und wir werden das nicht akzeptieren, sondern Recht und Ordnung mit eiserner Faust wiederherstellen.« Er forderte die Menschen auf, in ihren Häusern zu bleiben. Eine Ausgangssperre werde derzeit diskutiert.

ORDNUNG Der Vorsitzende der islamistischen Partei Raam, Mansour Abbas, der derzeit an den Koalitionsgesprächen für die Bildung einer Einheitsregierung beteiligt ist, rief seine Landsleute zur Ruhe auf: »Friedliche Proteste sind gewaltsam eskaliert und gefährden unsere jungen Leute. Ich verlange, dass Sie verantwortungsvoll und besonnen agieren. Behalten Sie die öffentliche Ordnung bei, halten Sie sich an das Gesetz. Schützen Sie Ihr Leben und das der anderen.«

Auch Präsident Reuen Rivlin schaltete sich ein. Er sprach am Dienstag mit arabischen Anführern und forderte von ihnen, ihre Gemeinden zur Vernunft aufzurufen. »Tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, um die Situation zu beruhigen. Das israelische Volk – Juden und Araber gleichermaßen – müssen die Stimme der arabischen Anführer hören, die sich klar gegen diese unkontrollierte Gewalt ausspricht.«

Markus Lanz

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