Geisel-Angehörige

Was die Eltern von Geiseln fühlen

Alon Nimrodi im Januar 2024 in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Geisel-Angehörige

Was die Eltern von Geiseln fühlen

Alon Nimrodi lebt seit dem 7. Oktober 2023 in der Hölle. Hier beschreibt er, was er alles tut, um seinen Sohn zurückzuholen, den die Hamas als Geisel in Gaza gefangen hält

von Alon Nimrodi  16.01.2024 17:48 Uhr

Wie sehen meine Tage aus? Meine letzten 100 Tage? Wie die Hölle. Jeder einzelne davon. Es gibt kurze Momente des Eskapismus, aber nicht wirklich. Ich denke an Tamir. Tag und Nacht. Was er fühlt, wie es ihm geht in diesen unfassbar schrecklichen Umständen. Und daran, was er an diesem furchtbaren Tag mit ansehen musste.

Ich weiß, dass drei gute Freunde, mit denen er sich auf der Militärbasis die Stube geteilt hat, vor seinen Augen erschossen wurden. Und dann wurde er zusammen mit zwei anderen, Ron Sherman und Nik Beizer, verschleppt.

Vor etwa einem Monat hat die Armee in einem Hamas-Tunnel die Leichen von Ron und Nik gefunden ... Verzeihen Sie, aber ich weine einfach, ich wehre mich nicht mehr dagegen. Ich weine den ganzen Tag. Wenn ich weine, dann weine ich ... Ron und Nik sind erstickt. Die Terroristen haben sie getötet, indem sie einfach die Lüftung abgestellt haben.

Nein, ich kann nachts nicht schlafen, mein Körper kollabiert von Zeit zu Zeit einfach. Aber nach drei Stunden schrecke ich wieder hoch. Ich kann stundenlang im Bett liegen, finde aber keinen Schlaf. Auch wegen der Albträume. Die Leute, die mich kennen, sagen, ich sei stark, aber das bin ich nicht. Ich habe unfassbare Angst um meinen Sohn, um alles, was gerade passiert. Es ist hart, den ganzen Tag daran zu denken, aber es ist in meinem Kopf, ob ich will oder nicht. Wie ein nicht enden wollender Alarm.

»Ich schreie für andere Eltern mit«

Ich reise sehr viel, um über meinen Sohn und die anderen Geiseln zu sprechen. Es gibt Familien, deren Angehörige verschleppt wurden, die ihr Zuhause nicht mehr verlassen, weil sie die Situation anders nicht ertragen. Für die gehe ich mit raus. Ich schreie für sie mit. Ich war zwei Mal in Amerika für 24 Stunden, jetzt bin ich hier. Ich würde nach Katar, nach Ägypten, nach Gaza gehen, um meinen Sohn zurückzubringen. Das ist mein Job: meinen Sohn zurückzuholen.

»Ich habe das Gefühl, dass die Geiseln dem Roten Kreuz egal sind.«

Vor dem 7. Oktober habe ich als Immobilienmakler gearbeitet und hatte eine kleine Cateringfirma. Aber das kann ich seit 100 Tagen nicht mehr. Für meine Arbeit musste ich mein Gesicht zeigen, Menschen glücklich machen. Wie soll ich das jetzt tun? Sehen Sie mich an. Ich treffe viele Menschen, Familien anderer Geiseln, Familien von Soldaten, Minister, den Premier, gebe Interviews.

Niemand hat etwas von Tamir gehört, niemand von den zurückgekehrten Geiseln hat ihn gesehen. Die Regierung und die Armee wissen vielleicht etwas über 20 oder 30 der Geiseln, über den Rest nichts. Wir erfahren alles aus den Nachrichten.

Deutscher Pass

Tamir hat einen deutschen Pass, ich weiß, dass die Deutschen viel tun, damit die Geiseln zurückkehren können. Da hilft der Pass sehr. Ich sehe und fühle, dass sie sich wirklich kümmern. Ich vertraue ihnen. Sie haben Kontakte nach Katar, Ägypten und in die Türkei. Sie müssen Druck machen. Vielleicht finden sie ja auch etwas heraus, vielleicht können sie beim Roten Kreuz etwas bewirken, damit die Geiseln wenigstens Medikamente bekommen. Tamir kann ohne seine Brille fast nichts sehen. Seine Mutter und ich haben das Rote Kreuz gebeten, ihm eine zu bringen. Sie wussten überhaupt nicht, was sie damit anfangen sollten. Sie tun nichts für Israelis. Sie helfen den Menschen in Gaza, aber nicht den Geiseln. Ich habe das Gefühl, dass sie ihnen egal sind.

Die größte Gruppe der Geiseln, die noch in Gaza sind, sind Männer zwischen 18 und 50 Jahren. Tamir ist Soldat. Viele Soldaten sind noch da. Niemand spricht darüber. Auch die israelische Regierung nicht. Wir müssen noch lauter sein! Wir müssen schreien, damit bei jedem Deal auch die Männer zwischen 18 und 50 dabei sind. Alle Geiseln habe Probleme, alle brauchen Hilfe.

»Öffnet eure Augen!«

Tamir und seine Freunde sind Israels Zukunft, die Zukunft der Welt. Wir können sie nicht alleinlassen. Wir müssen für sie kämpfen. Die Regierung und die Generäle sollten weniger reden und mehr tun. Holt die Geiseln zurück und dann zerstört die Hamas. Seid nicht so arrogant.

Was mir Kraft gibt, sind meine vielen guten Freunde, die ich zum Glück habe. Sie helfen mir jeden Tag und lassen mich nicht allein. Und mein Glaube hilft mir. Ich bin ein dummer Optimist. Aber ich weiß, dass Tamir lebt. Ich spüre ihn!

Ich glaube, dass viele Menschen nicht begreifen, wie die Situation in Gaza ist, wie die Situation in Israel ist. Seit Jahrzehnten nimmt die Hamas Spendengelder und baut damit Tunnel, kauft Waffen, bildet Kämpfer aus, zu dem einzigen Zweck, Israel und alle, die darin leben, zu zerstören. Und Israel muss vor den Internationalen Gerichtshof? Öffnet eure Augen!

Tamir Nimrodi hat als Bildungsoffizier in einem Stützpunkt direkt am Zaun nach Gaza gearbeitet. Er wurde als einer der ersten Soldaten von der Hamas verschleppt. Der 15. November war sein 19. Geburtstag.

Aufgezeichnet von Sophie Albers Ben Chamo

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