Israel

Warten auf Gilad

Die Uhren, die Gilads Tage in der Gefangenschaft in aller Welt aufgelistet haben, sind fast alle abgeschaltet. Foto: Flash 90

Der Herbst hat Einzug gehalten in Israel. Eine leichte Brise weht durch die Stoffwände der Laubhütten. Manche ziehen dünne Jacken über, während sie ihren Kaffee am Nachmittag trinken. Wo immer Menschen sitzen, heute gibt es nur ein Thema unter den Palmendächern: Wie viele Stunden noch, bis Gilad Schalit wirklich leibhaftig durch die Tür kommt.

Es ist Montag, 17 Uhr. Am Morgen des nächsten Tages schließlich soll es so weit sein: Der israelische Soldat wird nach fast fünfeinhalb Jahren in Gefangenschaft der Hamas endlich wieder frei sein. Via Grenzübergang Rafiach soll er aus dem Gazastreifen nach Ägypten überführt und von dort per Helikopter in die Militärbasis Tel Nof geflogen werden. Hier werden ihn Premierminister Benjamin Netanjahu, Verteidigungsminister Ehud Barak und Armeechef Benny Ganz in Empfang nehmen. Die Begrüßung soll schnell und ohne große Zeremonien ablaufen. Denn in derselben Basis warten gleichzeitig seine Eltern Aviva und Noam sehnsüchtig darauf, ihren Sohn in die Arme schließen zu können.

Die Uhren, die Gilads Tage in der Gefangenschaft in aller Welt aufgelistet haben – mehr als 1.940 –, sind fast alle abgeschaltet. Stattdessen wird im Fernsehen und auf Internetseiten nun rückwärts gezählt. Weniger als 24 Stunden noch.

Nicht nur seine Familie und Freunde warten in fast nicht mehr zu ertragender Gespanntheit. Fast die ganze Nation fiebert dem einen Moment entgegen. Dem, in dem Gilad israelischen Boden betritt. Kaum jemand, den sein Schicksal nicht berührt, der nicht mitgebetet und -gelitten hat.

Während es sicher alle der Familie Schalit gönnen, nach der schmerzhaft langen Zeit wieder vereint zu sein, so gibt es in den Stunden der Vorfreude jedoch Stimmen, die das Abkommen zwischen Jerusalem und der Hamas kritisieren. In Jerusalem marschierten am Nachmittag Dutzende von Menschen vom Herzlberg bis zum Obersten Gerichtshof, zum Großteil Angehörige von Terroropfern, die damit in den letzten Stunden gegen den Deal protestieren wollten.

30 Familien waren vor den Obersten Gerichtshof gezogen, um zu verhindern, dass Israel palästinensische Gefangene mit »Blut an den Händen« freilässt. Einer von ihnen ist Jossi Mendelewitch. 2003 wurde sein Sohn Juwal bei einem Terroranschlag getötet. »Krieg ist immer schlimm, da sterben Menschen«, sagte er im Fernsehkanal 2, »und andere enden in Gefangenschaft.« Diese Kampagne zur Freilassung von Gilad Shalit ist in seinen Augen nichts als Gehirnwäsche gewesen. »Es ist völlig falsch, diesen Preis zu bezahlen.« Einhellige Meinung der Abkommensgegner ist, dass durch die Freilassung von verurteilten Mördern »der Terrorismus gewinnt«. Netanjahu erklärte in einem Brief an die Familien, dass er ihren Schmerz verstehe.

Gilads Vater saß während der gesamten Verhandlung im Gerichtssaal und betonte, dass jede Verzögerung des Abkommens »das Leben meines Sohnes gefährdet«. Das Urteil wird in den nächsten Stunden bekanntgegeben. Experten gehen davon aus, dass sich das Gericht aus der politischen Entscheidung heraushalten wird.

Auch in Ramalla sind nicht alle Menschen himmelhochjauchzend. Dutzende von Familien versammelten sich auf dem zentralen Platz der Westbank-Stadt mit Bildern ihrer Angehörigen in den Händen. Die Väter, Mütter und Ehefrauen verlangten die Freilassung der palästinensischen Gefangenen, die nicht im Abkommen enthalten sind. Währenddessen laufen in mehreren israelischen Gefängnissen die Vorbereitungen auf Hochtouren. 1.027 Häftlinge, die im Austausch mit dem Israeli freigelassen werden, müssen identifiziert, untersucht und schließlich in verschiedenen Etappen gen Westbank oder Gazastreifen gebracht werden.

Den ganzen Tag über laufen Nachrichtensendungen auf sämtlichen lokalen Fernsehstationen. Auf Kanal zwei werden immer wieder Bilder der jahrelangen Kampagne zur Freilassung von Gilad Shalit eingeblendet. Aktivisten in weißen T-Shirts sind zu sehen, wie sie protestieren, durch das Land marschieren und schließlich nach Bekanntgabe der bevorstehenden Freilassung tanzen, lachen und einander in die Arme fallen. Dazwischen Fotos des jungen Israelis, dessen Gesicht heute fast die ganze Welt kennt. »Gilad lebt noch«, lautete fünf Jahre lang das Motto. Heute heißt es: »Anachnu mechakim lecha babait - Wir warten zu Hause auf dich«.

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Bildung

Fragt mich!

Der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour besucht regelmäßig Schulen. Hier erzählt er, wie aus Sprachlosigkeit ein offener Austausch über Antisemitismus, Israel und den Nahostkonflikt entstehen kann

von Ahmad Mansour  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Jerusalem

Netanjahu: Sturz des Regimes im Iran »zentrale Mission« Israels

»Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Lage sind, diese Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen«, sagt der Ministerpräsident

 04.09.2026

Knesset-Wahlen

Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik

Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht

von Guy Katz  04.09.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 04.09.2026

Interview

»Die meisten arabischen Staaten wollen, dass Israel gewinnt«

Dan Schueftan gilt als wichtigster israelischer Sicherheitsexperte. Er sieht Jerusalem so stark wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  03.09.2026

Umfrage

Umfrage: Netanjahu-Lager holt auf, beide Blöcke bei 53 Mandaten

Noch vor einer Woche hatte dieselbe Umfrage ein deutlich anderes Bild ergeben. Damals lag die Opposition mit 57 Sitzen vorn

 03.09.2026

Missbrauch

Razzia gegen Kinderehen

Die Polizei ermittelt gegen eine strengreligiöse sektenähnliche Gruppe wegen illegaler Hochzeiten von Minderjährigen

von Sabine Brandes  03.09.2026