Literaturbetrieb

Volk des Billigbuchs

Gehört keiner großen Kette: der Buchladen »Sketchbook« von Meier Solomon in Tel Aviv Foto: Stephan Pramme

Eine Kriegserklärung klingt zuweilen ganz harmlos: »Vier Bücher für hundert Schekel (20 Euro)!« Mit dieser Aktion eröffnete die Buchkette Tzomet Sfarim vor fünf Jahren eine bis dato unbekannte Preisschlacht und forderte so Steimatzky, den Platzhirschen auf Israels Markt für alles Bedruckte, heraus. Dieser konterte sofort mit einem »Zwei Bücher zum Preis von einem!«-Angebot, das der Newcomer wiederum mit der Offerte beantwortete, beim Kauf eines Buches zum vollen Preis zwei weitere für jeweils nur zehn Schekel (zwei Euro) draufzulegen.

»Der Wettbewerb zwischen Tzomet Sfarim und Steimatzky geht voll auf unsere Kosten«, klagte schon vor Monaten Avner Fahima, Chef des Korim-Verlages. »Sie verkünden ein Sonderangebot nach dem anderen, mit dem Resultat, dass wir am Ende noch draufzahlen, wenn unsere Bücher verkauft werden sollen.« Im Juli 2011 ging der Kampf der Giganten in eine neue Runde. So verlangte Steimatzky plötzlich von allen Verlagshäusern, ihre eigenen Sonderpreisaktionen exklusiv über ihre Läden laufen zu lassen.

Die Konkurrenz wäre dann ge-zwungen gewesen, dieselben Bücher ausschließlich zum Normalpreis anzubieten. Einige renommierte Verlage ließen sich auf diesen Deal ein, woraufhin Tzomet Sfarim sofort die israelischen Kartellwächter benachrichtigte, die dann ausgerechnet den Verlagen ein illegales Verhalten attestierten. Dabei kämpft Tzomet Sfarim selbst mit harten Bandagen. »Man wollte auf einmal 80 Prozent Rabatt von uns haben«, berichtete ein Verlagsbesitzer, der lieber anonym bleiben wollte, der Zeitung Haaretz. »Das ist glatte Erpressung!«

Ruinös Doch nun gehen auch Israels Schriftsteller gegen die ruinöse Preispolitik der Buchketten auf die Barrikaden. Über 270 Autoren, Übersetzer und Lektoren haben sich vor wenigen Tagen in einer Petition an Kultusministerin Limor Livnat gewendet und formulierten darin mehrere Forderungen: Zum einen sollen Bücher in den ersten 18 Monaten nach ihrer Erstveröffentlichung nicht als Sonderangebote auf dem Markt angeboten werden. Allenfalls anlässlich der »Woche des Hebräischen Buches« sowie den Hohen Feiertagen sind Ausnahmen erlaubt. Zum anderen wollen Schriftsteller für die ersten 6.000 verkauften Exemplare mit acht Prozent am Umsatz beteiligt werden, danach mit zehn Prozent.

Zwar befinden sich in den Reihen der Unterzeichner auch zahlreiche prominente Vertreter der schreibenden Zunft wie Amos Oz, A. B. Jehoschua und David Grossman, die aufgrund ihrer Auslandsverkäufe garantiert nicht am Hungertuch nagen müssen. Doch hilft ihnen das wenig, wenn in Israel die Verlage ins Trudeln geraten.

Und selbst ein bekannter Schriftsteller wie Yoram Kaniuk musste vor einigen Jahren öffentlich um finanzielle Unterstützung bitten, weil er von den ein oder zwei Schekel, die pro verkauftem Buch maximal in seine Tasche wandern, nicht leben kann. »Ich habe die Schnauze voll von Knesset-Abgeordneten, die gegen die Literatur kämpfen und es Autoren nahezu unmöglich machen, ein wenig Profit von ihrer Arbeit zu sehen«, wetterte er gegen die aktuelle Praxis, dass die beiden rivalisierenden Ketten ihre Preisschlacht auf Kosten von Schriftstellern wie ihn ausfechten dürfen.

Daran ändert die Tatsache, dass die Israelis fleißige Leseratten sind und jedes Jahr rein quantitativ immer mehr Bücher kaufen, relativ wenig. Über 30 der Unterzeichner der Petition wandten sich deshalb mit einem weiteren Brief ebenfalls an Steimatzky und Tzomet Sfarim und forderten ein Ende der »beschämenden und verletzenden Praxis, die unsere Arbeit restlos entwertet«. Bereits vor Wochen hatte sich in sozialen Netzwerken Unruhe verbreitet, weil beispielsweise der Schriftsteller Alex Epstein dazu aufforderte, die Großen im Geschäft zu boykottieren. »Kauft nicht auf dem Bücherfriedhof!«, hieß es da.

Debatte »Die Antwort könnte eine Art Buchpreisbindung sein«, erklärte schon vor drei Jahren Nitzan Horowitz, Knessetabgeordneter der Meretz-Partei und ein bekannter Journalist. Seither setzt er sich dafür politisch ein, doch bisher ohne Erfolg. Die neue Petition kann der Debatte aber mehr Aufmerksamkeit verleihen.

Aus den Chefetagen der beiden Ketten kommen inzwischen versöhnliche Töne. »Wir respektieren den Willen all der Autoren, wenn sie ihre Werke nicht als Teil eines Sonderangebotes sehen wollen«, verkündete Tzomet Sfarim-Chef Avi Schumer. Steimatzky-Geschäftsführerin Iris Barel ließ sogar ein wenig Sympathie für die Petition erkennen: »Natürlich glauben wir, dass ein Buch nicht 89 Schekel (rund 18 Euro) kosten muss und sein Preis drastisch reduziert werden kann. Aber wir müssen uns ebenfalls darum kümmern, dass die Autoren, insbesondere die, die Bücher in hebräischer Sprache verfassen, davon leben können.« Was von diesen Worten zu halten ist, wird die nächste Preisschlacht zeigen.

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