Jerusalem

Vakzine für die Diplomatie

Heiß begehrt weltweit: die Impfstoffe gegen das Coronavirus Foto: Flash90

Impfstoffe scheinen derzeit wertvoller als Gold und Edelsteine. In vielen Ländern der Welt werden sie noch händeringend erwartet, während sich das Coronavirus weiter ausbreitet. Nicht so in Israel. Offenbar hat der kleine Nahoststaat mehr als genug davon – denn laut Berichten des öffentlich-rechtlichen Senders Kan plant Premier Benjamin Netanjahu, rund Hunderttausend Impfosen ins Ausland zu verschicken, »im Gegenzug für diplomatische Unterstützung«.

BEZIEHUNGEN Netanjahu habe offenbar vor, 15 Ländern Vakzine zu senden. Zu einigen habe Israel in den vergangenen Jahren besonders gute Beziehungen gepflegt, hieß es. Dazu sollen der Tschad, Italien, die Tschechische Republik, Ungarn, Guatemala und Honduras gehören.

Gutatemala hatte seine Botschaft 2018 nach Jerusalem verlegt, Honduras angekündigt, dies tun zu wollen. Ungarn hatte dort ein Handelsbüro eröffnet, während die Tschechische Republik vor einer Weile verkündete, ein »diplomatisches Büro« in Jerusalem einrichten zu wollen.

WESTJORDANLAND Auch sollen Impfstoffe an weitere, nicht genannte Länder sowie zusätzliche ins Westjordanland geschickt werden, um palästinensisches Medizinpersonal zu impfen. Im vergangenen Monat hatte Israel bereits 5000 Dosen entsprechend der Empfehlung der israelischen Armee an die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) geschickt.

Das Büro des Premierministers schrieb: »Im Angesicht der erfolgreichen Impfkampagne in Israel haben wir viele Anfragen aus der ganzen Welt erhalten, mit Lieferungen von Vakzinen zu helfen.« Bestätigt wurde aber lediglich die anvisierte Sendung an Ramallah, den Sitz der PA. Israel erwartet in den nächsten Tagen weitere 1.5 Millionen Einheiten von BioNTech/Pfizer, im März sollen zudem Hunderttausende von Impf-Dosen des US-Herstellers Moderna geschickt werden.

»Ausschließlich ein dringender Notfall rechtfertigt solch einen Schritt.«

Blau-Weiß-Chef Benny Gantz

Politiker aller Seiten zeigten sich anschließend entrüstet. Das Außenministerium in Jerusalem ließ wissen, es bestehe die Abmachung, dass überschüssige Vakzine erst dann an andere Länder abgegeben werden dürfen, wenn alle Israelis durchgeimpft sind. Sogar Netanjahus Parteikollege im Likud, Finanzminister Yisrael Katz, erwiderte in einem Interview im Armeeradio, dass er zwar derjenige sei, der die Schecks unterschreibe, doch von diesem Unterfangen »keinerlei Ahnung« gehabt habe.  

KÖNIGREICH Blau-Weiß-Vorsitzender und Verteidigungsminister Benny Gantz schrieb auf Twitter: »Die Tatsache, dass Netanjahu ohne Diskussion und Verantwortlichkeit mit Vakzinen handelt, die mit israelischen Steuergeldern bezahlt sind, zeigt, dass er denkt, er regiert ein Königreich und keine Demokratie«.

Solche Vorgänge würden Diskussionen und vorherige Bestätigungen brauchen, beschwerte sich Gantz weiter. »Ausschließlich ein dringender Notfall in Sachen Sicherheit, Politik oder öffentliche Gesundheit rechtfertigt solch einen Schritt.« Netanjahu hätte es vorher der Öffentlichkeit oder wenigstens den entsprechenden Gremien präsentieren müssen.

EINWOHNER In Israel sind mittlerweile mehr als 4,4 Millionen Einwohner geimpft worden. 33 Prozent haben bereits die zweite Spritze des Mittels BioNTech/Pfizer erhalten und gelten damit als immunisiert.

Am 8. März wird der Geschäftsführer von Pfizer, Albert Bourla, zu einem Besuch in Israel erwartet, um weitere Abkommen zu besprechen. Angeblich gehe es um zusätzliche Millionen Impfdosen, die die Regierung nach Angaben des Armeeradios bestellen will, in der Annahme, dass man die Bevölkerung eventuell in sechs Monaten erneut impfen müsse.

Israelische Wissenschaftler warnten Bourla, dass Netanjahu seinen Besuch für den Wahlkampf ausnutzen könne. In Israel wird am 23. März zum vierten Mal innerhalb von weniger als zwei Jahren gewählt.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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