Flüchtlinge

Ungewollte Eindringlinge

Afrikaner, die illegal ins Land kommen, will die Regierung nur kurzzeitig aufnehmen und bald wieder ausweisen. Foto: Flash 90

Es ist ein moderner Exodus. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen Männer, Frauen und Kinder ihre Heimatländer. Sie sind auf der Flucht vor bitterster Armut, viele vor Gewalt und Tod. In manchen Nächten sind es weit mehr als hundert Menschen, die durch die undichte Grenze zwischen Israel und Ägypten ins Land schlüpfen. Doch die afrikanischen Flüchtlinge stellen den jüdischen Staat mehr und mehr auf die Probe. Die Stimmen in Politik und Bevölkerung, die meinen, dass das kleine Land den Strom der Hilfesuchenden bald nicht mehr bewältigen könne, werden lauter. Jetzt beschloss die Knesset den Bau eines Internierungslagers in der Negevwüste. Gleichzeitig wird derzeit der löchrige Übergang zum Nachbarstaat verstärkt.

Nach Angaben der Einwanderungsbehörden sind bis heute insgesamt mehr als 30.000 illegale Einwanderer vor allem aus dem Sudan, Äthiopien und Eritrea nach Israel gekommen. Sie leben vor allem im Süden Tel Avivs und Eilat, viele arbeiten in den dortigen Hotels und Restaurants.

In den vergangenen Monaten sind zudem immer mehr von ihnen auf der Suche nach billigen Unterkünften in die Tel Aviver Nachbarstadt Bnei Brak gezogen. Sehr zum Ärgernis vieler alteingesessener Bewohner, die zum Großteil streng religiös sind. Es gibt jedoch auch einige, die Kapital aus der Not der Flüchtlinge schlagen. Sie unterteilen Wohnungen in viele winzige Kemenaten und vermieten sie zu horrenden Preisen. Verschiedene Rabbiner und der Bürgermeister von Bnei Brak haben eine Kampagne »gegen die Fremden« ins Leben gerufen, die die Afrikaner aus der Stadt vertreiben soll. Mit einer Hotline werden Bürger aufgerufen, Nachbarn zu verpfeifen, wenn sie »Wohnungen an Nichtjuden vermieten«.

Planung Durch das Flüchtlingslager sollen die Menschen nach ihrem Grenzübertritt gar nicht erst in die Städte gelangen. Bis zu 10.000 Menschen sollen nach der Fertigstellung dort untergebracht werden. Vor allem jene, die der Staat nicht deportieren kann, weil sonst ihr Leben in Gefahr wäre. Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, ein Bett sowie medizinische Betreuung sollen den Flüchtlingen dort zur Verfügung gestellt werden, arbeiten dürfen sie nicht. Innerhalb von sechs Monaten bereits sollen Planung und Bau abgeschlossen sein.

Premier Benjamin Netanjahu argumentiert, dass es auch in westlichen Ländern, etwa Australien, Holland und Italien, derartige Internierungslager gäbe. Die Flüchtlinge sollen nur temporär aufgenommen werden, bevor sie in ihre Heimat‐ oder sichere Drittländer deportiert werden können. Oberstes Ziel sei es, den Willen der Afrikaner zu unterdrücken, aus wirtschaftlichen Gründen nach Israel zu kommen und so die Masseneinwanderungen zu verhindern. Innenminister Eli Yishai von der Schas‐Partei, der als Hardliner in Sachen Flüchtlingspolitik gilt, meint: »Die Eindringlinge gefährden nicht nur die Arbeitsplätze für Einheimische, sondern auch den jüdischen Charakter Israels.«

Schicksal Daniel ist Vater von zwei Kindern und seit vier Jahren im Land. Der christliche Sudanese ist aus seiner Heimat geflohen, nachdem seine Eltern vor seinen Augen ermordet wurden. In Israel hat er, wie die meisten seiner Landsleute, um politisches Asyl gebeten, das Verfahren steht noch aus. Die Nachricht über das Lager erfüllt ihn mit großem Schrecken. »Ich war schon im Sudan zwei Jahre lang in einem Gefängnis, und das war die Hölle. Hier arbeite ich und versorge meine Familie. Zum ersten Mal überhaupt geht es uns gut.« Der 34‐Jährige ist den Tränen nah, wenn er von seinen Söhnen erzählt. »Wir sind geflohen, um das Leben unserer Kinder zu retten. Hier ist ihr Zuhause, sie gehen in eine israelische Schule und den Kindergarten. Sie sprechen nur Hebräisch.«

Die Organisation »Ärzte für Menschenrechte« warnt, dass eine Unterbringung in einem derartigen Lager die »Flüchtlinge, von denen die meisten Schreckliches erlebt haben, noch weiter traumatisieren könnte«. Hilfsorganisationen protestieren gegen den Plan. In einem offenen Brief bat die Vereinigung für Bürgerrechte in Israel den Ministerpräsidenten, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. Mitglied und An‐walt Oded Feller erklärt: »Wir haben ihm geschrieben, dass dies ein weiterer Schritt seitens der Regierung ist, der ethische und legale Verpflichtungen ignoriert. Anders als von ihm gesagt, stimmt es nicht, dass in europäischen Ländern Flüchtlinge ohne Zeitlimit eingesperrt werden.« Bereits heute befinden sich in israelischen Gefängnissen neben Männern auch Frauen und Kinder, zum Teil ohne Zugang zu Bildung, den Medien und rechtlichen Beistand.

Daniel plädiert an das Mitgefühl der Israelis: »Ich will nicht in ein Gefängnis mit Stacheldraht, einem Bett und etwas Essen. Ich möchte weiterhin für mein eigenes Leben sorgen – und für das meiner Kinder.«

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