Medienkritik

Typisch israelisch!

Tel Aviv, wie es alle lieben Foto: copyright (c) Flash90 2017

Vor einiger Zeit bat mich ein Magazin um einen kleinen Text darüber, wie junge Israelis heute zu Deutschland stehen. Der Artikel war schnell geschrieben, das Magazin versprach, mir vor der Veröffentlichung das Layout der Endversion zu schicken, drei, vier Tage später bekam ich wie angekündigt das PDF – und sah, dass über meinem Beitrag das Foto eines Hinterkopfs mit bunter gehäkelter Kippa prangte.

Kippa Ich rief die Redakteurin an, und sagte, das Foto sei natürlich sehr hübsch, aber in meinem Beitrag gehe es um Tel Aviver Hipster, die von durchzechten Nächten im Berghain schwärmen; die Zahl der Kippaträger halte sich da eher in Grenzen.

Ja, aber das müsse ich doch verstehen, erwiderte sie, man brauche halt irgendetwas Typisches. »Wenn die Leute auf dem Bild kein Käppchen tragen, kapiert der Leser doch nicht, dass das Israelis sind.«

Ich überlegte mir, sie zu fragen, ob sie eigentlich auch jeden Artikel über Franzosen mit ein paar Baskenmützen bebildere, fragte nicht, weil ich das dann doch ein wenig schnippisch fand, fing stattdessen an, davon zu erzählen, wie heterogen die israelische Gesellschaft sei, von Säkularen, Religiösen, Linken, Rechten, Hedonisten, Fundamentalisten … bis die Redakteurin, wahrscheinlich aus purer Erschöpfung, zustimmte, es sich noch mal zu überlegen. Ein paar Wochen später erschien der Artikel, darüber: ein Foto von einem siebenarmigen Leuchter.

SCHLÄFENLOCKEN Es ist nicht das erste Mal, dass mir beim Schreiben über Israel so etwas passiert. Und es kommt noch viel, viel öfter vor, dass mir beim Lesen oder Radiohören oder Fernsehen über Israel ziemlich genau dasselbe auffällt. Immer wieder wundere ich mich, mit welcher Zuverlässigkeit in TV-Beiträgen spätestens nach 30 Sekunden ein Mann mit Schläfenlocken durchs Bild läuft, ganz gleich, ob es um Mea Schearim geht oder um eine Schwulenparty am Tel Aviver Strand. Vielen deutschen Medienleuten scheint, abgesehen vom Nahostkonflikt, zu Israel nicht viel mehr einzufallen als Religion – was vielleicht nicht wirklich überraschend ist: Zu deutschen Juden, denen sie statistisch betrachtet ja eher mal persönlich begegnet sein könnten als israelischen, fallen den meisten ja auch nur zwei Dinge ein: noch mal Religion. Und Antisemitismus – gegen den man sich wiederum bevorzugt mit dem Zeigen religiöser Symbole ausspricht, Stichwort »Wir tragen Kippa«.

In jedem Israeli steckt ein Macho. In jeder Israelin auch. Oft genug auch schon in den Kindern.

Nun möchte ich solche Aktionen gar nicht schlechtreden; Solidarität ist immer eine gute Sache, auch wenn es natürlich wünschenswert wäre, dass sie sich in Zukunft vielleicht auch mal dann zeigt, wenn jemand in der U-Bahn angepöbelt wird und es nicht mehr mit dem Aufsetzen lustiger Ausschneide-Kippot getan ist, sondern man mal wirklich den Mund aufmachen muss. Aber viel problematischer als die vielleicht etwas zweifelhafte Ernsthaftigkeit des Ganzen finde ich, dass hier wie dort der Eindruck entsteht, »Juden« und »Menschen jüdischen Glaubens« seien Synonyme. Was mich stört, ist, dass sich mehr und mehr ein Bild festsetzt, das der Realität schlichtweg nicht gerecht wird, weder der jüdischen Gemeinde in Deutschland, noch den sechseinhalb Millionen Juden in Israel, von denen manche ihren Tag betend beginnen und betend beenden – und andere einen geradezu offensiven Atheismus vor sich hertragen.

Nun muss man fairerweise anmerken, dass die Überrepräsentation des Religiösen in der deutschen Israel-Berichterstattung natürlich nicht von ungefähr kommt. Ja, das Land, das, ob zu Recht oder Unrecht, so gern das »Heilige« genannt wird, ist nicht wie jedes andere, auch deshalb, weil die Meinungen darüber, ob Israel denn nun ein Staat für die Juden oder ein jüdischer Staat sein soll, eben auch innerhalb der Bevölkerung sehr weit auseinander gehen.

KONZESSIONEN Ja, Konzessionen, die bei der Gründung vor 71 Jahren an die damals ziemlich überschaubare Minderheit Ultraorthodoxer gemacht wurden, bestehen zum Teil bis heute, wie etwa das Machtmonopol des Rabbinats, Ehen zu schließen und zu scheiden, oder die Tatsache, dass am Schabbat, dem für viele einzigen Tag, um Freunde und Familie zu besuchen, die öffentlichen Verkehrsmittel stillstehen. Ja, ultraorthodoxe Männer verbringen bisweilen ihr halbes Leben mit religiösen Studien, ohne einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, während ihre sieben, acht, neun Kinder Schulen besuchen, denen die Regierung erlaubt, selbst zu entscheiden, ob sie Fächer wie Mathematik oder Biologie überhaupt unterrichten wollen. Und ja, die Ergebnisse der Wahlen im April machen ziemlich deutlich, dass es einen beachtlichen, vor allem sehr einflussreichen Teil der Gesellschaft gibt, der möchte, dass das auch genau so bleibt.

Aber: Der Teil, der das nicht möchte, ist mindestens ebenso groß. Gegen das Fahrverbot öffentlicher Verkehrsmittel am Schabbat sprechen sich derzeit zum Beispiel 64 Prozent der jüdischen Israelis aus. 49 Prozent geben an, nicht religiös zu sein; jeder Fünfte sagt, er glaube nicht an Gott. Als ultraorthodox definieren sich, je nach Umfrage, hingegen gerade einmal acht bis zwölf Prozent.

Ähnlich gespalten sind jüdische Israelis bei der Frage, was Jüdischsein für sie überhaupt bedeutet. 55 Prozent sagen, für sie sei es vor allem die Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder die Bindung an eine Kultur, 22 sehen das Judentum in erster Linie als Religion, 23 Prozent sowohl als das eine als das andere.

Sie alle sind Israelis – und könnten doch unterschiedlicher nicht sein.

»Das ist ja schön und gut«, sagt eine Freundin in Deutschland, als ich ihr von der Sache mit dem Magazin erzähle, »aber ›alle total unterschiedlich‹ lässt sich halt schwer in einem Foto einfangen, ne? Was wäre für dich denn typisch israelisch?«

Das lasse sich so einfach nicht beantworten, wehre ich ab, es komme eben darauf an, um wen oder was es konkret gehe, man könne nicht das ganze Land über einen Kamm scheren … Aber während ich mich noch um Festlegungen winde, merke ich selbst, dass das wiederum ziemlich deutsch ist, dass ein Israeli an meiner Stelle längst eine Antwort gegeben hätte, egal welche, Hauptsache, sie käme nicht so zögerlich daher, denn wenn eines mal wirklich typisch für einen Israeli ist, dann, dass er keine Angst vor klaren Aussagen hat. Wenn eines typisch für Israelis ist, dann, dass sie extrem direkt sind, was manchmal taktlos oder kränkend oder auch einfach unverschämt sein kann, aber hie und da auch ziemlich befreiend. Dass sie den Pragmatismus der Höflichkeit vorziehen, sei es, weil das moderne Hebräisch nicht einmal über halb so viele Wörter wie das Deutsche verfügt und große Schnörkel schlicht nicht zulässt, sei es, weil das Leben in Israel einem Hochdruckkessel gleicht und für zu viel Romantik keine Zeit bleibt.

MACHO Wenn eines typisch für Israelis ist, dann, dass in jedem Mann ein Macho steckt. Und in jeder Frau auch. Und oft genug auch schon in den Kindern. Dass die sich bisweilen aufführen, als gehörte ihnen die ganze Welt. Und dann doch so herrlich tough und unerschrocken und selbstbewusst sind, dass ich manchmal wünschte, ich hätte meine Kindergartenjahre hier verbracht.

Wenn etwas typisch für Israelis ist, dann dass sie, während der Deutsche sich noch fragt, ob die Idee, die er da neulich hatte, jetzt wirklich sooooo gut ist, einfach schon mal loslegen, was zu irren Erfindungen und Innovationen und ständig neuen Start-up-Gründungen führt. Aber eben auch zu großem Dilettantismus. Dazu, dass man niemals, aber auch wirklich niemals das bekommt, was man eigentlich will, über was sich dann so laut gestritten wird, dass es garantiert die ganze Nachbarschaft mitkriegt.

Wenn etwas typisch für Israelis ist, dann, dass sie nichts mehr fürchten, als für dumm verkauft zu werden, dass sie lieber stundenlang weiter debattieren, als dass einer riskieren würde, zu früh aufzugeben, einander beschimpfen, anbrüllen, verwünschen – nur um sich nach Beilegung des Zwists geradezu anerkennend auf die Schulter zu klopfen, wie zwei Tennisspieler, die sich nach dem Match die Hände reichen.

Brüllen, Schreien, Schimpfen: Diskutieren bedeutet für die meisten Israelis Lebensqualität.

Wenn etwas typisch für Israelis ist, dann, dass sie ein großes Talent für Freundschaften haben, sowohl zum Pflegen alter als auch zum Knüpfen neuer, dass sie es zumindest mir, als ich vor fast zehn Jahren hierherkam, extrem leicht machten, mich in dieses Land zu verlieben, gerade weil es eines ist, das sich nicht so schnell definieren lässt, das so viele unterschiedliche Gesichter hat, die einen immer wieder überraschen – und die es alle verdienen, gezeigt zu werden.

Die Autorin ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr der Roman »Fünf Kopeken« (Eichborn).

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