Tourismus

Trübe Aussichten

Nur noch sehr wenige Touristen können sich an einem Bummel über den Schuk in Jerusalem erfreuen. Foto: Flash90

Das Wetter spielt mit bei der Tragödie. Trübe wie der Himmel ist auch die Stimmung bei denjenigen, die in der Tourismusbranche tätig sind. Chanukka ist gerade vorbei, Weihnachten steht vor der Tür. Doch Touristen gibt es keine im Heiligen Land. Israel ist seit Ende November wieder einmal für alle Ausländer zu.

Dabei waren die Grenzen erst am 1. November nach mehr als 18 Monaten wieder aufgemacht worden. Die Reiseleiter waren hoffnungsfroh, dass dies die Wende in der Corona-Krise sein könnte. Doch am 28. Tag war schon wieder Schluss. Omikron kam – und die Besucher aus dem Ausland nicht mehr.

In diesen Tagen trifft es die Orte besonders hart, die Ende des Jahres traditionell von christlichen Pilgern besucht werden: Jerusalem, Nazareth sowie Bethlehem im Westjordanland. Dort, in den Hochburgen der christlichen Gemeinden, hatte man nach der Öffnung im November Hoffnung geschöpft, dass es doch noch eine einträgliche Saison werden könnte.

enttäuschung Und nun: »Das große Nichts«, beklagt Yousef Abadi, der seit zwei Jahrzehnten christliche Reisegruppen durch die Altstadt Jerusalems führt. Er hatte »inständig gehofft, dass die Öffnung bis nach Weihnachten anhält«, und war bereits bis Ende Januar gebucht. »Aber wen soll ich anklagen, wen beschuldigen? Es ist nichts zu machen. Dies wird eine sehr stille und traurige Weihnacht werden.«

Vor der Pandemie brachte der Tourismus Israel über sieben Milliarden Dollar im Jahr ein.

Auch zehn Kilometer südlich von Jerusalem, in Bethlehem, ist die Enttäuschung immens. In der Erwartung der Touristen hatte man alle Souvenirläden entstaubt, Restaurants geöffnet und die Hotels auf Hochglanz gebracht. Die Tourismusbehörde der Stadt gibt an, dass Weihnachten Hochsaison für die Geburtsstadt Jesu ist. 2019 waren bis zu 12.000 Besucher täglich in die Geburtskirche gepilgert, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Die meisten kamen aus dem Ausland. Heute sind es kaum mehr als 100, fast alles Einheimische.

wut Vor der Pandemie hatte Israel eine boomende Tourismusindustrie, die 2019 rund viereinhalb Millionen Besucher jährlich verzeichnete und der Wirtschaft damit mehr als sieben Milliarden Dollar einbrachte. Für die Reiseleiter ist die Situation desaströs. Viele von ihnen sind seit zwei Jahren ohne Beschäftigung, jegliche Arbeitslosenunterstützung endete im Sommer. Finanzminister Avigdor Lieberman hatte vor einigen Tagen eine Nachricht für sie: »Suchen Sie sich einen anderen Job.« Zwar ruderte der Minister später zurück und erklärte, er schnüre ein Hilfspaket, doch der Schaden war angerichtet.

Die Resonanz waren Wut und Enttäuschung. Am Montag versammelten sich mehr als 500 Vertreter der Branche zu einer Protestkundgebung am Eingang des Flughafens Ben Gurion. Einer der Organisatoren war Yoav Rotem. »Der Tourismussektor ist nicht tot. Die Regierung versucht aber, ihn lebendig zu begraben«, sagt er. »Der Hilfsplan ist keine Lösung. Die Regierungsbehörden haben nie mit uns gesprochen oder sich mit uns beraten. Sie ignorieren die Menschen in diesem Sektor völlig. Als wären wir unsichtbar.«

Rotem hat sich in den vergangenen zwei Jahren durch Ersparnisse, Hilfe von Familie und Freunden oder Aushilfsjobs über Wasser gehalten. Er will keinen anderen Job. »Das Führen von Reisegruppen ist eine Leidenschaft, eine Berufung. Ich habe zwei Jahre dafür studiert und über ein Jahrzehnt in meine Karriere investiert.« Die Hilfen für den Sektor würden weniger kosten, als ihn wieder aufzubauen, ist er überzeugt.

entscheidungen Der Professor für Tourismus und Dekan des Campus Eilat der Ben-Gurion-Universität, Yaniv Poria, nennt die Entscheidungen von Premierminister Naftali Bennett, die Grenzen für Ausländer zu schließen, »unverantwortlich«. Tourismusminister Yoel Razvozov kritisiert er dafür, dass er sich nicht für eine Branche einsetzt, die von der Pandemie am stärksten betroffen ist.

Für die Reiseleiter ist die Situation desaströs. Viele von ihnen sind seit zwei Jahren ohne Beschäftigung.

»Wenn der Tourismus in Israel geschlossen wird, während andere Länder es nicht tun, muss der Chef des Tourismus eine Form der Entschädigung anbieten.« Es sei unlogisch, dass kein Ausländer nach Israel reisen darf, Israelis aber andere Länder besuchen dürfen.

zukunft Die Auswirkungen dieser Politik lägen nicht nur in der Gegenwart, ist der Professor überzeugt. Denn: »Die Entscheidung, alles so schnell zu schließen, hat viele globale Reiseanbieter dazu veranlasst, in Zukunft Geschäfte mit Israel zu überdenken. In Zypern, Griechenland, der Türkei, Ägypten und anderen Ländern geht das Leben weiter. Nur hier steht alles still. Sie wollen keine Geschäfte mehr mit uns machen.«

Israel werde auf lange Sicht einen gravierenden Mangel an Arbeitskräften im Tourismus und Gastgewerbe haben und nicht in der Lage sein, mit anderen beliebten Reisezielen zu konkurrieren, warnt er. »Unsere Konkurrenten arbeiten weiter und bewegen sich vorwärts.« Seiner Meinung nach hätte die Regierung in Jerusalem während der Krise in die Tourismusinfrastruktur investieren, das Erlebnis verbessern und Attraktionen hinzufügen müssen. »Das machen andere Länder. Doch hier geschieht das nicht.«

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