Westjordanland

Sicherheit geht vor

Einwohner von Gusch Etzion protestieren an der Kreuzung gegen palästinensischen Terror. Foto: Flash 90

Eigentlich sehen sich viele von ihnen als Vorortbewohner: hübsche Häuschen, viel Natur, kurze Wege in die Stadt. Das Motto ihrer Siedlungen prangt in großen Schildern an den Ortseingängen: »Gusch Etzion – eine israelische Heimat«. Doch jetzt sind die rund 70.000 Israelis, die in den jüdischen Siedlungen des Blocks Gusch Etzion im Westjordanland leben, einer neuen Realität ausgesetzt: Statt ruhigem Landleben gibt es fast täglich Terroranschläge mit Toten und Verletzten, Soldaten patrouillieren an jeder Kreuzung in Kampfmontur.

Der Siedlungsblock ist ein Konglomerat aus 21 Gemeinden, dazu gehören die Städte Beitar Illit und Efrat, etwa 30 Minuten südlich von Jerusalem gelegen, auf halbem Weg nach Hebron. Gewöhnlich sind die Orte verschlafen, viele Einwohner arbeiten in der Stadt. Gusch Etzion gehört zum Bereich C des Westjordanlandes, das heißt, die komplette zivile Verwaltung und Sicherheit liegen bei den Israelis. Man geht davon aus, dass der Block bei einem Friedensabkommen an Israel fallen wird.

Kreisel Doch Frieden scheint ferner denn je. In den letzten Wochen ist die Gusch-Etzion-Kreuzung aus anderem Grund fast täglich in den Nachrichten: Am Donnerstag vor zwei Wochen starben drei Menschen bei einem Terroranschlag, währenddessen ein Palästinenser auf Fahrzeuge schoss, die im Stau standen. Wenige Tage später rammte ein anderer sein Auto in eine Gruppe von Soldaten, am Sonntag darauf wurde eine junge Frau an einer Bushaltestelle erstochen.

Heute gleicht der Kreisel von Gusch Etzion einer abgeriegelten Militärbasis. An jeder Ausfahrt stehen Soldaten mit Helm und schusssicherer Weste, die Waffe im Anschlag. Sie stoppen und überprüfen jedes einzelne Fahrzeug. Insgesamt sind hier rund um die Uhr mindestens 20 Männer und Frauen in Olivgrün im Einsatz.

Verteidigungsminister Mosche Yaalon ordnete an, hier und in Hebron die Streitkräfte aufzustocken und zwei zusätzliche Bataillone von Infanteriesoldaten herzuschicken, zusätzlich zu den Straßenblockaden und der Grenzpolizei. Außerdem wird derzeit jedes Fahrzeug, das sich auf einer Straße in der Gegend von Hebron oder Bethlehem bewegt, kontrolliert. Im gesamten Westjordanland gibt es zudem Zufallskontrollen.

Ampeln Verkehrsminister Israel Katz traf sich mit den Ratsvorsitzenden des Blocks und sagte ihnen zu, die Kreuzung sicherer zu machen, Ampeln zu installieren und »eine Antwort auf die Gefahr zu finden, die sich aus den Umständen ergibt«.

Dennoch fühlen sich viele nicht ausreichend geschützt. Immer lauter werden die Rufe der Bewohner nach mehr Sicherheit. Vor wenigen Tagen demonstrierten Männer und Frauen aus Gusch Etzion an der Kreuzung mit Schildern, auf denen sie die Regierung zum Handeln auffordern. »Wir müssen das Eindringen der Terroristen in unsere Gemeinden stoppen«, rief die Initiatorin der Proteste, Riwka Epstein-Hapin. »Denn wenn ein Terrorist in unser Viertel gelangt ist, ist es schon zu spät.«

Vor allem Vertreter der rechtsnationalen Partei Jüdisches Haus, die einen Großteil ihrer Wähler aus Siedlerkreisen rekrutiert, lassen sich in diesen Tagen hier blicken. Die Knessetabgeordnete Shuli Moalem fordert eine Militäroperation und die Annexion des Blocks. »Araber haben hier in Gusch Etzion jetzt nichts mehr zu suchen«, tönte sie. »Wir werden den Kampf gegen den Terrorismus auf eine neue Stufe heben.«

Kurz nach den tödlichen Anschlägen der vergangenen Wochen wurde dann auch der Zutritt für alle palästinensischen Arbeiter zeitweilig verboten. Doch langfristig ist das nicht aufrechtzuerhalten. Tausende von Palästinensern arbeiten bei den jüdischen Siedlern. Einige Rechtsaußen-Politiker rufen sogar zu gezielten Tötungen der Drahtzieher auf, um der Terrorwelle ein Ende zu machen. Allen voran Hardliner Avigdor Lieberman von Israel Beiteinu. Im Armeeradio wetterte er gegen die Regierungspolitik, der er »Zurückhaltung und Versagen« vorwarf, und forderte stattdessen einen »entschlossenen Sieg«, der seiner Meinung nach gezielte Tötungen von hetzerischen Extremisten im Gazastreifen beinhalten müsse.

Doch der Verteidigungsminister winkte ab: »Wir brauchen keine Tötungen. Wenn wir Informationen haben, dass irgendwo ein Terrorist sitzt, dann gehen wir rein und nehmen ihn fest. So einfach ist das. Auch im Herzen von Gebiet A. Das machen wir Dutzende Male jeden Tag.« Gebiet A ist die Gegend, über die die Palästinensische Autonomiebehörde Kontrolle hat.

Geduld Stattdessen rief Yaalon zu Widerstandskraft und Geduld auf, um mit der jüngsten Terrorwelle fertig zu werden. »Dies ist keine Herausforderung, die mit einem einzigen Knall beendet werden kann. Es geht um bestimmtes, geduldiges und kreatives Handeln. Und genau das tun wir.« Wie effektiv dieses Tun ist, sagte der Minister aber nicht. Stattdessen äußerte er sich pessimistisch, was die nähere Zukunft angeht: »Die Terroranschläge werden uns noch eine Weile beschäftigen, fürchte ich. Wir wissen nicht, wann sie enden werden. Es kann sogar sein, dass sie sich noch verstärken. Deshalb sollten wir auf jedes Szenario vorbereitet sein.«

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