Gesetz

Sechs lange Wochenenden

Markthändler fürchten um ihre Einkünfte, wenn sie sonntags zumachen müssen. Foto: Flash 90

Bald können sich die Israelis wohl am Sonntagmorgen noch einmal in ihren Betten umdrehen. Zum Wochenbeginn beschloss das interministerielle Knessetkomitee für Gesetzgebung, dass es ab 2017 auch im Heiligen Land lange Wochenenden geben soll. Allerdings wird diese Regelung nicht in jeder Woche gelten. Zunächst dürfen die Bürger nur sechs Mal pro Jahr am Sonntag ausschlafen.

Den Vorschlag hatte der Knesset-Abgeordnete Eli Cohen von der Kulanu-Partei eingereicht. Denn in Israel beginnt die Arbeitswoche mit dem Sonntag und dauert bis zum Freitagnachmittag an. Das Wochenende besteht eigentlich nur aus 25 Stunden, von Freitag- bis Samstagabend – dem Schabbat. Nun wird die Knesset entscheiden, ob die Gesetzesänderung unterzeichnet wird. Insider sind jedoch sicher, dass dieser Vorschlag die Lesungen ohne große Hürden passieren wird.

»Das ist in jedermanns Sinne«, gibt sich Cohen überzeugt. Er selbst hätte gern noch mehr Freizeit gesehen und die Wochenendregelung komplett revolutioniert. Sein erster Vorschlag beinhaltete ein langes Wochenende pro Monat, also insgesamt zwölf im Jahr. Doch damit tun sich die Politiker seit langer Zeit schwer.

Schon einige Male war der Versuch unternommen worden, sich der westlichen Welt anzupassen. Insbesondere der frühere Minister Silvan Shalom führte über zehn Jahre lang eine regelrechte Kampagne für den freien Sonntag an. Immer wieder hatte er betont, wie sehr diese Regelung »Israel normaler machen, den Menschen mehr Freizeit bieten und es ihnen ermöglichen würde, am Montag viel ausgeruhter zur Arbeit zu gehen«.

Burn-out Das ist auch das Vorhaben von Cohen, der anstrebt, Israel letztendlich zu einem generellen arbeitsfreien Sonntag zu verhelfen. Idealerweise solle das schrittweise innerhalb von drei Jahren umgesetzt werden. Der Parlamentarier ist überzeugt, »dass das lange Wochenende die Qualität der Arbeit dramatisch ändern wird. Es wird die Gefahr von Überarbeitung und Burn-out bei den Menschen verringern sowie die Balance zwischen Arbeit und Freizeit ausgleichen«.

Um seine Begründung zu untermauern, beruft er sich auf harte Fakten: »In anderen OECD-Ländern beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 40 Stunden, bei uns aber 43.« Die längere Zeit schade erwiesenermaßen der Produktivität, argumentiert Cohen. Die neue Regel verringert die Arbeitszeit innerhalb von zwei Monaten um 8,5 Stunden. Auch Finanzminister Mosche Kachlon ist ein Befürworter des Vorschlags. Nach langen Diskussionen mit Gewerkschafts- und Industrieverbandsvorsitzenden will er nun eigens einen Spezialisten aus seinem Ressort mit der Aufgabe betrauen, die finanziellen Auswirkungen dieser Änderung zu bewerten.

einklang Der religiöse Teil der Bevölkerung hätte mit einem arbeitsfreien Sonntag nach dem Mozei Schabbat am Wochenende die Möglichkeit, am kulturellen Leben teilzunehmen und Ausflüge zu unternehmen. Doch auch für die Wirtschaft brächte die Regelung Gutes. Der Abgeordnete: »Es bringt uns in Einklang mit der restlichen Welt und wird dadurch den Handel vereinfachen.«

Doch nicht alle Wirtschaftsexperten stimmen darin überein, dass der freie Sonntag nur Vorteile mit sich bringt. Denn die Tatsache, dass die meisten Israelis an den Freitagen maximal halbtags arbeiten, um sich auf den Schabbat vorzubereiten, führe zu einem erheblichen Verlust an Stunden. Der müsse an anderen Wochentagen ausgeglichen werden, was wiederum zu Stress führen könne. Denn Studien belegen, dass die Produktivität in den späten Arbeitsstunden des Tages rapide abnimmt.

Wie ihre Eltern haben auch die Kinder sechsmal im Jahr ein langes Wochenende. Die Zahl der Unterrichtsstunden allerdings wird durch die neue Regelung nicht berührt. Denn zwei der Sonntage fallen in die Sommerferien, die restlichen vier würden von den Chanukka- und Pessachferien abgezogen, so Cohen.

Schlomo Levi sieht keinen Vorteil im langen Wochenende. Für den Standinhaber auf dem Bezalel-Markt bliebe ohnehin alles gleich, meint er skeptisch. »Ich müsste trotzdem am Sonntag meinen Laden aufschließen und dieselbe Zeit arbeiten. Vielleicht wäre es für die Angestellten in den großen Büros besser, für mich aber macht es keinen Unterschied.« Am Sonntag seinen Stand zuzumachen, kommt für Levi nicht infrage. »Am Freitag muss ich vor dem Schabbat ohnehin schließen, Samstag ist zu und Sonntag auch noch? Der Minister soll mir bitte erklären, wovon ich dann leben soll.«

Tradition Außerdem ist er der Auffassung, dass die Israelis zu sehr an die Freitag/Samstag-Regelung gewöhnt seien und sich nur schwer mit einer Neuerung anfreunden könnten. »Der Schabbat ist der freie Tag der Juden, der Sonntag der der Christen. Und wir leben hier schließlich im jüdischen Staat.«

Lia Moran hätte mit der Änderung kein Problem. Im Gegenteil. Die Angestellte aus Herzliya sähe liebend gern das lange Wochenende in Israel eingeführt – und zwar 52-mal im Jahr. »Aber immerhin ist diese Regelung schon ein Anfang.« Die 58-Jährige und ihr Mann sind traditionelle Juden und Schomrei Schabbat, halten den jüdischen Ruhetag strikt ein.

Dazu gehört auch, das Auto in der Garage zu lassen. »Damit sind für uns am Wochenende Ausflüge tabu. Das finde ich sehr schade, denn wenn ich nicht arbeiten muss und Zeit habe, würde ich mir eigentlich sehr gern unser schönes Land anschauen, in Ausstellungen oder ins Kino gehen. Und dafür wäre der Sonntag wunderbar geeignet.«

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