Jiddisch

Schmusen in Tel Aviv

Er sah sie nur ein einziges Mal. Und hat doch gleich sein Herz verloren. »Es war 2002«, erinnert sich Harry Rajczyk. »Ich hatte diese Anzeige gesehen, und dachte, das wäre etwas für meine Mutter.« Als er mit seiner Ima zum Histadrut‐Haus an der Arlozoroff‐Straße in Tel Aviv ging, hatte er nicht den geringsten Schimmer, was dieses Treffen bringen würde. Doch das, was hinter den Türen geschah, ließ den jüdischen Geschäftsmann aus Berlin nicht mehr los. 30 bis 40 ältere Damen und Herren bildeten seinerzeit den Sirkin‐Club für jiddische Sprache. Leiter war Herr Schapira, 90 Jahre alt. »Es war wie eine Familie – und um mich war es geschehen.« Heute ist der Berliner der Vorsitzende des Clubs.

Familie Rajczyks Eltern stammen aus Polen, die jiddische Sprache klang ständig durchs Haus. »Über die Witze habe ich schon immer gelacht. Doch wenn mir jemand vor zehn Jahren erzählt hätte, ich werde mich auf Jiddisch unterhalten, ich hätte noch mehr gelacht.« Für ihn, den 1951 in Köln geborenen Juden, war Deutsch die Sprache, in der er sich verständigte. Von 1998 bis 2006 lebte er in Israel, suchte für seine Mutter Rachel Kuttner, die sich nie recht mit Iwrit hatte anfreunden können, einen Jiddischkurs. »Für sie ist der Sirkin‐Club eine regelrechte Verjüngungskur, einfach großartig. Doch auch bei mir ist etwas geschehen: Auf einmal, 51 Jahre alt, wurde ich von meiner Kindheit eingeholt. Plötzlich kamen all diese wundersamen Worte hervor. Eine einzigartige Erfahrung.«

Als Herr Schapira, der Leiter des Clubs, 2005 verstarb, bat die Sirkin‐Familie: »Harry, lass den Club nicht sterben, leite du ihn doch«. Ein Flehen, dass Rajczyk schnell erweichte. Obwohl er 2006 nach Deutschland zurückkehrte, gab er das Vorhaben nicht auf. »Zu sehr waren mir die lieben Menschen und die jiddische Sprache ans Herz gewachsen. Es wäre sonst alles zerfallen. Und ich war ohnehin schon rettungslos verloren«, sagt er und lacht.

Nun erstellt er bereits seit vier Jahren von Berlin aus Semesterpläne, organisiert namhafte Professoren und Historiker für Vorträge, schickt E‐Mails, organisiert. »Dazu bin ich alle zwei bis drei Wochen in Israel und komme natürlich jedes Mal in den Club.«

Erbe Bis vor einigen Jahren sah es noch so aus, als ob die Mischung aus Deutsch, Hebräisch und einigen slawischen Elementen bald gänzlich zwischen Buchdeckeln verschwinden würde. Bis auf einige Gruppen von ultraorthodoxen Juden sowie älteren Menschen in Israel schien sich niemand mehr für das Jiddische zu interessieren. »Dabei ist es so viel mehr als nur eine Sprache«, ist Rajczyk überzeugt. »Es sind nicht bloße Worte, sondern eine ganze Welt, die damit zusammenhängt.«

In den USA hatte das Jiddische bereits Mitte der 70er‐Jahre eine erste Wiederbelebung mit der Popularität der Klesmermusik gefunden. Es folgten Festivals, Theateraufführungen, Sprachkurse. Es sollte jedoch noch lange dauern, bis die Renaissance nach Israel schwappte. Die Enkel wollen zurück zu den Wurzeln, verstehen, was ihre Großeltern mit Klotz und Knacker meinten.
Renaissance Jiddische Literatur und Sprache wird heute aus den verstaubten Winkeln hervorgeholt und ans Licht gebracht. Eine Neuauflage von Tevje stand im vergangenen Jahr vier Monate lang in der Bestsellerliste. Neben der Hebräischen Universität in Jerusalem wird heute auch an den Hochschulen von Tel Aviv und Beer Schewa Jiddisch gelehrt, zudem gibt es immer mehr Gruppen, wie die von Rajczyk, die sich zum regelmäßigen Unterhalten, Schmusen, treffen. Eine viertägige Konferenz zum Thema »Ein Jahrhundert Jiddisch« brachte 2008 40 Experten aus Israel und der ganzen Welt in der Hauptstadt zusammen. Professor Jechiel Szeintuch, Leiter der Jiddisch‐Abteilung der Hebräischen Universität weiß, dass das Interesse im letzten Jahrzehnt deutlich angestiegen ist. »Jiddische Sprache und Kultur werden wieder erforscht. Vor allem junge Menschen, die nicht ultraorthodox sind, verlangen nach Kursen.« Bis vor einer Weile sei die Sprache lediglich als Vorlage für Witze benutzt worden, heute aber sei es anders. »Jiddisch ist aufgeblüht und nicht mehr nur in strengreligiöse Viertel eingesperrt.«

Seinen Höhepunkt hatte das Jiddische vor etwa 100 Jahren in den Wohnorten der Ostjuden, den so genannten Schtetls. Der Holocaust hat dem Jiddischen einen schweren Schlag versetzt, weil Millionen Menschen ermordet wurden, die es lebendig hielten«, erläutert Szeintuch. »Dennoch ist Jiddisch nicht mit ihnen gestorben. Heute gibt es wieder zwei bis drei Millionen, die es regelmäßig sprechen.«

Mamme Dass es immer mehr werden, will auch Rajczyk. Neben dem Sirkin‐Club sitzt er zudem im Vorstand des Jiddischen Film‐Forums. Passend zum 85. Geburtstag seiner Mutter hat der Sohn ein Büchlein mit persönlichen Erinnerungen seiner Mamme herausgegeben. »Natürlich auf Jiddisch.« Auf der einen Seite stehen hebräische Buchstaben, auf der anderen lateinische.

Eigentlich habe er für das Jiddische gar keine Zeit, alles sei ehrenamtlich, bringe auch kein Geld, sagt er und schmunzelt, »aber ich habe so einen inneren Drang gespürt, es zu tun. Wenn wir weitermachen, wird diese Kultur nicht sterben. Sie lebt in uns, unseren Kindern und Enkeln«. Mittlerweile ergibt das alles für ihn einen Sinn. »Der Kreis hat sich geschlossen.« Es fühle sich richtig an. Und kein bisschen meschugge.

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