Tel Aviv

Schabbat der Rekorde

Es ist aufgetischt: 2000 Challot, 1800 Hähnchen, 1000 Rinderfilets und 800 Flaschen Wein. Dazu gibt es gemeinsame Gebete, Lieder und gute Stimmung, während im Hintergrund die Schabbatkerzen leuchten. Am Freitagabend fand im Hangar 11 des Tel Aviver Hafens mit 2226 Gästen das größte Schabbatessen aller Zeiten statt. Der Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde ist damit sicher. Das bestätigen die Organisatoren der Veranstaltung und die Offiziellen der Guinness-Vereinigung vor Ort.

»Jeder, der heute dabei ist, schreibt Geschichte«, ruft Jay Shultz, Gründer von White City Shabbat, vor den mehr als 2000 Gästen, darunter Bürgermeister Ron Huldai und der ehemalige US-Botschafter Michael Oren. »Wir bringen ›Am Israel‹ zusammen in Tel Aviv, der eindeutig aufregendsten Stadt mit dem meisten Sex-Appeal in der ganzen jüdischen Welt.« Shultz, amerikanischer Einwanderer, hatte die Organisation vor sieben Jahren gegründet, um die jüdische Gemeinschaft in Tel Aviv durch regelmäßige Schabbatessen, Toralesungen und andere Veranstaltungen vor allem mit jungen Neueinwanderern zu beleben.

Gottesdienst Co-Veranstalter des Essens ist die Vereinigung Chabad Lubawitsch, die dafür bekannt ist, säkulare Juden mit der Religiosität vertraut zu machen. Die Gruppe leitet den orthodoxen Schabbatgottesdienst und widmet das Essen ihrem geistigen Oberhaupt, dem Rabbiner Menachem Mendel Schneerson, dessen 20. Todestag am 1. Juli begangen wird. Am Eingang wird jeder männliche Gast gefragt, ob er die Tefillin anlegen und ein Gebet sprechen will. Einer ihrer Vertreter gibt zu, partout nicht an einen Rekord geglaubt zu haben. »Ich dachte wirklich, 100 bis 200 Leute kommen, vielleicht 300. Doch das hier ist unglaublich. Es zeigt, dass Tel Aviv den Schabbat liebt und heiligt.«

Dalia Levine aus Philadelphia, die vor einem Jahr Alija gemacht hat, registriert an diesem lauen Abend als Volontärin die Teilnehmer. Jeder Name wird auf der Liste abgehakt, ein weißes Plastikarmband ausgegeben. »Das musst du unbedingt umlassen«, mahnt sie die Ankömmlinge, »sonst wird es nichts mit dem Eintrag«. Nicht nur die jüdischen Gesetze sind streng, auch die Regeln der Guinness-Vereinigung. Levine ist trotz strikter Richtlinien begeistert von der Aktion: »Der Schabbat ist ein besonderer Tag, an dem man sich mit netten Menschen umgeben soll. Und hier sind Juden aus allen Bereichen zusammengekommen, um ihn zu feiern. Das ist einfach toll.«

sonnenbrillen Vor Einbruch der Dunkelheit stehen die vorwiegend jungen Leute auf dem künstlichen Gras vor Hangar 11 in Grüppchen, während die Sonne ganz langsam im Meer versinkt. Eine Band, deren Musiker Kippot und Sonnenbrillen gleichzeitig tragen, spielt eine Mischung aus Klezmer und Hip-Hop.

Zwei Frauen in engen Jeans und Flip-Flops stehen etwas verloren herum und schauen, als würden sie sich nicht sonderlich wohlfühlen. Was sie hergeführt hat? »Ein Freund hat uns eine Mail von einem riesengroßen Schabbatessen im Hafen geschickt, zu dem kommen kann, wer mag«, erzählt Amit. »Aber hier sind alle so wahnsinnig jüdisch«, meint die andere der Freundinnen, die ihren Namen nicht nennen mag. »Ich denke, wir gehen lieber in eine Bar«. Spricht es, hakt sich bei Amit unter und zieht sie dann auch schon Richtung Ausgang.

Nir Kaikov hat auch nicht sonderlich viel mit Religion am Hut, findet die Stimmung aber dennoch gelungen. »Meine Schwester ist religiös geworden und hat die ganze Familie mitgenommen«, so der Tel Aviver, der zugibt, den Schabbat niemals einzuhalten. »Ab und zu kann man das ja mal machen.«

Enthusiasmus
Andere sind ganz in ihrem Element. Eine Gruppe junger hübscher Damen hockt auf dem Boden und lauscht andächtig den Begrüßungsworten des Tel Aviver Oberrabbiners Yisrael Meir Lau. Sie tragen Faltenröcke, die gerade ihre Knie bedecken, langärmelige Blusen und teure Ballerinas.

»Ich bin eine orthodoxe Jüdin«, beschreibt sich Zahava Tennenbaum selbst. »Wir kommen jetzt aus Jerusalem und stammen aus New York. Doch als ein Freund von meinem Mann von diesem Event erzählte, war uns sofort klar: Da müssen wir hin.« Und die Fahrt habe sich so sehr gelohnt, gibt sie sich völlig begeistert. »Diese vielen bunten Leute hier, diese Freude bei allen. Es ist einfach wunderbar, wie ein ganz, ganz großes Dinner in einer riesigen jüdischen Familie.« Während sie spricht, glänzt Zahavas perfekt gekämmte Langhaarperücke im Licht der untergehenden Sonne mit ihren strahlend weißen Zähnen um die Wette. »Ich bin ganz verzückt von diesem Enthusiasmus, dieser Liebe für den Schabbat – dieser Heiligkeit.«

Diese Worte sind ganz im Sinne des amerikanischen Harvard-Professors und Buchautors Alan Dershowitz, der beim Abendessen unter dem Beifall der anderen Gäste mit breitem Grinsen erklärt: »Heute haben wir einen Rekord im Sinne der Tora und des Rabbis aufgestellt. Doch Rekorde sind dazu da, um gebrochen zu werden. Im nächsten Jahr werden wir die Zahl verdoppeln. Hier in Tel Aviv und in Jerusalem, in Montreal, in Boston, in New York.«

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