Geiseln

Psychoterror und Freudentränen

Nach 505 Tagen haben sie ihr Lachen wieder. Die vier israelischen Geiseln Tal Shoham, Eliya Cohen, Omer Wenkert und Omer Shem Tov, die am 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppt wurden, sind wieder in Freiheit. Außerdem kamen Avera Mengistu und Hisham al-Sayed nach mehr als zehn Jahren in Gaza wieder nach Hause. Beide Männer gelten als psychisch krank und hatten die Grenze zu der Enklave seinerzeit freiwillig überquert.

Ende Februar wurde der 40-jährige Tal Shoham, der mit seiner Familie aus dem Kibbuz Be’eri entführt worden war, in Rafah im Süden des Gazastreifens auf eine Hamas-Bühne geführt. Er trug einen Trainingsanzug und wirkte sehr dünn, ging jedoch eigenständig die Stufen hinauf. Um ihn herum standen vermummte Hamas-Männer mit Sturmgewehren, die ihm befahlen, in ein Mikrofon zu sprechen und zu winken. Danach wurde er zusammen mit Avera Mengistu zu einem Jeep des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) geführt und anschließend an die israelische Armee übergeben.

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In der Militärbasis Re’im warteten seine Frau Adi, die vierjährige Tochter Yahel, sein neunjähriger Sohn Naveh sowie seine Eltern. Als sie wenige Tage vorher über die bevorstehende Freilassung informiert wurden, schrieben seine Kinder einen Brief. Darin stehen Fragen, die sie ihrem Vater all die Monate stellen wollten. »Ist Papa alt, wenn er freikommt?« oder »Warum haben sie das getan?«. In der Mitte des Papiers steht in fetten Buchstaben: »Wann kommt Papa zurück?«

Zur selben Zeit saßen weitere Angehörige im Warteraum des Beilinson-Krankenhauses im Landesinneren und brachen in Freudentränen aus, als sie die Al-Jazeera-Live-Übertragung aus Gaza sahen.

»Es ist ein wahr gewordener Traum.«

Als Tal Shoham vom Helikopter zum Krankenhaus gefahren wurde, ließ er unterwegs den Wagen anhalten, winkte den Menschen zu, die ihm vom Straßenrand aus zujubelten, und verteilte Luftküsse. An seiner Hand Naveh, dem die unbeschreibliche Freude über die Rückkehr seines geliebten Vaters ins Kindergesicht geschrieben stand.

Im Haus von Avera Mengistu in Aschkelon hing ein Plakat: »Es ist wundervoll, dass du nach Hause kommst.« Er sehe gut aus, sagte Gil Elias, ein Verwandter der heimkehrenden Geisel, der jahrelang für dessen Freilassung gekämpft hatte. »Es ist ein wahr gewordener Traum.«

Auch im Beduinendorf Hura versammelten sich Menschen, um die Rückkehr von Hisham al-Sayed zu feiern. Die Familie hatte an diesem kalten Wintertag heißen Tee für alle gekocht. Der 37-Jährige wurde ohne zynische Zeremonie an das Rote Kreuz übergeben. Yitzhak Abu Elkian, der Vorsitzende des Regionalrates Hura, betonte, dass alle Geiseln zurückkommen müssen. »Wir sind an der Seite des gesamten israelischen Volkes – wir haben kein anderes Land.« Als alle Geiseln in Freiheit waren, wurden im Gegenzug 602 palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen entlassen. Darunter Dutzende Männer, die zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt waren.

Die jungen Männer müssen fröhlich wirken und in die Kameras winken.

Die drei jungen Israelis Omer Shem Tov, Omer Wenkert und Eliya Cohen waren am 7. Oktober auf dem Nova-Musikfestival entführt worden, wo die Hamas Hunderte Menschen folterte und massakrierte. Auch sie wirkten auf den ersten Blick extrem dünn, konnten aber auf eigenen Beinen auf die Hamas-Bühne steigen, die in Nusseirat aufgebaut war, hinauf und wieder hinunter. Im Hintergrund des zynischen Spektakels dröhnte laute Musik, riesige Palästinenserfahnen wurden gehisst. Und wieder mussten die jungen Männer olivgrüne Pseudouniformen tragen. Auch ihnen wurde ihr Verhalten diktiert, sie sollten fröhlich wirken, ihre »Befreiungszertifikate« in die Kamera halten und winken. Omer Shem Tov reckte die Daumen in die Höhe und küsste sogar die zwei Wächter neben sich auf die Stirn. Später erklärte sein Vater Malki Shem Tov im Sender Kan, dass die Hamas ihn dazu gezwungen habe.

Als die ersten Aufnahmen ihrer Kinder ausgestrahlt wurden, brachen ihre Eltern, die sich in der Militäreinrichtung Re’im versammelt hatten und das Geschehen auf den Bildschirmen verfolgten, in Jubel aus. Neben Momi und Sigi Cohen, den Eltern des 27-jährigen Eliya Cohen, saß dessen Verlobte, Ziv Abud. Seit acht Jahren sind sie ein Paar. Doch Eliya wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Ziv noch lebt. Sie waren zusammen im sogenannten Todesbunker, den die Hamas immer wieder angriff. Eliya wurde schließlich herausgezogen und verschleppt. Ziv überlebte versteckt unter den Toten.

»Ihr seid Helden!«

Auch Omer Shem Tov und Omer Wenkert wurden von ihren Eltern fest in die Arme geschlossen. Der 22-jährige Shem Tov strahlte übers ganze Gesicht, als er seine Eltern sah: »Ich habe gesehen, wie ihr für mich gekämpft habt. Ihr seid Helden! Wie wundervoll, dass ihr meine Eltern seid.« Seine Tante Tal Shem Tov sagte später, »es ist unser Omer, der zurückgekommen ist. Er ist immer noch voller Lebensfreude. Ich kann dieses Glücksgefühl, ihn so zu sehen, nicht beschreiben«.

Das grausame Spektakel in Nusseirat hatte aber auch unfreiwillige Zuschauer: Die Hamas zwang die israelischen Geiseln Eviatar David und Guy Gilboa-Dalal, die sich weiterhin in der Gewalt der Terroristen befinden, die Freilassung ihrer drei Landsleute von einem Fahrzeug aus mitanzusehen, wie israelische Medien berichteten. Und die Peiniger haben sie dabei gefilmt. »Dieser kalkulierte Akt psychologischer Folter ist ein krasses, abscheuliches Beispiel von Grausamkeit«, hieß es in einer Stellungnahme des Forums der Geiselangehörigen. Das Video ist laut der »Times of Israel« das erste Lebenszeichen von David seit seiner Entführung am 7. Oktober 2023 und das erste Lebenszeichen von Gilboa-Dalal seit Juni.

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