Feiertage

Pita lePessach

Die Auswahl an Speisen ist eingeschränkt, dafür ist das Angebot an Mazzen umso größer. Foto: Flash 90

Es ist einer der feierlichsten Momente des Jahres. Wenn die erste Mazze am Sederabend gebrochen wird, läuft den meisten Israelis das Wasser im Munde zusammen. Wochenlang haben sie sich auf den Geschmack der dünnen Fladen gefreut, die ihre Vorfahren beim Exodus durch die Wüste verzehrt haben. An Pessach Mazzen zu essen, ist Gebot. Doch nicht alle Menschen in Israel halten es durch, acht Tage lang einen großen Bogen um Pita und Pasta zu machen.

In den Supermärkten ist alles, was auch nur im Entferntesten an Chametz (Gesäuertes) erinnert, mit dicken Plastikplanen abgedeckt. Brot und Brötchen, aber auch Hummus und Nudeln verschwinden bis zum Ende des Festes darunter. Stattdessen stehen Berge von Mazzekisten in den Regalen. Schon Wochen vor dem Fest werden Zweieinhalbkilopakete in die Wohnungen geschleppt. Bei Großfamilien stapeln sich die Boxen von Aviv, Osem oder Yehuda in den Küchen und Vorratsräumen bis unter die Decke. Pessach ist da.

Galit Mosche aus Rischon LeZion ist traditionelle Jüdin, also gehören die Mazzen eine Woche lang zum Frühlingsfest dazu. Tagelang wird vorher das Haus geputzt, jeder noch so kleine Krümel Chametz verbannt. Zum Seder ist es klar, dass alle nur Mazzen essen. »Das ist schließlich eine große Mizwa«, macht sie klar. Allerdings würden ihre vier Kinder schon am zweiten Tag mit dem Nölen beginnen: »Wann gibt es wieder Pasta, wann wieder normales Brot?«

aufstrich Also muss die Bankangestellte erfinderisch sein: »Ich koche Gemüsegerichte, Suppen, Aufläufe und Quiches – natürlich alles koscher lePessach. Morgens gibt es Mazze mit Honig oder anderen Aufstrichen, die die Kinder lieben. Und wenn gar nichts mehr geht, gibt es immer noch die in Schokolade getauchten Mazzen. Chametz kommt mir nicht über die Türschwelle.«

Restaurants mit Koscher-Zertifikat müssen sich daran halten, kein Chametz zu servieren. In den Brotkörben liegen daher ausschließlich viereckige Fladen oder Brot aus Mazzenmehl. Viele Chefköche sehen es heute als Herausforderung, auch mit dieser Einschränkung hervorragende Gerichte zu kochen. Wie Tom Franz. Der Kölner »Masterchef«-Gewinner ist großer Fan von Mazzen und findet es spannend, sich immer wieder Neues einfallen zu lassen.

Auch Nir Zook vom Nobellokal Cordelia in Jaffa liebt die trockenen Fladen. »Ich könnte jeden Tag Mazzebrei essen«, beteuert er. »Morgens genießen wir ihn mit Meerrettich und Sour Cream, abends mit Marmelade.« Er weicht dafür Mazzestückchen in warmem Wasser ein, lässt sie abtropfen und verrührt sie anschließend mit Milch und Eiern. Dann wandert der Mix in die Pfanne und noch dampfend und duftend direkt in die hungrigen Münder.

Normalität Am Sederabend serviert Zook im Cordelia Klassisches wie Gefilte Fisch und Charosset. Dazu Mazzen, Mazzen, Mazzen. Doch spätestens am nächsten Tag hat die Normalität das nicht-koschere Restaurant wieder – und Brot liegt auf dem Tisch.

Dimitri Abramowitch ist mit seiner Freundin und seiner Mutter für eine Woche in Israel. Sie besuchen über Pessach eine Tante in Jerusalem. In Moskau leben sie ein gänzlich säkulares Leben. »Aber hier muss es Mazze sein«, sagt der junge Mann und lacht, während er über den Tel Aviver Carmelmarkt schlendert. »Es ist ein schönes Gefühl, es so zu machen wie alle«, versichert er. »Wir sind hier schließlich im jüdischen Staat und wollen uns an die Regeln halten.« Außerdem sei der Mazzen-Kokoskuchen seiner Tante Chaja einfach unwiderstehlich. »Den könnte ich einen ganzen Monat lang essen.«

Steven Whiteman aus Los Angeles ist jüdisch, sieht die Speisegesetze aber nicht so eng. Für ihn gehört zu einer Israelreise Hummus mit Pita. »Dass ich zu Pessach hier bin, ist nur ein Zufall. Wenn ich keinen Hummus esse, fühle ich mich nicht richtig angekommen. Also ja, ich gestehe – ich sündige an Pessach und stelle mich bei den arabischen Restaurants in die Schlange.«

Schlangen Tatsächlich werden die mit jedem Tag der Pessachwoche länger. Denn Abulafia und Co. bieten wie immer reguläres Brot. Laut einer Umfrage halten sich zwar 77 Prozent aller Israelis an die Mizwa, in der Pessachwoche ausschließlich Ungesäuertes zu essen. Doch während es für die meisten Israelis keine Frage ist, sich am Sederabend daran zu halten, sehen es viele säkulare Juden an den anderen Tagen lockerer mit der Kaschrut zu Pessach.

Ilana Zur etwa wird schwach. »Ich versuche es jedes Jahr aufs Neue, aber ich halte es einfach nicht durch. Spätestens am dritten oder vierten Tag koche ich wieder Pasta für die Kinder, weil mir einfach nichts anderes einfällt. Ich kann schließlich nicht täglich einen Braten präsentieren.« Davor, Brot zu kaufen, scheut sie jedoch zurück. »Es ist nicht so, dass ich gläubig bin, aber Pita zu Hause zu haben, geht mir doch einen Schritt zu weit.«

Pappe Für Mosche Ariel, der an diesem Sonntag die Feiertagseinkäufe in Tel Avivs Zentrum erledigt, ist es keine Frage, dass acht Tage lang nichts anderes auf den Tisch kommt. »Das ist, was mich zum Juden macht: das Fasten an Jom Kippur und die Mazzen an Pessach.« Ob sie munden oder nicht, ist für ihn zweitrangig. »Es geht darum, die Anstrengungen unserer Vorfahren zu ehren. Wenn die Mazzen überhaupt nach etwas schmecken, dann nach Freiheit.«

Ariels Sohn Tomer kann darüber nur lachen. »Sie schmecken nach Pappe. Sonst nichts«, feixt er, während sein Vater die Stirn runzelt. Tomer will seine Identität »nicht über ein paar Cracker definieren« lassen. »Für mich ist es eine hübsche Tradition, eine tiefere Bedeutung gibt es nicht. Ich esse Mazzen, wenn ich zu Pessach meine Eltern besuche, weil es zu meiner Kindheit gehört und ganz nett ist. Ob ich Jude oder Israeli bin, hole ich nicht aus einem Pappkarton.«

Der jüngere Ariel wird in der Pessachwoche »absolut reguläres Brot, Kuchen oder Kekse« essen. »Ich stehe schon am zweiten Tag bei Abulafia und decke mich mit Pita ein«, gesteht er. Falsches kann er daran nicht finden. »Ich glaube an keinere höhere Macht und schon gar nicht an irgendwelche Gesetze, die angeblich von oben gesandt wurden. Warum sollte ich mich dann daran halten? Ich glaube an das, was ich sehe – und an alles, was schmeckt.«

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