Jom Haazmaut

Picknick in Blau-Weiß

Fast wäre das traditionelle Picknick ins Wasser gefallen. Dann hielt das gute Wetter doch an – und Millionen von Menschen strömten in die Parks, um den 66. Geburtstag ihres Staates zu feiern. Mit Grills und dicken Kühltaschen voller Steaks, Pitot und Eiscreme ließen es sich die Familien auf sämtlichen Grünflächen des Landes am Jom Haazmaut gutgehen.

Trauer und Freude liegen in Israel nahe beieinander: Kaum waren die Tränen des Gedenktages für die gefallenen Soldaten und Terroropfer getrocknet, ging es am Montagabend auf die ausgelassenen Partys zum Jom Haazmaut. Jung und Alt tanzten zu den Hits der großen Pop- und Misrachi-Stars wie Ivri Lider oder Dudu Aharon, die kostenlose Shows auf die Bühnen der verschiedenen Städte brachten. Um Mitternacht knallten und donnerten Hunderte von Feuerwerken minutenlang über den Köpfen der jubelnden Zuschauer.

Das ganze Land schien sich an diesem Abend in einem Rausch aus Blau-Weiß zu befinden. Häuser und Straßenzüge waren mit Fahnen und Wimpeln geschmückt, die Stände auf den Straßenfesten boten von zweifarbigen Glitzerketten über T-Shirts mit riesigem Magen David auf der Brust bis zu überdimensionalen Gummihämmern allen möglichen Tand in den zwei Farben. Für 20 Schekel erstanden vor allem Teenager die »Keulen des Königs David«, wie Idan Schwartz aus Tel Aviv sie bezeichnete, und hämmerten sich damit unter dem schallenden Gelächter ihrer Freunde gegenseitig auf den Köpfen herum. Andere hüllten sich gleich ganz in die Flagge ihres Landes und spazierten voller Stolz die Straßen auf und ab.

Mangal Nachdem die Israelis ausgeschlafen hatten, machten sich die meisten am nächsten Tag auf den Weg ins Grüne, und sei es nur bis zum Park um die Ecke. Im Sacher-Garden in Jerusalem beispielsweise sah man vor Menschen kaum mehr das Gras. Dicht nebeneinander hatten sich die Familien ihre Plastikstühle und -tische aufgebaut und ließen sich ihre mitgebrachten Leckereien schmecken, während die Kinder wild herumtobten.

Zum klassischen Jom Haazmaut gehört in Israel auf jeden Fall ein Grill, der sogenannte Mangal. Nicht fehlen dürfen auch die Fleischspieße, die langsam über den glühenden Kohlen gegart werden. »Und dann muss kräftig gewedelt werden«, sagt Chaim Nachman und schwenkt den Plastikfächer über dem Feuer hin und her, dass die Funken nur so fliegen. Der Familienvater hat sich mit seiner Frau und den drei Sprösslingen im Park von Raanana niedergelassen. Links neben ihm, rechts neben ihm, vor ihm und hinter ihm wird ebenfalls gegrillt. Manchmal kann Nachman vor Rauch seine eigene Hand am Grill nicht mehr sehen. Auch der Himmel ist grau von Rauchschwaden, überall wabert der Geruch von gegrilltem Fleisch durch die Lüfte. Ob es ihm hier nicht zu voll ist? Nachman lacht: »Zu voll gibt es am Jom Haazmaut nicht. Man will ja schließlich die Freude über unser wundervolles Land mit anderen teilen. Heute gilt also: Je mehr, desto besser.«

Dieses Motto wollte die Polizei allerdings nicht bestätigen. Am Nachmittag ließ sie verschiedene Naturparks und Museen wegen absoluter Überfüllung schließen, darunter das Atlit-Camp, das Begin-Zentrum in Jerusalem und die Luftwaffenbasis in Ramat David. Zigtausende Besucher wollten sich die Flugshow der Luftwaffe nicht entgehen lassen, die wie in jedem Jahr von hier aus startet. Kilometerlange Staus auf den Hauptverkehrsadern stellten die Israelis zudem auf eine harte Geduldsprobe. Dennoch habe es keinerlei Unruhen gegeben, betonten die Sicherheitskräfte. Nur ausgelassenes Feiern.

Gesang Die offizielle Zeremonie hatte am Dienstag um elf Uhr auf dem Jerusalemer Herzlberg stattgefunden. Hier wurden als Symbol für die zwölf Stämme Israels zwölf brennende Fackeln aufgestellt. Unter dem Slogan »Die Ära der Frauen – Errungenschaften und Herausforderungen« waren es 14 Frauen, die dieses Mal die Lichter entzündeten, unter anderem die Schauspielerin und Israelpreis-Gewinnerin Miriam Zohar sowie die Vorreiterin in Sachen Bildung, Adina Bar-Schalom.

Auch der nimmermüde Staatspräsident Schimon Peres feierte den 66. Geburtstag der Nation, die er entscheidend mitgestaltet hat, kräftig mit. In seiner Residenz veranstaltete er das alljährliche »Sing along« mit Prominenz aus dem Polit- und Showbusiness. Zu dem Staatsoberhaupt gesellten sich Regierungschef Benjamin Netanjahu, der zuvor den internationalen Bibel-Jugend-Wettbewerb geleitet hatte, und Armeechef Benny Gantz. Mithilfe der großen Sänger des Landes, darunter Schlomi Saranga und Rita, gab die Führungsriege des Landes Hits des kürzlich verstorbenen Arik Einstein zum Besten.

Peres zeichnete zudem 120 Soldaten aus, die sich durch besondere Leistungen hervorgetan hatten. Da sich seine siebenjährige Amtszeit dem Ende nähert, richtete er seine letzten öffentlichen Grußworte an die Bevölkerung: »Seid stolz, aber nie zufrieden, und macht Frieden mit den Nachbarn!« Peres erinnerte in der Videobotschaft an die ersten Tage der Nation und den Traum, den man damals gehabt habe. »Und ich muss zugeben, dass dieser Traum zu klein war – gemessen an dem, was daraus geworden ist.«

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