#MeToo

Nicht länger schweigen

ln diesem Jahr war der »Slutwalk« in Tel Aviv mit 5000 Teilnehmern der bisher größte in Israel. Foto: Flash 90

Viele Vorfälle liegen drei Jahrzehnte oder noch länger zurück. »Doch der Schmerz kennt keine Verjährung«, meinen die Aktivistinnen. Ein Jahr nach dem Beginn von #MeToo ist die Bewegung in Israel angekommen. Zwar langsam, doch unaufhaltsam. Der jüngste Fall dreht sich um den bekannten Journalisten Dan Margalit. Er ist einer von vielen.

Acht Frauen klagen ihn an, sie sexuell belästigt und sich vor ihnen entblößt zu haben. Manche von ihnen nannten ihren vollen Namen, darunter die Journalistin Hannah Kim. »An einem gewissen Punkt reichte es mir. Ich wollte nicht sterben, ohne dass ich die Geschichte erzählt habe«, sagte sie zur Begründung ihrer Veröffentlichung.

debatte Margalit, mittlerweile 80 Jahre alt, hat alles abgestritten. »Da ist nichts dran.« Er wolle seine letzten Jahre nicht mit einer Debatte verbringen, die in diesem Moment und dieser Atmosphäre keine Chance habe. Mittlerweile erklärte er allerdings, er wolle sich nicht weiter journalistisch betätigen.

Viele der Beschuldigten sind alt oder krank oder arbeiten nicht mehr in den Medien.

Andere, die beschuldigt wurden, sind ebenfalls zurückgetreten und abgetaucht – wie die Radiomoderatoren Gabi Gazit und Natan Zehavi oder der Präsident des Medienunternehmens Keschet, Alex Gilady. Auch von dem Journalisten und Schriftsteller Ari Shavit hört man nichts mehr, seit die Vorwürfe gegen ihn publik wurden.

Hadass Schteif, eine Reporterin im Armeeradio, die als Erste über Zehavi berichtete, kennt nach eigenen Angaben »viele andere schmerzhafte Geschichten«. Einige von den Beschuldigten seien alt oder krank und arbeiteten nicht mehr im Medienbereich. »Doch auch, wenn die Vorfälle Jahrzehnte her sind, erinnern sich die Frauen an jede Minute.«

karriere Dabei hatte Israel seinen prägenden Moment bereits vor mehr als zehn Jahren, als Frauen gegen den Staatspräsidenten Mosche Katsav aussagten. Katsav wurde wegen Vergewaltigung verurteilt und ins Gefängnis gesteckt. Im selben Jahr wurde der Ex‐Minister Chaim Ramon vor Gericht für schuldig befunden, eine Soldatin sexuell belästigt zu haben. 2015 endete die erfolgreiche Karriere von Silvan Schalom, nachdem mehr als zehn Frauen ihn wegen sexueller Übergriffe beschuldigt hatten.

Im Jahr 2016 erzählten Betroffene in der Facebook‐Gruppe »Achat metoch Achat« (etwa: »eine und noch eine«) ihre Geschichten. Doch die Dämme brachen erst, als eine Frau auf die Bühne trat. Israel hatte seinen Wendepunkt nicht nach Bill Cosby oder Harvey Weinstein, die in den USA Schlagzeilen durch ihre Massen‐Belästigungen und Vergewaltigungen schrieben, sondern nach der Anhörung von Brett Kavanaugh, dem neuen, höchst umstrittenen Richter am Obersten Gerichtshof der USA.

Ihm wird von mindestens zwei Frauen vorgeworfen, sie sexuell genötigt oder misshandelt zu haben. Eine von ihnen ist Christine Blasey Ford. Die Schilderung ihres Erlebnisses einer versuchten Vergewaltigung als 16‐Jährige ging um die Welt. Nach ihrer Aussage musste sie sich sagen lassen, ihre Geschichte sei unglaubwürdig. US‐Präsident Trump meinte, wenn es sich so zugetragen hätte, wäre sie ja ganz sicher mit ihren Eltern zur Polizei gegangen.

öffentlichkeit Doch gerade das tun noch heute die wenigsten. Und besonders vor zehn, 20 oder 30 Jahren war es in den meisten Gesellschaften schwierig oder tabu für Frauen, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele wollen den Schmerz und die Scham nicht noch einmal durchleben, nachdem sie die oft traumatischen Erlebnisse tief im Unterbewusstsein vergraben haben. Andere fürchten Angriffe auf ihren Ruf und ihre Glaubwürdigkeit.

Nach den Attacken gegen Blasey Ford posteten wütende Frauen in Israel daraufhin unter dem Hashtag #lamalohitlonanti, was übersetzt so viel heißt wie »Warum ich es nicht angezeigt habe«.

Das israelische Pendant zu #MeToo war geboren. Bracha Barad, die Leiterin der feministischen Gruppe Kulan, sieht diese Entwicklung positiv. Ein Beispiel ist für sie der »Slutwalk« mit stetig wachsenden Teilnehmerzahlen, in diesem Jahr war er mit 5000 in Tel Aviv der größte seit der Gründung. Doch vor allem die Diskussionen rund um das Thema geben ihr Hoffnung: »Ich höre viel weniger Beschämung der Opfer als noch vor ein, zwei Jahren. Die feministische Bewegung in Israel hat die MeToo‐Bewegung gut in Schwung gebracht.«

Wende Israel ist eine moderne, westlich geprägte Gesellschaft und gleichzeitig Naher Osten und Patriarchat. Tätscheleien werden noch immer von einem Großteil der Männer als nett gemeinte Geste bezeichnet. »Meine Süße, mein Augenstern, meine Puppe« sind Worte, die man nicht nur seiner Liebsten zuraunt, sondern auch im Büro und auf dem Markt an sein Gegenüber richtet. Die Grenzen zwischen Nettigkeit und Belästigung sind oft fließend. Vielleicht öfter als in anderen westlichen Ländern. Und gerade deshalb, meinen viele Frauen, braucht es in Israel noch viel Zeit und Mühe, um eine wirkliche Wende herbeizuführen.

Die Grenzen zwischen Nettigkeit und Belästigung sind oft fließend.

»Doch allein, dass Frauen öffentlich darüber reden und ihren Namen angeben, ist hier etwas Neues und ein riesiger Schritt in die richtige Richtung«, meint die Journalistin Scharon Schforer. »Es ist an der Zeit, dass wir uns nicht mehr verstecken und schämen müssen.«

Sie selbst begann 2016, einen Blog über die Erfahrungen von Frauen mit sexueller Belästigung zu schreiben. Währenddessen kam ihre eigene Erfahrung zurück ins Bewusstsein, als sie mit elf Jahren von einem Sportlehrer belästigt wurde. »Ich war mir so viele Jahre sicher, dass ich die ganze Geschichte einfach ruhen lassen, weder zur Polizei noch vor Gericht gehen soll. Das hatte ich immer wieder gehört und gelesen. Heute weiß ich es besser.«

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