Israel

Neujahr der leisen Töne

Staus in Jerusalem durch Polizeikontrollen Foto: Flash90

Wie an jedem Rosch Haschana, so klang auch zu diesem das Schofar durch die Lüfte Israels. Doch es war lauter und durchdringender als sonst. Denn es war ungewöhnlich still in Israel. Weder gab es große Feiern noch Massenveranstaltungen zum Beginn von 5781. Seit Freitag befindet sich Israel im zweiten Lockdown wegen des Corona-Ausbruchs.

STAUS Auch am Morgen danach waren die Straßen leerer als sonst, als die Israelis nach dem Feiertag zwar ihre Arbeit wieder aufnahmen, doch viele im Homeoffice blieben. Dennoch gab es auf allen Hauptverkehrsadern der großen Städte wie Jerusalem und Tel Aviv lange Staus. Die Polizei hatte Dutzende von Straßensperren aufgestellt, um zu überprüfen, ob nur jene ihr Haus verlassen, denen es erlaubt ist.

»Im Großen und Ganzen haben wir in den vergangenen Tagen gesehen, dass sich die Öffentlichkeit an die Regeln hält.«

Polizeichef Motti Cohen

»Im Großen und Ganzen haben wir in den vergangenen Tagen gesehen, dass sich die Öffentlichkeit an die Regeln hält. Es gab einige außergewöhnliche Vorkommnisse, denen sich die Beamten sofort angenommen haben«, fasste Polizeichef Motti Cohen die ersten Tage des Lockdowns zusammen.

Die Polizei verteilte knapp 7000 Strafzettel für falsches Verhalten an Bürger, etwa jene, die sich mehr als einen Kilometer von ihrem Zuhause entfernt hatten oder keine Maske auf dem Gesicht trugen.  

SOLDATEN Mehr als 7000 Sicherheitskräfte und Soldaten kümmern sich nach Angaben der Polizei im Land um die Einhaltung der Maßnahmen. Es wurde befürchtet, dass sich ein Großteil der Israelis nicht an die strikten Regeln halten würde, die von vielen als »unsinnig und verwirrend« bezeichnet werden. Sie umfassen die komplette Schließung von allen »nicht essenziellen Geschäften«, Schulen und Kindergärten sowie Büros mit Publikumsverkehr. Es ist jedoch erlaubt, sich ohne Begrenzung sportlich zu betätigen.

Derzeit gibt es 51.180 aktive Fälle, berichtet das Gesundheitsministerium in Jerusalem. In den Krankenhäusern befinden sich knapp 1300 Patienten, in ernstem Zustand sind 643 von ihnen. 170 Menschen müssen künstlich beatmet werden. Viele Krankenhäuser berichten, dass ihre Corona-Stationen kurz vor der Auslastung stünden. Experten gehen davon aus, dass bei 800 Schwerkranken die Grenze erreicht ist.

Am zweiten Tag des Lockdowns waren 30 Menschen an den Folgen einer Erkrankung mit Covid-19 gestorben, insgesamt sind es mittlerweile 1229. Die Neuinfektionen in den vergangenen 24 Stunden lagen bei 2066. Jedoch wurden wegen der Feiertage weniger als die Hälfte der Tests durchgeführt. Die Positivrate lag bei elf Prozent.

Die Hauptorganisation »Black Flag« hatte sich bereit erklärt, die Demos während des Lockdowns auszusetzen, andere Gruppierungen weigerten sich jedoch, dies zu tun.

Wie an jedem Wochenende seit über drei Monaten hatten auch an diesem Samstagabend wieder Tausende von Demonstranten vor der Residenz des Premierministers Benjamin Netanjahu protestiert. Sie forderten den Rücktritt des Regierungschefs wegen des Korruptionsprozesses gegen ihn. Die Hauptorganisation »Black Flag« hatte sich bereit erklärt, die Demos während des Lockdowns auszusetzen, andere Gruppierungen weigerten sich jedoch, dies zu tun. Das Demonstrationsrecht ist auch während der Abriegelung gewährleistet.

AUSNAHMEN Auch in den charedischen Gemeinden in Jerusalem und Bnei Brak gab es Demonstrationen gegen die Regierungspolitik in Sachen Corona. Die Polizei gab jedoch an, dass »wir sehr wohl wissen, dass es jene gibt, die die verschiedenen Ausnahmen benutzen, um den Lockdown zu umgehen«. Der Fernsehkanal zwölf hatte berichtet, dass Hunderte von Bussen gemietet wurden, um charedische Familien nach dem Ende des Rosch-Haschana-Feiertages von Familienfeiern in anderen Städten zurück nach Hause zu fahren.

Die Polizei gab an, dass sie »keine Möglichkeit sah, die Busflotten zu stoppen«. Stattdessen plädierte sie an die Öffentlichkeit, verantwortungsvoll zu handeln.

STRAND Auch Gegner der harschen Maßnahmen protestieren weiter. Sie meinen, die Regierung habe bei der Pandemiebekämpfung versagt. Auch am Strand von Tel Aviv hatten sich am Samstag rund 200 Demonstranten versammelt, die ihren Unmut gegen den Lockdown ausdrückten. Israels ist das erste westliche Land, dass zum zweiten Mal die fast vollständige Abriegelung durchsetzt.

Mittlerweile sprechen sich verschiedene Experten gegen die extreme Maßnahme aus, darunter aus dem Bereich Gesundheit, der Wissenschaft, Wirtschaft und Armee. Die Bank of Israel gibt eine düstere Prognose für die Wirtschaft heraus.

Die Schließung des Landes wird mindestens drei Wochen andauern, bis über die Hohen Feiertage Jom Kippur und Sukkot, gab Gesundheitsminister Yuli Edelstein bekannt. »Und wahrscheinlich sogar länger.« Premier Netanjahu kündigte wiederholt an, dass es bald noch stärkere Beschränkungen geben könnte.

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