Gaza

Nach dem Waffenstillstand

Israelischer Panzer an der Grenze zum Gazastreifen Foto: Flash 90

Die Corona-Pandemie ist noch nicht ganz vorbei, und die Gewalt in Nahost beginnt wieder. So sehen es viele Menschen im Ausland und in Israel selbst. Nach elf Tagen der Kämpfe zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen ruhen inzwischen die Waffen. Seit Freitagmorgen vergangener Woche sind keine Raketen mehr gen Israel gefeuert worden, die israelische Armee fliegt keine Angriffe mehr gegen die Terrororganisation.

Doch die Folgen der Gewalt sind gravierend und langfristig. Neben den menschlichen Tragödien sind auch die wirtschaftlichen Schäden immens. Nach Angaben der israelischen Herstellervereinigung machten Geschäfte mehr als 300 Milionen Euro Verlust. Die Verluste seien vor allem dadurch entstanden, dass Arbeiter und Angestellte nicht an ihren Arbeitsplatz kommen konnten, im Süden des Landes waren dies ein Drittel der Beschäftigten, im Zentrum rund zehn Prozent.

schäden 50 israelische Unternehmen hätten Schaden in Millionenhöhe durch direkte Einschläge oder Schrapnelle erlitten, so die Vereinigung weiter. Präsident Ron Tomer fordert von der Regierung einen sofortigen Fonds für Entschädigungen. »Dies ist nicht die Zeit für Bürokratie oder Verzögerungen, sondern für Wiederaufbau und volle Unterstützung für Geschäfte, die Schaden durch die Kämpfe erlitten haben.« Das Thema soll in den nächsten Tagen im Finanzausschuss der Knesset besprochen werden.

Auf der anderen Seite, im Gazastreifen, habe es Schäden an Fabriken und anderen Unternehmen in Höhe von 40 Millionen US-Dollar gegeben, weitere 22 Millionen sollen nach Angaben der Hamas durch Beschädigungen an verschiedenen Einrichtungen des Energiesektors entstanden sein.

Jerusalem bekommt von 78 Prozent der israelischen Bevölkerung gute Noten für die Durchführung der Militäroperation »Wächter der Mauern«.

Währenddessen bekommt Jerusalem von 78 Prozent der israelischen Bevölkerung gute Noten für die Durchführung der Militäroperation »Wächter der Mauern«. Jedoch lediglich 31 Prozent der Israelis finden, dass die Ziele der internationalen Gemeinschaft kommuniziert wurden.

koalition Mit 45 Prozent der Bevölkerung meint zudem fast die Hälfte, dass die Operation im Gazastreifen mit politischen Erwägungen des noch amtierenden Premierministers Benjamin Netanjahu zu tun gehabt habe. Sie sind der Auffassung, es gebe einen Zusammenhang zwischen »Wächter der Mauern« und dem Willen Netanjahus, an der Macht zu bleiben, während die Opposition versucht, eine regierungsfähige Koalition auf die Beine zu stellen.

Doron Matza, Experte für Sicherheitsfragen am Begin-Sadat Center for Strategic Studies (BESA) der Bar-Ilan-Universität, ist überzeugt, dass die Wahrnehmung dieser Auseinandersetzung sich von der der vorhergegangenen Kämpfe völlig unterscheidet. Es war die vierte militärische Auseinandersetzung zwischen Jerusalem und der Hamas seit deren Übernahme des Gazastreifens im Jahr 2007. »Vor allem Sprache und Gedankenmodelle der beiden Seiten waren konzeptuell völlig verschieden«, so Matza.

Er führt aus: »Während Israels Denken bei den Kämpfen von einer taktisch-quantitativen Logik bestimmt war, war die Denkweise der Hamas eine strategisch-qualitative. Dies war eindeutig in Israels heimischem Diskurs zu sehen, der sich ganz auf die Zahl der Errungenschaften konzentrierte, etwa wie viele Ziele angegriffen, wie viele Terroristen getötet, wie viele Raketen abgeschossen oder zerstört wurden, wie viele Tunnel pulverisiert und so weiter.«

GEDANKENMODELLE Aus diesem Blickwinkel sei die Operation, die hauptsächlich aus Luftangriffen bestand, erfolgreich gewesen, denn sie habe die israelische Wahrnehmung bestärkt, dass so viele Ziele wie möglich angegriffen werden müssen.

IDF und Geheimdienst hätten erfolgreich kooperiert. Und sogar die Politik, eigentlich völlig gespalten, habe es geschafft, Harmonie und Zusammenarbeit an den Tag zu legen. Keine Frage, dass die Hamas schwer getroffen wurde. »Doch genau darin liegt das Problem«, gibt Matza zu bedenken. »Zum einen war so kein eindeutiges Ergebnis für diese Operation zu erreichen, zum anderen benutzte die Hamas eine völlig andere Logik, die sich systematisch auf strategische Ziele bezog.«

Diesbezüglich habe die Hamas einen viel größeren Erfolg erreicht als angenommen. »Nicht nur begann sie die Militärkampagne, als sie am Jerusalem-Tag Raketen auf Israels Hauptstadt feuerte und dadurch die israelischen Entscheidungsträger in Politik und Militär überraschte, sie war zudem in der Lage, einen Dominoeffekt jenseits von Gaza herbeizuführen: die Aufstände in den gemischten Städten Israels und der Aufruhr im Westjordanland.« Israels Strategie, einen Keil zwischen die Palästinenser in Gaza und jene im Westjordanland zu treiben, habe die Hamas damit hintertrieben.

SYMBOLIK Es sei eine Kampagne mit regionaler und internationaler Perspektive gewesen. Matza sagt: »Anders als bei den vorherigen Kämpfen, in denen die Gaza-Blockade zentraler Punkt war, stand nun Jerusalem im symbolischen Fokus. Damit erreichte die Hamas sogar, dass Raketen aus dem Libanon von rebellierenden palästinensischen Gruppen gegen Israel abgefeuert wurden. Und das könnte ein bleibendes Phänomen werden.«

Die Strategie der Hamas, den Konflikt auszuweiten, ist aufgegangen.

Für den Experten ist klar: »In dieser Auseinandersetzung gab die Hamas den Ton an. Es handelte sich nicht mehr um eine lokale Runde von Kämpfen mit Israel, sondern um eine viel größere Konfrontation zweier Gedankenmodelle: dem wirtschaftlich-pragmatischen Modell der ›Vernunft‹ und dem der ›Herzen‹ des Widerstand-Camps.«

Ersteres ist für die Friedensabkommen, die »Abraham Accords«, verantwortlich, oder auch für die Haltung des Chefs der islamischen Partei Raam, Mansour Abbas. Bei den »Herzen«, erläutert Matza, spielten utopische und absolute Visionen die Hauptrolle, die die Zukunft der Gegenwart vorziehen. Während das Modell der Vernunft im vergangenen Jahrzehnt große Fortschritte machte, habe diese Militäroperation es infrage gestellt.

exempel »Israel hatte die außergewöhnliche Möglichkeit, aus Gaza und der Hamas eine Art regionales und internationales Exempel zu statuieren, um die pragmatisch-wirtschaftliche Agenda wiederherzustellen. Doch dafür hätte die Strategie überdacht werden müssen.« Stattdessen habe Jerusalem dieselbe militärische Logik wie in den Kämpfen zuvor angewandt. »Und so endete es mit eindrucksvollen taktischen Errungenschaften – jedoch in einer Position großer strategischer Unterlegenheit«, fasst Matza zusammen.

Die Hamas sei in der Lage gewesen, sich selbst als wichtigen strategischen Spieler zu positionieren, der sogar Konflikte zwischen jüdischen und arabischen Israelis heraufbeschwören kann. »Das sind schlechte Nachrichten für alle im Nahen Osten, die das Leben lieben.« Doch vor allen Bemühungen, diesen Trend rückgängig zu machen, macht Matza deutlich, müssten zunächst tatsächlich die Auswirkungen dieses Krieges betrachtet werden. »Je früher, desto besser.«

Hamas-Massaker

Wurde Netanjahu gleich dreimal vor dem 7. Oktober gewarnt?

Berichte aus Ägypten und den Emiraten schildern mehrere Warnungen vor dem Angriff aus Gaza. Der israelische Premier bestreitet dies kategorisch

von Sabine Brandes  30.09.2026

Jerusalem

Eklat wegen Aussagen von Ministerin: Israel bestellt spanische Diplomatin ein

Spaniens Jugendministerin Sira Rego von der Linkspartei hatte erklärt, die spanische Gesellschaft unterstütze einen palästinensischen Staat »vom Fluss bis zum Meer«. Jetzt protestierte Israel gegen die Aussagen

 30.09.2026

Tel Aviv

Festnahme eines Hamas-Funktionärs verschaffte Israel entscheidende Informationen über Terrorziele

Mu’in al-Arabid, ein ranghoher Hamas-Terrorist wurde am 2. September gefangen genommen. Seither sind mehrere Terror-Kommandeure getötet worden

 30.09.2026

Grenzübergang Taba/Eilat zwischen Ägypten und Israel

Mysteriöser Fall

Drei Israelis in Ägypten verschollen

Die jungen beduinischen Männer seien zum Urlaub ins Nachbarland gereist und dort angeblich aus Gründen der »inneren Sicherheit« festgenommen worden

von Sabine Brandes  29.09.2026

Die Chefs der Oppositionsparteien

Tel Aviv

Israels Opposition schließt Pakt

Eisenkot, Bennett, Lapid, Lieberman und Golan wollen während des Wahlkampfs auf gegenseitige Angriffe verzichten und planen eine »zionistische staatsmännische Regierung«

von Sabine Brandes  29.09.2026

Jerusalem

Gallant spricht über Details der Pager-Operation gegen Hisbollah

Offenbar schöpfte ein Mitglied der libanesischen Terrororganisation Verdacht. Israel sah sich zum Handeln gezwungen

 29.09.2026

Forschung

Studie: Es gibt keine Grundlage für die Apartheids- und Genozidvorwürfe gegen Israel

Eine neue Untersuchung von Gunther Jikeli und Philippe Karpe zeigt, dass die Kritik gegen den jüdischen Staat ideologisch motiviert ist - und jeglicher Empirie entbehrt

 29.09.2026

Jerusalem

Netanjahu reiste offenbar wegen Berichten über Hamas-Warnung nach Abu Dhabi

Hat der israelische Ministerpräsident den Präsidenten der VAE, Scheich Mohammed bin Sajid Al Nahjan, gebeten, Medienberichte zurückzuweisen, wonach dieser seinen Jerusalemer Gesprächspartner vor dem 7. Oktober warnte?

 29.09.2026

Terrorismus

»Wenn sie einen Raum betrat, ging die Sonne auf«

Ricarda Louks Tochter Shani und Sonja Bohl-Denckers Tochter Carolin wurden vor drei Jahren von der islamistischen Hamas ermordet. Ihre Mütter schildern, wie sie mit dem Verlust zurechtkommen - und was sie sich wünschen

von Nina Schmedding  29.09.2026