Sicherheit

Mit Hightech gegen Tunnel

Mit Dschihadisten-Bildern geschmückt: ein palästinensischer Terrortunnel Foto: dpa

Wieder einmal ist es passiert: Terroristen gruben sie sich von Chan Junis im Gazastreifen bis über die Grenze nach Israel vor, nur rund zwei Kilometer entfernt vom Kibbuz Kissufim. Vergangene Woche entdeckten Israelis den Tunnel, der sich im Bau befand, noch keine Öffnung nach Israel hatte, und zerstörten ihn. Zwölf Terroristen sollen dabei ums Leben gekommen sein.

Genaue Informationen darüber, wie weit die Kämpfer des Islamischen Dschihad ins Landesinnere vordringen konnten, blieben zwar Militärgeheimnis. »Manche sprechen von 200 Metern, andere von zwei Kilometern«, sagt Kobi Michael, der sich am Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) unter anderem mit palästinensischen Angelegenheiten befasst. So oder so bleibt die Frage: Wie konnten die Terroristen überhaupt so weit kommen?

Experte Kobi Michael geht von einem wohlkalkulierten Vorgehen der Armee aus, die alles im Blick hatte: »Ich nehme an, Israel hat schon vom Bau dieses Tunnels gewusst, bevor er überhaupt das Staatsgebiet erreichen konnte.«

Die Armee habe wohl mit der Zerstörung gewartet, bis die Terroristen die Grenze überschreiten, um eine Grundlage für den militärischen Einsatz zu haben. »Die derzeitige Strategie ist defensiv. Das erfordert eine ruhige Lage. Wir müssen abschrecken und gleichzeitig eine Eskalation verhindern.«

Druckmittel Schon kurz nach der Zerstörung der Tunnel hatte der Islamische Dschihad von einem »Massaker« gesprochen, zur Mobilisierung aufgerufen und mit einem Vergeltungsschlag gedroht. Durch den Einsatz der Israelis sind laut Medienberichten einer seiner Kommandeure, dessen Stellvertreter sowie Mitglieder der Hamas ums Leben gekommen. Anfangs war von sieben Toten die Rede, fünf Terroristen wurden weiterhin vermisst.

Am vergangenen Sonntag dann wurde bekannt, dass die israelische Armee im Besitz der Leichname von fünf Kämpfern des Islamischen Dschihad sei, man habe sie in der zerstörten Tunnelanlage auf israelischem Territorium gefunden. Einen Tag später erklärte Premierminister Benjamin Netanjahu, die Leichname als Druckmittel einzusetzen, um genau die Israelis zurückzuholen, die von der Hamas derzeit noch gefangen gehalten werden: die beiden Zivilisten Hisham al-Sayed und Abera Mengistu sowie die sterblichen Überreste der beiden im Gaza-Krieg 2014 getöteten Soldaten Oron Shaul und Hadar Goldin.

Doch an den Verhandlungen zum Austausch will sich der Islamische Dschihad nicht beteiligen und kündigte bereits Gewalt an, um die getöteten Terroristen zurück nach Gaza zu holen. Verbal ist die Situation bereits eskaliert. Wird der Islamische Dschihad seine Ankündigungen aber auch in die Tat umsetzen?

Raketenalarm Die Lage um den Gazastreifen bleibt seit der Zerstörung angespannt, die israelische Armee bereitet sich auf mögliche Vergeltungsschläge vor. Laut Medienberichten wurde das Raketenabwehrsystem »Eiserne Kuppel« vergangene Woche an der Grenze zum Gazastreifen in Stellung gebracht. Kurze Zeit später stieg die Anspannung, als Sirenen in der Nacht zum Donnerstag die Menschen im Süden Tel Avivs, Bat Jam und Cholon aus dem Schlaf riss – der entpuppte sich aber doch nur als falscher Alarm. Ob überhaupt Raketenschläge die gewählte Form der Vergeltung sein werden, bleibt fraglich, glaubt auch Kobi Michael.

Denn fliegen Raketen auf israelisches Gebiet, müsste Israel reagieren, und das scheint derzeit nicht im Interesse der Menschen in Gaza. »Sie haben gute Gründe, sich zurückzuhalten, denn die Hamas will wirklich keine Form von Eskalation, sie widmen sich voll und ganz dem Versöhnungsprozess.« Derzeit sind die bislang verfeindeten palästinensischen Gruppen Fatah und Hamas dabei, sich zu versöhnen. Nach der Unterzeichnung eines Abkommens vor einigen Wochen wurde die Grenzkontrolle in Gaza an die Palästinensische Autonomiebehörde übergeben.

Außerdem soll der Rafah-Grenzübergang zu Ägypten wieder regelmäßig geöffnet werden, Kobi Michael nennt ihn die »Sauerstoffleitung« für die Menschen in Gaza, die ansonsten ziemlich abgeriegelt leben. Vergeltungsschläge könnten aber auch aus dem Westjordanland kommen, befürchtet Kobi Michael. Möglich sind ebenfalls Messerattacken oder Angriffe auf Menschen in Siedlungen – doch auch darauf bereite sich die Armee vor, ist sich Michael sicher.

Infrastruktur 60 Kilometer Zukünftig soll es erst gar nicht mehr so weit kommen, denn derzeit baut Israel entlang der Grenze zum Gazastreifen eine mehr als 60 Kilometer lange Hightech-Mauer, die laut Berichten auch mehrere Dutzend Meter unter die Erde reicht – eines der derzeit größten Infrastrukturprojekte in Israel. Bislang ist aber nur ein Teil davon errichtet.

Der Plan dazu entstand nach dem Gaza-Krieg 2014, als die Hamas intensiv unterirdische Netzwerke genutzt hatte. »Diese Kombination aus Mauer und Technologie wird die Geschichte mit den Tunnels beenden«, prognostiziert Kobi Michael. »Jeder Tunnel wird sofort entdeckt und von der Mauer blockiert werden, denn die wird bis zu 30 Meter unter die Erde reichen, wo festes Gestein lagert, durch das man keinen Tunnel bauen kann.«

Doch die defensive Sicherheit hat ihren Preis: Umgerechnet mehr als 700 Millionen Euro kostet die Hightech-Mauer. »Bleibt die Frage, was dann als Nächstes kommt und wie Israel darauf reagieren wird.«

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