Archäologie

Lukratives Geschäft

Viele geplünderte Altertümer aus Irak und Syrien tauchen in Israel auf

von Sabine Brandes  19.09.2016 20:29 Uhr

In Sicherheit: Skulptur im irakischen Nationalmuseum in Bagdad Foto: Reuters

Viele geplünderte Altertümer aus Irak und Syrien tauchen in Israel auf

von Sabine Brandes  19.09.2016 20:29 Uhr

Sie stammen aus dem Irak, aus Afghanistan, und vielleicht sind auch einige aus Syrien darunter: Geplünderte Altertümer aus dem gesamten Nahen Osten tauchten bis vor Kurzem zuhauf auf dem israelischen Markt auf. »Vor zehn Jahren war Israel tatsächlich eines der Hauptländer, in denen Altertümer ›reingewaschen‹ wurden«, gibt Eitan Klein zu. Der stellvertretende Leiter der Abteilung für die Verhinderung von Diebstahl in der israelischen Antikenbehörde (IAA) hat sich zur Aufgabe gemacht, den Verkauf von Plündergut zu unterbinden. Derzeit recherchiert er ausgiebig zum Antiquitätenraub des »Islamischen Staats« (IS).

Dass aber die gestohlenen Artefakte des IS in nächster Zeit in Israel auftauchen, hält er für wenig wahrscheinlich. Denn momentan gestaltet sich der Handel schwer für die Schmuggler der Terrororganisation. Die Welt schaut auf sie, und der Druck an den Grenzen ihres Gebietes in Syrien und dem Irak ist hoch. Artefakte werden lediglich sporadisch »exportiert« und oft beschlagnahmt. Die Türkei und der Libanon stoppten jüngst einzelne Lieferungen, Griechenland setzte ganze Schiffe voller Altertümer fest. Auch der Verkauf im Internet gestaltet sich schwierig. Denn derartige Angebote werden in der Regel von den Seitenbetreibern, etwa Ebay, sofort blockiert.

gesetzesänderung »Und glücklicherweise gab es 2011 eine Gesetzesänderung«, so Klein. Früher habe die IAA antike Importe überhaupt nicht überprüft, die Waren mussten lediglich verzollt werden. Der Archäologe erläutert: »Die geplünderten Dinge wurden meist nach Dubai geschmuggelt, dort mit falschen Dokumenten versehen, dann über den Transfer London nach Israel geschickt. Und es war alles ganz legal.« Vor 2012 seien auf diese Weise rund 5000 Stücke jährlich angekommen, heute sind es weniger als 200. »Es hat eine Weile gedauert, bis wir es verstanden und geändert haben, doch jetzt ist viel geschafft.«

Nicht nur in Israel wurden Gesetze verschärft. Die Resolution 2199 der Vereinten Nationen besagt, dass jeglicher Handel des IS mit natürlichen Ressourcen (dazu werden auch antike Artefakte gezählt) verboten ist und von den Mitgliedstaaten verhindert werden muss. Auch Deutschland beschloss, die laxen gesetzlichen Bestimmungen anzupassen – nach einer Empfehlung der Israelis übrigens, wie Klein anmerkt. Er ist überzeugt, dass dies der richtige Weg ist: »Wir brauchen neue Gesetze und eine gemeinsame globale Anstrengung, um der Ausbeutung von Altertümern wirklich den Garaus zu machen.«

Das derzeitige Geschehen im Gebiet des IS vergleicht Klein mit der Herrschaft der Taliban in Afghanistan und dem Krieg im Irak seit 2003. »In den Folgejahren der Konflikte tauchten jede Menge Artefakte aus diesen Ländern in der ganzen Welt auf. Auch bei uns.« Die Gesetzesänderung erlaubte es den Behörden schließlich, Geschäfte zu durchsuchen und die gestohlenen Gegenstände zu beschlagnahmen. »Jetzt sind sie bei uns an einem sicheren Ort. Wir warten darauf, dass wir sie eines Tages an ihre Ursprungsländer zurückgeben können.«

Unesco Die UNESCO und Interpol sind Kleins wichtigste Quellen bei seiner täglichen Arbeit. Die American School for Oriental Studies hat ein Team zusammengestellt, das wöchentlich untersucht, was in der Region Irak und Syrien geschieht, und die Informationen an die Behörde weitergibt.

Regelmäßig analysiert Klein außerdem Luftbilder verschiedener Regionen in Syrien und im Irak. Und hat dabei Erstaunliches herausgefunden: »Die Unterschiede zwischen der Zeit vor dem Bürgerkrieg und danach sind gravierend. An einer Stelle, die in römischer Zeit eine bedeutende Stadt war, gab es 2011 so gut wie keine Ausgrabung. Nur sechs Monate später sind es schon Tausende.«

»Der IS hat eine regelrechte Ausgrabungsmaschinerie geschaffen«, sagt der Experte. Wie die Terrororganisation das geschafft hat, weiß die Welt seit dem Einsatz der amerikanischen Anti-Terroreinheit Deltaforce gegen den Leiter des IS-»Ministeriums für wertvolle Bodenschätze« vor eineinhalb Jahren. Zu diesen zählen neben Öl, Gas und Metallen auch archäologische Funde. Die Einsatzkräfte töteten den Terroristen und beschlagnahmten Unterlagen, die belegen, dass der IS Lizenzen an die Zivilbevölkerung für das Graben nach Altertümern vergibt. »Von jedem gefundenen Stück werden mindestens 20 Prozent des Wertes verlangt, und beim Versenden der Artefakte wird nochmal kräftig abkassiert.«

Marketing »Die Ausbeutung von Ausgrabungen ist ein strukturiertes Geschäft. Sie betreiben sogar ein regelrechtes Marketing.« Oft sei die Zerstörung von Altertümern, von den Terroristen auf Video aufgenommen und rund um die Welt geschickt, lediglich vorgetäuscht. Denn der IS wolle verkaufen und sich so Einnahmen sichern. So geschehen etwa in Palmyra, der antiken Stätte in Syrien, die der »Islamische Staat« so medienwirksam vereinnahmte. Die Islamisten jagten einige der Statuen in die Luft und gaben vor, mit allen verbleibenden auch so zu verfahren. Doch es dauerte nicht lange, da beschlagnahmten türkische Behörden die Statuen an der Grenze. Der IS hatte versucht, sie außer Landes zu schmuggeln. »Sie waren nahezu intakt«, so Klein.

Dass der IS vorgibt, die Artefakte zu zerstören, sei Ausdruck seiner Ideologie, zu den Wurzeln des Islam zurückzukehren und sämtliche Zeugen anderer Einflüsse zu entfernen. Die Botschaft laute: »Wir jagen die Götzenbilder in die Luft.« In Wahrheit werden die »Götzenbilder« sorgsam aufbewahrt, bis sie verschickt werden können. Klein: »Es ist der zynische Gebrauch von Altertümern für die Zwecke einer Terrorgruppe.«

Das Plündern von Ausgrabungen ist nicht neu, der große Stil indes schon. Die Terroristen nutzen die bereits vorhandenen Schmugglerwege dafür. »Und diese Schmuggler haben Verbindungen in die ganze Welt«, weiß Klein. Der IS wartet, bis schließlich verkauft werden kann. »Es ist für sie eine Investition in die Zukunft.«

Denn ihre Zeit werde leider kommen, da ist Klein ganz sicher. »Heute schauen alle nach Syrien und in den Irak. Doch in einigen Jahren, wenn die Welt sich auf einen anderen Konflikt konzentriert, dann holen sie die Schätze aus den Verstecken hervor und verschicken sie. Denn es ist ein lukrativer Markt. Und den lassen sich die Diebe und Plünderer ganz sicher nicht entgehen.«

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