Tel Aviv

Kunst auf dem Müll

500 Figuren aus 20 Tonnen Abfall: die »Trash People« auf dem Berg Hiriya Foto: Flash 90

In Reih und Glied stehen sie auf dem Berg Hiriya und wachen über Tel Aviv. Doch diese Armee schützt nicht vor umliegenden Feindesmächten. Die »Trash People« des deutschen Künstlers HA Schult haben den Kampf gegen den Müll aufgenommen. Auf der ehemaligen Abfalldeponie werden die Soldaten aus Blechdosen, Plastik, Glas und Elektronikschrott angestrahlt, während hinter ihnen die Skyline der Metropole im abendlichen Dämmerlicht schimmert. Mit der Ausstellung soll das Thema Recycling ins Bewusstsein der israelischen Bevölkerung gerückt werden.

Während sich Israel rühmt, mit 54 Prozent mehr Plastikflaschen wiederzuverwerten als die USA (31,8 Prozent) und Europa (52,4 Prozent), werden nach wie vor Plastiktüten in jedem Supermarkt kostenlos und en masse ausgegeben. Auch der Grundsatz »vermeiden statt verwerten« ist bei vielen noch nicht angekommen. Nur schleppend nimmt sich das Parlament der Umweltprobleme an, diskutiert etwa, ob ein Gesetz eingeführt werden sollte, dass Tüten nur noch gegen Bezahlung verteilt werden dürfen.

Die OECD veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie, die besagt, dass Israel im Verhältnis zur Bevölkerung einer der größten westlichen Müllverursacher ist. Während ein Schwede, Holländer, Japaner oder Kanadier im Durchschnitt etwas mehr als 41 Liter Müll wöchentlich produziert, kippt ein Israeli rund 68 Liter in die Tonne. Die Universität von Haifa startete daraufhin eine Umfrage, um Müllgewohnheiten bei Familien festzustellen. Trauriges Fazit der Wissenschaftler aus Haifa: »Israel hat eine verschwenderische Konsumkultur und ein geringes Bewusstsein, Müll zu recyceln.«

ära Doch das soll sich ändern. Zum Beispiel mit den Trash People, der Armee aus 500 lebensgroßen Figuren, die aus 20 Tonnen recyceltem Material hergestellt sind. Seit 18 Jahren reist die Truppe um die Welt, stand unter anderem bereits vor den Pyramiden in Kairo, in La Défense in Paris, auf der Kölner Domplatte und in der Antarktis. HA Schult sagte einmal über seine Schrottarmee: »Wir leben in einer Ära des Mülls und riskieren dabei, selbst zu Müll zu verkommen.«

Einen Abend nach der Ausstellungseröffnung steht der Künstler persönlich in bunter Pluderhose auf der Aussichtsplattform, schaut auf sein Werk hinab und fragt sich, ob die Erwachsenen die Botschaft verstehen. Er sei sich da nicht sicher. Die Kinder aber, die würden schnell begreifen, worum es geht. Er könnte Recht haben. Denn Erziehung in Sachen Recycling funktioniert in Israel andersherum: Die Kleinen machen es den Großen vor.

Erziehung »Das stimmt«, sagt Lily Cohen, Mutter von drei Söhnen aus Ramat Hascharon. »Als mein ältester Sohn in den Kindergarten kam, haben wir Eltern begonnen, zu lernen, was Recycling ist.« Es habe damit angefangen, dass die Frühstücksbrote nicht mehr in Plastik eingewickelt werden durften. Später wurden die Getränkeflaschen von der ganzen Familie gemeinsam in die Container geworfen. »Und heute darf ich im Supermarkt keine Plastiktüte mehr nehmen, sonst sind meine Kinder richtig sauer«, erzählt Cohen und schmunzelt.

Doch sie findet es gut. »Denn so dumm es sich anhört, von selbst wären wir Erwachsene da nicht drauf gekommen. Leider.« In Israel sei es einfach nie Thema gewesen, meint Cohen. Erst in den letzten vier, fünf Jahren werde bewusster damit umgegangen. »In der Bildung wird es ernst genommen, und auch in den Medien taucht es immer mehr auf. Ich habe das Gefühl, Israel ist auf dem richtigen Weg.«

So gibt es etwa das Radio 99 FM, das nach jeder Werbung einen Umwelttipp sendet. Das kann etwa der Hinweis sein, dass der Reifendruck am Auto korrekt sein muss, weil sonst Benzin vergeudet wird. Oder es wird kurz darüber informiert, wie viele Jahre es dauert, bis eine Plastiktüte aus der Natur verschwindet. Cohen hört zu. »Viele Sachen sind einem überhaupt nicht bewusst, es ist gut, wenn man es wieder und wieder gesagt bekommt, damit man es besser machen kann.«

existenziell Chaim Erez wandert mit seiner Freundin durch die Reihen der Müllmenschen auf Hiriya. Die Müllkippe war von 1952 bis 1999 Hauptabladestelle des Abfalls aus dem Zentrum. Sie ist 60 Meter hoch und besteht aus 16 Millionen Kubikmetern Schrott.

Erez ist genervt von der israelischen Attitüde »geht mich nichts an«. Dabei würden schließlich alle Abfall produzieren. »Aber wie man damit im Anschluss umgeht, schert die wenigsten«, schimpft er. Der Tel Aviver meint, die Israelis seien zudem zu faul. »Wenn die Tonne nicht genau vor der Haustür steht und sie den Müll aus der Hand hineinfallen lassen können, ist es für sie zu aufwendig.« Abhilfe würden nur Recyclingbehälter an jedem Gebäude schaffen, ist er überzeugt.

Auch Doron Livneh schaut sich die Trash People an und findet es gut, dass es »endlich Denkanstöße« gibt. »Israel hinkt nicht Jahre, sondern Jahrzehnte hinter den meisten westlichen Nationen her. Das ist wirklich verwerflich. Immer galt die Ausrede: ›Wir haben so viel mit existenziellen Problemen wie Sicherheit und Verteidigung zu tun, wie sollen wir uns da um Müll kümmern?‹ Doch dass das Thema Abfall existenziell ist, begreift man erst jetzt, wo unser kleines Land schon total vollgemüllt ist.«

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