Geschichte

Kehrwoche in Haifa

Die ehemalige Templer-Siedlung in der Ben-Gurion-Straße in Haifa Foto: dpa

Wer heute den am Fuße des Carmel gelegenen Ben‐Gurion‐Boulevard in Haifa besucht, stößt immer wieder auf Gebäude, die mit ihren roten Giebeldächern sehr untypisch für die Region erscheinen. Zudem finden sich über ihren Eingängen Bibelsprüche in deutscher Sprache eingemeißelt. Es sind die architektonischen Hinterlassenschaften der Templer, pietistische Siedler aus dem Schwabenland, die vor genau 150 Jahren in die damals osmanische Provinz Palästina zogen, um hier die »Errichtung des Reiches Gottes auf Erden« in Angriff zu nehmen.

Zwar fiel mangels Masse ihr frommes Kolonisationsprojekt ins Wasser – nie lebten mehr als 2500 der auch Palästina‐Deutsche genannten Pietisten im Land. Aber dennoch waren ihre Aktivitäten der erste geglückte Versuch einer europäischen Ansiedlung in der Region seit der Zeit der Kreuzzüge. »Und ohne ihre Hilfe wäre die Einwanderung von Juden aus dem östlichen Europa rund ein Vierteljahrhundert später vielleicht etwas anders verlaufen«, betont Gur Alroey. »Denn die Templer besaßen das landwirtschaftliche Know‐how und gaben es an die Pioniere der Ersten Alija weiter«, so der Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Haifa.

Die Templer gaben ihr landwirtschaftliches Know‐how an die Pioniere der Ersten Alija weiter.

Genau diese Leistungen der Palästina‐Deutschen wollte man anlässlich des 150. Jubiläums ihrer Ankunft in Haifa mit einer Konferenz an der Hochschule der Hafenstadt sowie einer Ausstellung in den Räumlichkeiten ihrer Bibliothek würdigen. »In der Forschung registrieren wir seit Jahren ein ungebrochenes Interesse an den Aufbauleistungen der Templer«, freut sich der Historiker Yossi Ben Artzi. »Das spiegelt sich in den zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen wider, die bereits erschienen sind.«

ARCHITEKTUR Doch man möchte auch jenseits der akademischen Fachwelt das Bewusstsein für die Pionierleistungen der Templer schärfen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Und so präsentierte beispielsweise Benjamin Kedar von der Hebräischen Universität Jerusalem faszinierende Luftaufnahmen der deutschen Siedlungen in Haifa, Jerusalem, Jaffa und Sarona aus den verschiedenen Epochen. »Auf diese Weise lässt sich auch die Entwicklung des Landes für jeden sehr eindrücklich nachvollziehen«, so der Historiker, der übrigens auf reichlich Bildmaterial der deutschen Luftwaffe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg zurückgriff.

Über die Probleme der Erhaltung der Siedlungen und ihres Häuserbestandes konnte vor allem Tamar Tuchler einiges erzählen. Sie war zusammen mit dem 2002 verstorbenen Historiker Alex Carmel eine der treibenden Kräfte hinter den Ini­tiativen, einen Abriss der Templerhäuser in Haifa und in Sarona zu verhindern. »Ohne das Wissen über ihre Geschichte und ihre Leistungen für die Entwicklung Palästinas hätten wir das gewiss nicht geschafft«, so Tuchlers Fazit. Was aus heutiger Sicht vielleicht für die Region etwas skurril wirkt, waren die zahlreichen Wandmalereien, die im Rahmen der Sanierungsarbeiten immer wieder zutage traten und die nun zum Teil aufwendig rekonstruiert wurden. »Zum Beispiel das Bild eines von Brauereipferden gezogenen Gespanns mit Bierfässern oder bayerische Schuhplattler‐Szenen«, erzählt der Restaurator Shay Farkash.

Und Ido Garfinkel, ein Geograf aus Jerusalem, spricht von einem aktuellen Trend in der israelischen Architektur, der im Umfeld einiger ehemaliger deutscher Siedlungen zu finden ist. »Man könnte von einem Neo‐Templerstil sprechen, weil Neubauten die Formensprache der Palästina‐Deutschen zitieren oder sich stark an ihr orientieren.« Ob man das schön finden muss, steht auf einem anderen Blatt.

NSDAP Die rund zwei Dutzend eigens aus Deutschland und Australien zur Konferenz angereisten Templer, von denen einige noch vor dem Zweiten Weltkrieg in diesen Siedlungen geboren wurden, freute es sehr, dass ihr Erbe nicht nur erhalten wird, sondern auch in vielerlei Hinsicht gewürdigt wurde. Aber auch politisch Unangenehmes kam zur Sprache. Denn es gibt sehr konkrete Gründe dafür, warum nach 1948 Schluss war mit dem schwäbischen Siedlungsprojekt, und zwar aufgrund der Parteinahme zahlreicher Templer zugunsten des Nationalsozialismus. Es etablierte sich eine Landesgruppe der NSDAP in Palästina, die bald in allen Lebensbereichen das Sagen hatte. Und weil dieser Vorgang ohne jegliche Opposition stattfand, die in Ermangelung eines Repressionsapparates, wie es ihn in Deutschland gab, für niemanden vor Ort ernsthaft hätte riskant werden können, lässt sich das Ganze auch als eine Selbstnazifizierung bezeichnen, die absolut freiwillig war.

Israel musste die Templer in den 50er‐Jahren entschädigen – auf Druck der Bundesregierung.

Auf diese Weise zerstörten die Templer sukzessive das Verhältnis zu Arabern, britischer Mandatsmacht und natürlich Juden, weshalb sie das Land verlassen mussten. Ihr Grundbesitz fiel an den neuen Staat Israel. »Und der musste in den 50er‐Jahren die Palästina‐Deutschen entschädigen«, berichtet Yossi Katz, Geograf und Träger des Israel‐Preises von 2016. »Dafür sorgte damals die deutsche Regierung.« Was kaum bekannt war: Bonn verknüpfte die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen an die Forderung nach einer finanziellen Entschädigung für die Palästina‐Deutschen. »Hätte Israel sich damals geweigert, wären das ganze Abkommen gescheitert und keinerlei Gelder oder Hilfslieferungen aus Deutschland geflossen.« Auf diese Weise erhielten selbst nationalsozialistische Aktivisten der Landesgruppe der NSDAP in Palästina eine fürstliche Entschädigung vom jüdischen Staat.

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