Kino

Kassenschlager

Strenge Sitten: Szene aus Michael Hanekes preisgekrönten Film »Das weiße Band« Foto: x-verleih

In den vergangenen Monaten liefen zwei Filme in Israel, für die es fast unmöglich war, Kinokarten zu bekommen. Der eine war Avatar, bei dem der Ansturm mittlerweile abgebbt ist. Der andere ist Michael Hanekes »Das weiße Band«, der von einer kleinen norddeutschen Gemeinde im beginnenden 20. Jahrhundert erzählt, in der sich seltsame und schreckliche Vorfälle ereignen.

Israelis, die Das weiße Band noch nicht gesehen haben, sollten sich lange im Voraus festlegen, wann sie das tun möchten. Denn wer auf Spontanität setzt, hat zumeist verloren: Er steht in einer langen Schlange vor der Kinokasse, an der die meisten ihre vorbestellten Karten abholen. Niemand vom israelischen Filmverleih hätte gedacht, dass dieser Streifen eine derartige Wirkung auf das heimische Publikum haben würde. In der Regel genießen ausländische Filme im jüdischen Staat nur wenig Aufmerksamkeit, ausgenommen Hollywood-Produktionen.

In Israel sind Untertitel die häufigste Art der Übersetzung, synchronisiert wie in Deutschland wird in der Regel nicht. Was steckt dann hinter dem Erfolg von Das weiße Band? Auf den ersten Blick erscheint die Handlung des vielfach prämierten Dramas – soeben ist es beim Deutschen Filmpreis in zehn Kategorien ausgezeichnet worden – allgemeingültig: Eine Geschichte strenger Erziehung, die in vielen Kulturen üblich war und ist; eine Geschichte von sexuellem Missbrauch, die überall passieren kann; eine Geschichte von gestörten Familien, die in jeder Gesellschaft vorkommen. »Überall, wo der Film gezeigt wurde, fanden die Leute etwas, auf das sie sich beziehen konnten«, sagt Produzent Stefan Arndt im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Wir wollten dem Publikum nicht von vornherein erzählen müssen, was es denken muss.«

Weißes Band, schwarzes Band Am 11. Februar kam der Film in die israelischen Kinos. Einen Tag zuvor schrieb Yair Raveh, Filmkritiker der Zeitschrift »Pnaj Plus«: »Es ist eine Geschichte über Kinder aus Deutschland im Jahr 1914. Jene Kinder, die 20 Jahre später erwachsen sind und Hitler ins Amt bringen werden; die das weiße Band an ihrem Arm gegen ein schwarzes austauschen werden. Die Kinder, die nicht mehr hinter dem Rücken der Erwachsenen die Schwachen missbrauchen, sondern es als Teil offizieller Politik deklarieren.« Am 15. Februar analysierte Uri Klein, Kritiker der »City Mouse«: »Eine Sache im Film ist zweifellos das Wissen darüber, was wenige Jahrzehnte später in Deutschland geschehen wird.«

Im März ging jeder, der sich »Das weiße Band« anschaute, höchstwahrscheinlich vor diesem Hintergrund ins Kino. Vielleicht, weil es der erste Film war, der über den Holocaust sprach, ohne ihn direkt zu benennen. Ohne Uniformen, ohne Züge, ohne KZs, ein anderer Blickwinkel auf die damaligen Schrecken.

»Haneke sagt immer: Der Film ist die Startrampe, aber abspringen wollen muss das Publikum selbst«, erzählt Arndt. »Das weiße Band« mag ein Indiz dafür sein, dass die Narbe im Gedächtnis der israelischen Gesellschaft nach wie vor tief ist.

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026

Hintergrund

Terror über den Wolken

Wie Pilot und Passagiere im Flug von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhinderten

von Sabine Brandes  08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

7. Oktober

»Erinnern heißt auch, nach der Wahrheit zu suchen«

Bei der großen Gedenkveranstaltung im Hayarkon-Park standen die Opfer im Mittelpunkt – und die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission

von Sabine Brandes  08.10.2026

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026