Wahl

Kampf ums Rathaus

Kurz vor der Eskalation: Streit zwischen Orthodoxen und Säkularen in Beit Schemesch Foto: Getty

Heiß ist es im »Haus der Sonne«. Die Luft scheint zu kochen, Menschen in schwarzen Anzügen, mit Hüten oder langen Kleidern mit Strumpfhosen schleppen sich durch die Hitze, schwitzen und keuchen. Beit Schemesch ist eine gemischte Stadt und gleichzeitig eine der größten ultraorthodoxen Gemeinden Israels. Immer wieder prallen hier die Fronten der Säkularität und Frömmelei aufeinander. Vor einigen Tagen knallte es erneut. Jetzt stehen die Bürgermeisterwahlen vor der Tür. »Und die entscheiden über die Zukunft unserer Stadt«, wie Eli Cohen, einer der säkularen Kandidaten, klarstellt.

Das Gebaren einiger Bewohner hat dem Namen schon des Öfteren keine Ehre gemacht. (Beit Schemesch bedeutet »Haus der Sonne«.) Bei vielen Israelis ist die Stadt zwischen Tel Aviv und Jerusalem als Enklave der Extremisten verschrien. Hier war es, wo von Kopf bis Fuß verhüllte Frauen forderten, Jüdinnen dürften auf der Straße keinen Millimeter Haut zeigen. Kleine Schulmädchen wurden bespuckt und beschimpft, weil sie sich »nicht züchtig genug« kleiden würden.

Randale In diesem Ort verkehren auch die sogenannten koscheren Buslinien, in denen Männer vorn und Frauen nur hinten Platz nehmen dürfen. Wiederholt wurden weibliche Fahrgäste, wenn sie sich weigerten, nach hinten zu rutschen, von charedischen Extremisten attackiert. Seit das Oberste Gericht 2011 geurteilt hatte, dass diese Regelung ausschließlich freiwillig befolgt werden dürfe, kooperieren immerhin die Busfahrer mit den Sicherheitsbehörden.

So geschehen in der vergangenen Woche, als eine junge Frau von einem charedischen Ehepaar aufgefordert wurde, nach hinten zu gehen. Die Frau hatte zwei kleine Kinder und schwere Taschen. Doch das Paar insistierte – und der Fahrer wählte die Notrufnummer. Kurze Zeit später wurde der Bus gestoppt, die Charedim festgenommen. Obwohl die junge Mutter verkündet hatte, der Anweisung folgen zu wollen, randalierten Männer in schwarzen Kutten kurz darauf in der Stadt. Sie stoppten Busse, schlugen mit Steinen und Hämmern die Scheiben der Fahrzeuge ein, in denen Familien mit Babys saßen, und verwünschten alle Säkularen.

»Es kann nicht sein, dass eine Handvoll Leute eine ganze Stadt terrorisiert«, macht Alisa Bloch deutlich, die als eine der Gegenkandidaten zum amtierenden Bürgermeister antritt. »Eine eiserne Faust muss in allen Fällen dieser Art eingesetzt werden. Es ist uns auferlegt, diese Gewalt auszumerzen. Damit jeder in Beit Schemesch und ganz Israel weiß, dass er nicht über dem Gesetz steht.«

Pakt In den kommenden 14 Tagen soll innerhalb der säkularen Bevölkerung erhoben werden, welcher der drei alternativen Kandidaten die größten Chancen auf den Chefsessel hat. Antreten werden neben Bloch (Beit Hajehudi) der leitende Angestellte der Wassergesellschaft Mekorot, Eli Cohen, sowie das Stadtratsmitglied Moti Cohen.

Die drei schlossen einen Pakt, dass nur der im Oktober antreten wird, der die meisten Stimmen holt. Die anderen verabschieden sich aus dem Rennen. »Wir haben uns zusammengetan, weil wir uns um unsere Stadt sorgen und ihren zionistischen Charakter bewahren wollen«, heißt es in einer Erklärung der drei. Eli Cohen dazu: »Es geht hier nicht um uns, sondern um die Zukunft von Beit Schemesch.«

Der erste Mann der Stadt, Mosche Abutbul, ultraorthodox und Mitglied der Schas‐Partei, schweigt seit Jahren zu jeglichen Spannungen. Mithilfe des Infrastrukturministeriums unter Schas‐Minister Ariel Atias ließ er Tausende von billigen Wohnungen für Charedim bauen. Extreme Sekten strömten in die Stadt. Viele Bewohner befürchten, dass Abutbul für eine weitere Legislaturperiode gewählt wird. Statistisch ein sehr wahrscheinliches Szenario, denn 40 bis 45 Prozent der Bewohner Beit Schemeschs zählen sich zur charedischen Gemeinde, deren Wahlbeteiligung traditionell sehr hoch ist.

Wegzug »Der ultimative Albtraum«, meint Gil Schechter, der vor fünf Jahren mit seiner Familie in die Stadt zog. Er arbeitet in Jerusalem, seine Frau in Tel Aviv, also erschien es für die beiden logisch, einen Wohnort in der Mitte zu suchen. Die Schechters sehen sich als traditionelle Juden, doch keineswegs als »superfromm«. Deshalb verlassen sie ihre Wohnung nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Einfach so durch die Straßen spazieren, ist für die Familie zum Tabu geworden. »Auch wenn nichts geschieht, liegt oft eine bedrohliche Spannung in der Luft«, sagt Schechter. »Sieht man ein Stück Schulter oder Knie von meiner Frau, müssen wir schon Angst haben, angegriffen zu werden.«

Die Familie will noch die Bürgermeisterwahlen abwarten. »Bewegt sich dann nichts in Richtung Normalität, packen wir unsere Sachen und verschwinden von hier. So haben wir uns unser Leben wirklich nicht vorgestellt.«

Auch Hadassah Margolese nicht. Die Mutter der kleinen Naama, die vor zwei Jahren zum Symbol des Kampfes gegen die Extremisten von Beit Schemesch wurde, packt dieser Tage Umzugskisten. Damals wurde ihre Tochter von ultraorthodoxen Männern auf dem Schulweg beschimpft und bespuckt, weil ihrer Meinung nach der – lange – Rock des Kindes nicht lang genug war. »Mein Herz ist gebrochen«, sagte Margolese knapp zu ihrer Entscheidung, »ich habe wirklich geglaubt, dass ich für immer hier leben werde.« Doch nun geht es einfach nicht mehr. Als einen Rückzug sieht sie es nicht. Sie brauche aber endlich »Frieden für ihre Familie«. Tochter Naama ist glücklich über den Umzug.

Es ist ein drückender Sommer in Beit Schemesch. Und der Herbst könnte sogar noch heißer werden.

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