Marathon

»Jerusalem wird weiterlaufen«

Mit einem Schild in der Hand wartet er an der Ziellinie, der Mann mit den Schläfenlocken. »Ima«, Mama, steht darauf. Seine fünf Söhne klettern auf die Absperrgitter. Mit Blumen in der Hand versuchen sie, einen Blick auf die ankommenden Läufer zu erhaschen. »Wo ist Mama denn, wann kommt sie?«, ruft der Kleinste. Plötzlich, einer schreit, die anderen Jungs fangen an zu jubeln: »Da ist sie, da ist sie!« Nach fünf Stunden und zwei Minuten erreicht »Ima« das Ziel: Im langen Rock und mit Kopfbedeckung ist sie die 42,195 Kilometer gelaufen. Ihre fünf Kinder stürmen auf sie zu, drücken sie, hängen sich an ihren Rockzipfel. Die Umstehenden applaudieren. Ein Marathon in Jerusalem ist etwas Besonderes, keine Frage.

10.000 Teilnehmer sind beim Auftakt dabei: Zwischen drahtigen Leistungssportlern und trainierten Soldaten laufen Männer, deren Zizit über den Shorts baumeln, und Frauen wie »Ima«, die Kleider über den Laufhosen tragen. Spendensammler in bunt‐bedruckten T‐Shirts sind dabei, Läufer, die die Freiheit von Gilad Shalit oder Jonathan Pollard fordern, Mütter, die Trikots mit der Aufschrift »Danke an unsere israelischen Soldaten« tragen.

Rund 1.000 Teilnehmer sind aus dem Ausland angereist. Die meisten hat die einzigartige Kulisse Jerusalems angezogen, durch die der Lauf führt: Hoch zum Campus der Hebräischen Universität auf den Scopusberg, hinein in die Altstadt mit ihrem orientalischen Flair, an der Haas‐Promenade entlang mit Aussicht über den historischen Stadtkern, vorbei an der Knesset und dem Obersten Gerichtshof.

»Das ist ein Sightseeinglauf par excellence, absolut reizvoll«, sagt Sonja Landwehr aus Augsburg, die mit einer 30‐köpfigen Gruppe aus Deutschland angereist ist. »Diese historischen Stätten hier, die die meisten aus der Bibel kennen, mit einem Marathon zu verbinden, ist ganz toll. Denn beim Laufen hat man ja auch einfach die Muße zu gucken und die Stadt wirklich wahrzunehmen.«

Strecke Doch ist es gerade diese einzigartige Streckenführung, die im Vorfeld des Sportereignisses hitzige Diskussionen in der Stadt auslöste – und beinahe zum Rück‐zug des Hauptsponsors geführt hätte. Dass der Marathon nicht nur durch den Westen, sondern auch durch die Altstadt und Teile Ost‐Jerusalems führte, gefiel einigen gar nicht.

Und auch nicht, dass ausgerechnet Bürgermeister und Marathonläufer Nir Barkat, der seit seiner Amtsübernahme 2008 die jüdisch‐israelische Besiedlung im arabischen Ostteil stark vorantreibt, die Veranstaltung angeregt hatte und selbst vorneweg lief. Als einen Teil von »Israels Bemühungen, die Stadt zu judaisieren«, kritisierte dann auch gleich der Mufti von Jerusalem, Muhammad Hussein, den Marathon. Stadtratsmitglieder der linksgerichteten Meretz‐Partei riefen gar in den Monaten vor dem Großereignis zum Boykott auf und appellierten an Hauptsponsor Adidas, den Lauf nicht zu unterstützen.

»Ich musste dann nach Deutschland fliegen und in Herzogenaurach den Chef von Adidas überzeugen, dass es bei dem Marathon um ein rein sportliches Event geht und nicht um eine politische Veranstaltung«, erinnert sich Elisha Peleg, der für den konservativen Likud im Jerusalemer Stadtrat sitzt und als Sportbeauftragter für den Marathon verantwortlich ist. »Absolut lächerlich« findet er es, eine solche Veranstaltung zum Politikum hochzustilisieren.

»Beinahe wäre die ganze Sache ins Wasser gefallen.« Doch Peleg überzeugte. Zwar wurde die endgültige Route der 42,2 Kilometer langen Strecke mehrfach modifiziert, »jedoch niemals aus politischen Gründen, wie es in manchen Medien dargestellt wurde«, betont er. »An einigen Stellen hatte die Polizei ganz einfach dazu geraten, weil die Sicherheit dort aufgrund der Enge und Unübersichtlichkeit mancher Wege schwer zu gewährleisten gewesen wäre.«

Wie wichtig die Sicherheitsvorkehrungen bei einem Lauf durch Jerusalem sind, wird leider noch einmal zwei Tage vor dem Marathon deutlich: An einer Bushaltestelle vor dem Internationalen Kongresszentrum Binyanei Ha’uma, in dem gerade die den Marathon begleitende Sportmesse eröffnet wurde, explodiert ein Sprengsatz.

Startnummern Der erste Bombenanschlag seit Jahren stellt die Stadt kurzzeitig unter Schock. Dann siegt die »Jetzt erst recht«-Mentalität der Jerusalemer. Noch am Tatort verkündet Bürgermeister Barkat, dass der Marathon stattfinden werde: »Jerusalem wird weiterlaufen.« Sportbeauftragter Peleg betont später stolz, dass es keine einzige Absage wegen der Terrorattacke gegeben habe. »Im Gegenteil, wir mussten die Leute am Abend vor dem Marathon noch wegschicken, die dachten, sie könnten sich noch in letzter Minute registrieren. Es gab keine Startnummern mehr, alles weg.«

Beim traditionellen gemeinsamen Pastaessen im Binyanei Hauma herrscht am Abend vor dem Lauf trotzdem angespannte Nervosität. Durch die Fensterfront hinter dem Nudelbuffet ist die Straße zu sehen, an der am Vortag eine Frau ihr Leben verlor und 35 Menschen verletzt wurden. Besonders die ausländischen Teilnehmer sind besorgt.

»Wir waren zum Zeitpunkt der Explosion gerade auf dem Weg vom Flughafen nach Jerusalem und steckten dann im Stau auf der Autobahn fest, weil ja wohl der Ortseingang gesperrt wurde«, erzählt Sonja Landwehr. Einige Teilnehmer aus ihrer Reisegruppe hätten erst am nächsten Morgen von ihr erfahren, dass es einen Anschlag gegeben habe.

»Wäre das ein paar Tage eher passiert, dann hätte ich es den Leuten frei gestellt, ob sie noch mitfahren oder das Ganze hätten absagen wollen«, sagt Landwehr, die die Reise aus Deutschland organisiert hatte. »Aber nun waren wir sowieso schon hier.« Läufer Martin Borowitz, der mit Landwehr aus Augsburg angereist ist, betont, dass die lockere Art der Menschen, mit dem Anschlag umzugehen, ihm geholfen habe.

»Dass die Israelis so entspannt sind und hier keine Panik herrscht, gibt etwas mehr Ruhe«, sagt er. »So ist es nun mal in Jerusalem«, nickt Läufer Itamar Bergman zustimmend. »Davon darf man sich nicht verrückt machen lassen.«

Sicherheit Am nächsten Tag sichern 2.000 Polizisten den Marathon. Über dem Festgelände im Sacher‐Park, dem Ziel des Laufs, kreist ein Hubschrauber. An den Straßenkreuzungen stehen schwer bewaffnete Soldaten, genauso auf dem Dach eines Gebäudes gegenüber der Ziellinie. Kurz nach dem Startschuss um 7 Uhr am Morgen ist es gespenstisch still an der Strecke, der Himmel ist bedeckt.

Doch dann wacht die Stadt auf. Als die ersten Läufer an der Ziellinie eintreffen, bricht die Sonne durch das Grau, Schaulustige stehen an der Absperrung und applaudieren jedem, der es geschafft hat. Dass drei Athleten – darunter der Gewinner Raymond Kipkoech aus Kenia – von der eigentlichen Strecke abgekommen sind und versehentlich durchs Ziel des Halbmarathons laufen, bekommt zunächst niemand mit. Nachdem die letzten Läufer eingetrudelt sind, beginnt eine Gruppe »Na Nachs«, ausgiebig zu den lauten Techno‐Sounds des DJs an der Ziellinie zu tanzen.

Ein Tag der Freude, auch für Bürgermeister Nir Barkat: »Heute hat die ganze Stadt gewonnen«, sagt er nach dem Lauf. Sein Sportbeauftragter Elisha Peleg plant nun bereits den Jerusalem Marathon 2012. »Es ist beeindruckend zu sehen, wie Jerusalem auf die internationale Marathon‐Karte kommt«, sagt er nach der Veranstaltung. »Nächstes Jahr, da knacken wir die 20.000er-Marke, ganz sicher.«

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