Jom Haazmaut

»Ich empfinde großen Stolz«

Botschafter Jeremy Issacharoff über das Selbstverständnis, die Leistungen und die Zukunft Israels

von Detlef David Kauschke, Ingo Way  17.04.2018 15:05 Uhr

Jeremy Issacharoff Foto: Gregor Zielke

Botschafter Jeremy Issacharoff über das Selbstverständnis, die Leistungen und die Zukunft Israels

von Detlef David Kauschke, Ingo Way  17.04.2018 15:05 Uhr

Herr Botschafter, Israel wird 70. Was bedeutet Ihnen dieses Jubiläum persönlich?
Ich empfinde großen Stolz, dass es gelungen ist, ein Heimatland für das jüdische Volk zu schaffen. Ich bin stolz darauf, dass es gelungen ist, Israels nationale Sicherheit zu verteidigen und die Sicherheit seiner Bewohner zu gewährleisten – trotz der enormen Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen. Es ist gelungen, eine starke Industrie und Wirtschaft zu schaffen – und das in einem Land, das, anders als seine Nachbarn in der Region, nicht über natürliche Ressourcen verfügt. Ich bin stolz darauf, wie sich unser Land in den Bereichen Technologie und Landwirtschaft entwickeln konnte. Wir haben die Wüste zum Blühen gebracht! Darüber hinaus haben wir ein Heimatland geschaffen, das die großen Fragen von Generationen von Juden nach ihrer Gegenwart und Zukunft beantworten kann. Das ist eine der Botschaften dieses 70. Jahrestages der Staatsgründung.

Wie feiert die Botschaft in Berlin das 70-jährige Bestehen Israels?
Wir geben zum Jom Haazmaut einen großen Empfang für rund 1000 Gäste, darunter Vertreter der Bundesregierung, des Bundestages und der Länder. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Veranstaltungen in ganz Deutschland. Wir erhalten fast täglich Einladungen aus unterschiedlichen Städten, die das 70-jährige Bestehen des Staates Israel feiern. Wir werden in der nächsten Zeit also ziemlich beschäftigt sein.

Was ist die größte Sorge, die Israel an seinem 70. Jahrestag umtreibt?

Ich erwähnte eben die enorme Leistung, dass wir die Sicherheit unseres Staates und seiner Bewohner gewährleisten können. Hinter diesen Worten stehen die Anstrengungen unserer Verteidigungsarmee, der Geheim- und weiteren Sicherheitsdienste, die Tag und Nacht im Einsatz sind. Wir müssen uns stets daran erinnern, dass wir in einer recht feindlichen Nachbarschaft leben. Wenn wir in den Norden blicken, sehen wir ein substanzielles militärisches Potenzial in den Händen der Hisbollah, das sich in den vergangenen Jahren immer mehr entwickelt hat und gegen Israel eingesetzt werden kann. Wir verfolgen äußerst genau die Entwicklung in Syrien, wo es inzwischen eine sehr starke iranische Präsenz gibt. Wir sorgen uns gemeinsam mit unseren jordanischen Freunden, die von der Entwicklung in Syrien betroffen sein könnten. Mit unseren ägyptischen Freunden teilen wir deren Bedenken in Bezug auf die terroristische Bedrohung. Hinzu kommt die Entwicklung in Gaza. Aber auch im Westjordanland muss man ständig die Augen offenhalten, um auf alles vorbereitet zu sein.

Was ist das erfreulichste Ereignis im Jubiläumsjahr?
Es gibt sehr viel Positives. Lassen Sie mich hier nur auf die Begegnung hinweisen, die Premierminister Netanjahu kürzlich im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz mit Repräsentanten großer internationaler Unternehmen hatte. Diese Manager waren sehr von Israels Innovationen und technologischem Wissen beeindruckt. Die deutsche Automobilindustrie ist zum Beispiel äußerst interessiert an israelischen Entwicklungen im Bereich der Navigation, des autonomen Fahrens und der Cybersicherheit. Deutschland ist führend in der Automobilherstellung, aber Autos sind heute Computer auf vier Rädern. Und in diesem Bereich ist Israel Weltspitze. Ich finde es beeindruckend, dass ein so junges Land so etwas leisten kann.

Seit 70 Jahren ist Jerusalem Sitz der israelischen Regierung. Wie verfolgen Sie die Diskussion um die Verlegung der US-Botschaft aus Tel Aviv nach Jerusalem?

Ich denke, dass jedes ernsthafte Gespräch über den Nahen Osten und den israelisch-palästinensischen Konflikt auf Fakten und Realität basieren sollte. Jerusalem ist seit 1948 Hauptstadt des Staates, Sitz des Parlaments, des Obersten Gerichts, des Außenministeriums und anderer Ministerien und Institute des Landes. In Israel hat man sehr unterschiedliche Auffassungen zum Friedensprozess, aber die wohl übergroße Mehrheit kann sich kein endgültiges Abkommen mit den Palästinensern vorstellen, das nicht Jerusalem als Hauptstadt Israels berücksichtigt. Wir werden sehen, was Mitte Mai geschieht, wenn die USA ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen wollen.

Sollten andere Länder, auch die Bundesrepublik, folgen?

Lassen Sie mich an dieser Stelle auf die Rede von Kanzlerin Merkel im Jahre 2008 verweisen, in der sie Deutschlands historische Verantwortung für Israel betonte. Sie hat diese Rede in der Knesset in Jerusalem gehalten. Das war ein Statement, an das wir uns erinnern. Ihre Einstellung gegenüber Israel ist klar und deutlich. Ich möchte nun nicht eine Position herausnehmen und damit die Bewunderung, die ich für sie hege, einschränken. Ich denke, es ist wichtig, ernsthafte Gespräche über die verschiedenen Fragen weiter zu führen und dabei auch festzustellen, in welchen Punkten wir übereinstimmen – und in welchen wir unterschiedlicher Auffassung sind. Letzten Endes sind Meinungsunterschiede nicht als negative Haltung zu Israel zu verstehen, sondern als Ausdruck von Prinzipien, an denen man hier festhält.

Ein Ausdruck dieser unterschiedlichen Positionen war die Absage der Regierungskonsultationen im vergangenen Jahr. Wird es diese Begegnung nun bald wieder geben?
Die Regierungskonsultationen hätten regulär stattfinden sollen. Nur gab es ein kleines Problem: Die Regierungsbildung zog sich in Berlin etwas hin. Wir suchen noch einen passenden Termin. Ich denke, dass sie noch vor Ende des Jahres stattfinden werden.

70 Jahre nach Staatsgründung äußerte jetzt der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, Israelis hätten ein Recht auf ihr eigenes Land. Was bedeutet das?
Seit einigen Jahren gibt es eine Interessenkonvergenz mit den moderaten arabischen Staaten bei einer ganzen Reihe von Themen – die iranischen Atomwaffen, die Unterstützung von Terrorgruppen wie der Hisbollah, der Einfluss des Iran in Syrien, Jemen, Irak, Libanon. Über mehrere Jahre war ich an Gesprächen mit Kollegen aus den Golfstaaten beteiligt. Es war für mich sehr faszinierend zu sehen, dass die Interessen praktisch identisch sind. Die Hisbollah wurde von der Arabischen Liga vor ein oder zwei Monaten zur Terrororganisation erklärt, und vom Golf-Kooperationsrat vor etwas über einem Jahr. Nicht wie die EU, die zwischen einem politischen und einem militärischen Flügel unterscheidet – nein, schlicht als Terrororganisation. Die machen sich da keine Illusionen. Auch Jordanien und Ägypten sehen die Bedrohung durch den IS, extremistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft oder Al Qaida ähnlich wie wir. Die Rolle Israels hat sich in diesem Kontext völlig verändert. Der arabisch-israelische Konflikt steht nicht mehr im Vordergrund. Ich begrüße, was der Kronprinz von Saudi-Arabien sagt. Ich begrüße jede Form von Aussöhnung zwischen Israel und der arabischen Welt. Ich bin in diesen Prozess seit Jahren involviert und, ehrlich gesagt, nicht überrascht davon.

Trotz mancher diplomatischer Erfolge hat Israel sehr wenige Unterstützer bei den Vereinten Nationen. Vor allem im Vergleich zu 1948, als 33 Länder für den Teilungsplan gestimmt haben. Ist das nicht ein Widerspruch?
Wir haben sehr viele gute Kontakte zu Ländern, die dies nicht unbedingt in ihrem Stimmverhalten bei den UN zum Ausdruck bringen. Viele Länder stimmen meist als Teil irgendeiner regionalen Organisation ab, wegen anderer Loyalitäten oder einfach aus Gruppendruck. Wenn man vergleicht, was auf bilateraler Ebene passiert und was multilateral passiert, wenn es zu Abstimmungen in der UNO kommt, kann die Lücke immens sein. Die Herausforderung für uns ist, zu versuchen, diese Lücke so weit wie möglich zu verkleinern.

Sie sprechen von einem »Heimatland für das jüdische Volk«. Israel diskutiert derzeit den Begriff des »jüdischen Staates«. Wie würden Sie diese verschiedenen Definitionen beschreiben?
Mir persönlich ist die Trennung zwischen Religion und Staat wichtig. Zu sagen, dass Israel die Heimat des jüdischen Volkes ist, schließt nicht die Millionen israelischer Araber aus, die hier als Bürger leben. Heimat des jüdischen Volkes heißt nicht, dass das Land nicht auch Heimat für andere sein kann. Wir haben etwa die Gemeinschaft der Drusen, die mit uns gemeinsam in der Armee dienen, die auch im Außenministerium arbeiten, sie sind die loyalsten Staatsbürger, die man sich vorstellen kann. Ich glaube, das Wesen Israels ist es, die Heimat und der sichere Hafen der Juden zu sein, ohne andere auszuschließen.

Wie steht es mit dem Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora?
Die starke Verbindung zwischen Israel und jüdischen Gemeinden im Ausland ist für mich nicht wegzudenken. Ich bin in England aufgewachsen, und für mich ist diese Zusammenarbeit unverzichtbar. Die jüdische Gemeinschaft gerade in den USA ist ein wesentlicher strategischer Partner für Israel. Auch in Deutschland ist unsere Botschaft in gutem Kontakt mit den jüdischen Gemeinden. Wir können es uns absolut nicht leisten, dass diese Partnerschaft zerbricht.

Wird angesichts des zunehmenden Antisemitismus weltweit Israel noch wichtiger für Juden als jemals zuvor?
Obwohl meine Familie seit Generationen in Jerusalem lebt, bin ich selbst in Großbritannien geboren. Und ich lege Wert darauf, dass ich nicht wegen des Antisemitismus nach Israel gegangen bin. Ich bin gekommen, weil ich die historische Perspektive sah, als Jude in meinem eigenen Land zu leben – mit meiner eigenen Regierung und meiner eigenen Armee, die mich verteidigt. Israel war für mich das Ziel eines nationalen Strebens. Und ich wünsche mir, dass Israel heute auch so gesehen wird: als eine Gelegenheit, die ergriffen werden sollte, und nicht als ein Hafen, in den man fliehen muss. Ich weiß, dass Antisemitismus in Europa ein Problem ist, das so schnell nicht verschwinden wird. Ich weiß nicht, in welchem Ausmaß es Juden dazu bringt, ihr Land zu verlassen, ich weiß nicht, ob das die Hauptursache ist. Ich wünsche mir aber, dass Sehnsucht und nicht Wegrennen das Hauptmotiv ist.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Wie wünschen Sie sich Israel in 70 Jahren?

Wenn ich auf mein eigenes Leben blicke: In meiner Tätigkeit für das Außenministerium hatte ich immer mit strategischen Fragen zu tun, die mit unserer nationalen Sicherheit zu tun hatten, in der Hoffnung, dass wir, in mal kleineren und mal größeren Schritten, Israels Sicherheit und das Wohlergehen seiner Bürger verbessern. Die wichtigste Frage ist: Was für ein Land hinterlassen wir unseren Kindern? Als Vater, dessen Kinder, wie die der meisten Israelis, in der Armee gedient haben, die in Kriegen gekämpft haben, ist es mir wichtig, dass wir alles uns Mögliche getan haben, um den Frieden zu fördern, unsere Beziehungen zur arabischen Welt zu stabilisieren und Bedrohungen auszuschalten – auf direktem oder auf diplomatischem Wege. Ich wünsche mir, dass unsere Generation dies für die kommenden Generationen tun kann. Die junge Generation möchte etwas anderes – und da liegt unsere Zukunft.

Mit dem israelischen Botschafter sprachen Detlef David Kauschke und Ingo Way.

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