Jerusalem

Historie und Hightech

Eines Tages fuhr ein Truck von Teddy vor. Geladen: die ganze Stadt Jerusalem. Diese Anekdote erzählt Rose Ginosar, leitende Mitarbeiterin der Davidszitadelle, am Tag der Neueröffnung lächelnd vor jenem monumentalen Modell der Stadt von 1873. »Findet einen Platz dafür«, hatte der legendäre Bürgermeister der israelischen Hauptstadt, Teddy Kollek, noch hinzugefügt. Und so steht es jetzt hier, als einer der Höhepunkte der neuen Dauerausstellung im Museum zur Geschichte der Stadt.

Beinahe eineinhalb Jahrhunderte galt die aufwendige Arbeit des ungarischen Pilgers Stefan Illés als verloren; erst in den 80er-Jahren wurde sie in Genf wiederentdeckt. Auf dem detailgetreuen Modell scheint Jerusalem an einem Tag vor 150 Jahren eingefroren: Innerhalb der Stadtmauern sind die berühmten Wahrzeichen Kotel, Felsendom und die Grabeskirche zu sehen, außerhalb die Montefiore-Windmühle. Die ersten Telegrafenmaste stehen auch bereits.

Um das, was in den Jahrtausenden zuvor geschah, geht es in den meisten anderen Ausstellungsräumen, die komplett neu gestaltet wurden. Der Fokus liegt nun auf Interaktivität und Zugänglichkeit, auch für körperlich eingeschränkte Besucher. Das gesamte Museum ist (bis auf den Aussichtspunkt auf dem Dach) barrierefrei. Dies wurde erreicht, indem die Eingänge zu den alten Wachräumen eingeebnet sowie zwei Aufzüge und Rampen hinzugefügt wurden.

KURZWEIL Einst war der Komplex eine Befestigungsanlage, um die Stadt zu schützen und Fremde fernzuhalten. Heute sollen die Fremden hierher eingeladen werden. Dafür wurde der ursprüngliche Eingang hinter dem Jaffator in der Altstadt kurzerhand vor die antike Mauer verlegt, erklärt Pressesprecherin Caroline Shapiro.

»Die Davidszitadelle ist die neue, aufregende Art und Weise, Jerusalem kennenzulernen«, erklärt sie. Geschichte aufregend? Nicht wenige würden 4000 Jahre Historie als sehr lang oder gar langweilig bezeichnen. Doch stattdessen ist Kurzweil das Motto. So wie die Stadt selbst sind die Galerien bunt und abwechslungsreich gestaltet und überraschen mit einer Vielzahl unbekannter Details. Die Geschichte Jerusalems wird jetzt mit den aktuellsten Hightech-Methoden auf der doppelten Fläche, insgesamt 20.000 Quadratmetern, präsentiert.

Museumsdirektorin Eilat Lieber ist überzeugt: »Kein anderes Museum kann die Geschichte der Stadt so erzählen wie diese Zitadelle, die so viele verschiedene Perioden erlebt hat. Die ikonische Architektur schafft eine einzigartige Kulisse für die Ausstellung, die das Tor zu Jerusalem sein wird.« Sie ist sicher: »Die Besucher werden das Museum mit einem besseren Verständnis der Ewigen Stadt verlassen.« Eilat Lieber hofft, dies schaffe eine neue Basis für Dialog, Toleranz und Respekt.

Auf dem detailgetreuen Modell scheint Jerusalem an einem Tag vor 150 Jahren eingefroren.

Die zehn neuen Ausstellungsräume wurden von einem multidisziplinären Team aus Archäologen, Kuratoren, Designern und Architekten geschaffen. Es geht unter anderem um Geschichte, Geografie, Archäologie, Religion, Film, Kunst und Fotografie.

PERIODEN Die erste Galerie im Eingangspavillon, der 17 Meter tief in die Erde verlegt wurde, beschreibt die zwölf Perioden Jerusalems. Ein Dutzend antike Fundstücke stehen symbolisch als Zeitzeugen Spalier, darunter das älteste Artefakt, eine 3500 Jahre alte steinerne Darstellung einer Windgöttin. Dahinter erstreckt sich Moderne pur am längsten Multimedia-Panel Israels. Auf zwölf Metern erleben die Besucher Historie durch Hightech.

In drei folgenden Galerien werden die Weltreligionen beleuchtet. Je eine Galerie ist der Bedeutung Jerusalems im Judentum, im Christentum und im Islam gewidmet, mit jeweils einem Modell des wichtigsten Heiligtums im Zentrum des Ausstellungsraums: Zweiter Tempel, Grabeskirche und Felsendom.

Wie einem roten Faden folgt man immer wieder auftauchenden silbernen oder goldenen Geldstücken, die in der jeweiligen Periode geprägt und in der Stadt gefunden wurden. In der Halle der jüdischen Religion ist eine kleine Münze ausgestellt, die auf dem Bildschirm darunter interaktiv betrachtet werden kann. Wem das Symbol bekannt vorkommt, sollte in sein Portemonnaie schauen: Es ist die gleiche Lilie wie auf der heutigen Ein-Schekel-Münze.

KULTURERBE Finanziert wurde das Projekt, das in zehn Jahren rund 50 Millionen Dollar verschlang, von der Clore Israel Foundation, städtischen und staatlichen Fonds sowie verschiedenen philanthropischen Institutionen. Die Renovierung wurde zudem in enger Kooperation mit der israelischen Altertumsbehörde durchgeführt. Besonders beachtet werden musste dabei, dass es sich bei dem Komplex um ein historisches Kulturerbe handelt: An der Struktur durfte natürlich nichts geändert werden.

Das Motto des Teams um Direktorin Lieber lautete daher: »Lasst uns die Architektur nicht bekämpfen, sondern sie in die Ausstellung miteinbeziehen.« Ein Konzept, das aufgeht. Die alten Steine spielen eine Hauptrolle, wenn Animationen darauf projiziert werden, die gewölbten Decken zur Leinwand für Filme werden. »So steht das moderne Jerusalem in ständigem Dialog mit der historischen Stätte«, sagt Chefkuratorin Tal Kobo.

Durch die Fenster sieht man immer wieder auf die reale Stadt. Hier scheint der typische gelbe Jerusalem-Stein der Gebäude durch das Glas, dort blitzt die Kuppel des legendären Felsendoms in der Sonne. Wer zum Abschluss den Ausblick auf dem Dach genießt, hat den perfekten Rundum-Einstieg für den Besuch in der Goldenen Stadt bekommen. Und jetzt heißt es: auf eigene Faust erkunden.

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