Omikron

Hinein in die fünfte Welle

Die hochansteckende Variante ist in Israel angekommen. Doch mehr als eine Million Bürger wollen keine Auffrischimpfung

von Sabine Brandes  23.12.2021 10:20 Uhr

Der zweite Booster für über 60-Jährige wird Realität in Israel. Foto: Flash 90

Die hochansteckende Variante ist in Israel angekommen. Doch mehr als eine Million Bürger wollen keine Auffrischimpfung

von Sabine Brandes  23.12.2021 10:20 Uhr

In Israel wiegen sich offenbar viele in Sicherheit – sehr zum Unmut der Gesundheitsexperten. Nach dem Abklingen der vierten Welle sei die Wachsamkeit der Bevölkerung in Sachen Coronavirus stark zurückgegangen, warnen die Experten jetzt. Dabei ist Omikron bereits angekommen. Doch von den mehr als eine Million Israelis, die noch keine Booster-Spritze bekommen haben, ist in den Impfstationen nichts zu sehen.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind derzeit etwa 58 Prozent der Israelis über fünf Jahre vollständig geimpft, haben also drei Dosen des Vakzins erhalten oder befinden sich innerhalb eines sechsmonatigen Zeitfensters nach der zweiten Impfung. »Dies bedeutet, dass mehr als 40 Prozent ein geringes Schutzniveau gegen die Omikron-Variante des Coronavirus haben, wodurch ein erheblicher Teil der Bevölkerung der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt ist«, weiß Professor Ran Balicer, Leiter des Expertengremiums, das das Ministerium berät. »Eine Studie in Großbritannien hat gezeigt, dass der Schutzgrad von zwei Dosen gegen den Omikron-Stamm gering ist.«

falschnachrichten Auch rennen Eltern von fünf- bis elfjährigen Sprösslingen den Gesundheitszentren bislang nicht die Türen ein. Von den 1,2 Millionen Kindern in dieser Altersgruppe haben sich bislang nur etwas mehr als zehn Prozent die erste Spritze abgeholt. Der Direktor der Fakultät für öffentliche Gesundheit der Ben-Gurion-Universität, Professor Nadav Davidovitch, erklärt den geringen Andrang: »Es gibt die falsche Wahrnehmung, dass wir nach einer Welle sind und Zeit haben. Zudem kursieren viele Fake News. Sogar Leute, die geimpft wurden, machen sich mehr Sorgen um ihre Kinder, weil sie denken, es gebe Spätfolgen. Das stimmt natürlich nicht.«

Bei Schulamit Segal ist es genau diese Angst, die sie davon abhält, ihre Kinder impfen zu lassen. Sie selbst und ihr Mann haben sich längst den Booster abgeholt, die Töchter im Grundschulalter indes haben keinen Schutz gegen das Coronavirus erhalten. »Ich weiß einfach nicht, was ich denken soll«, gibt sie zu. »Zwar bin ich sicher, dass wir irgendwann der Impfung nicht mehr aus dem Weg gehen können, aber jetzt bin ich noch nicht bereit. Ich habe das Gefühl, dass es nicht ausreichend untersucht und übereilt entschieden wurde.«

Überzeugungsversuche gibt es in Israel viele. Zuletzt rief Premierminister Naftali Bennett alle Eltern auf und erklärte, es »gibt ein Fenster von zwei Wochen, in denen Sie ihre Kinder impfen lassen müssen, um sie vor Omikron zu schützen«. Auch sollen Impfstellen leichter erreichbar werden. Gesundheitsminister Nitzan Horowitz sagte in einem Fernsehinterview, dass die Zahl der Stationen bis kommende Woche verzehnfacht werde. »Heute gibt es 50 Orte neben Schulen, nächste Woche werden es 500 sein.«

Impfmüdigkeit Rund 670.000 Menschen verweigern eine Impfung generell. Doch die wenigsten sind Impfgegner oder Corona-Leugner aus ideologischer Überzeugung. Auch gehen kaum Menschen lautstark auf die Straßen oder bedrohen Politiker und Experten. Stattdessen hat sich Impfmüdigkeit breitgemacht.

Im Herbst, als sich die vierte Welle dem Ende näherte, forderten Experten von der Regierung, ihre Bemühungen auf die Gruppe der 1,2 Millionen nicht ausreichend immunisierten Personen zu richten. Ganz im Fokus standen jedoch die Kinderimpfungen. Erst jetzt, mit der Verbreitung der Omikron-Variante, wenden sich der Premierminister und sein Gesundheitsminister an die Booster-Verweigerer.

»Meine Damen und Herren, die Zeit läuft ab.«

Premier Naftali Bennett

»Wir bekommen alle möglichen Antworten, aber wir haben das Gefühl, dass die Menschen allgemein die Bereitschaft verloren haben«, sagt Ruth Baruch, die die Corona-Impfkampagne der Krankenkasse Clalit leitet. »Sie dachten, Corona würde mit zwei Impfungen enden, aber jetzt sagen sie sich: ›Wir sollen jetzt alle sechs Monate eine Spritze bekommen, wie bei einer Grippe? Dagegen lassen wir uns doch auch nicht impfen.‹«

Seit Anfang der Woche steigt in Israel die Zahl der Neuinfektionen wieder. Mit 1004 Fällen gab es am Montag die höchste Zahl seit Oktober, am Dienstag lag sie schon bei 1306, die Positivrate bei den Corona-Tests betruf 1,27 Prozent. Die Zahl der bestätigten Fälle mit der Variante lag am Mittwoch bei 341, es gibt mehrere Hundert Verdachtsfälle. Trotz des Aufwärtstrends bei Neuinfektionen steigen die Zahlen bei den schweren Verläufen von COVID-19 bislang nicht. Am Dienstag waren es 81 Menschen, die in Krankenhäusern behandelt werden mussten, 41 von ihnen wurden beatmet.

Bennett hatte sich am Sonntagabend in einer Pressekonferenz an seine Landsleute gewandt: »Meine Damen und Herren, die Zeit, die wir gekauft hatten, läuft ab. Omikron ist bereits im Land, von der Knesset bis zu den Kindergärten. Es ist eine sehr ansteckende Variante, die sich alle zwei oder drei Tage verdoppelt, wie wir auf der ganzen Welt sehen. Man kann sagen, dass die fünfte Welle begonnen hat.« Er rief Eltern auf, ihre Kinder impfen zu lassen, und forderte Unternehmen auf, wenn möglich, Angestellte in die Heimarbeit zu schicken.

Gesundheitspass Dennoch soll im Land alles offen bleiben. Noch. Derzeit gibt es für Personen ohne grünen Gesundheitspass kaum Restriktionen. In den wenigsten Restaurants muss ein Impfzertifikat vorgezeigt werden, in der Außengastronomie wird es nicht gefordert, ebenso wenig in Geschäften. Das Corona-Kabinett lehnte es ab, in Einkaufszentren geimpfte Besucher mit Armbändern zu kennzeichnen.

Israel hatte im Januar zum dritten und vorerst letzten Mal einen Lockdown verhängt.

Nach dem Regierungswechsel im Juni hatte sich die Einheitskoalition auf die Fahnen geschrieben, das öffentliche Leben langsam wiederherzustellen. »Wir müssen das Coronavirus schlagen und unser Leben leben«, hatte der neue Premier Bennett damals verkündet. Sogar während der vierten Welle mit extrem hohen Infektionszahlen war der Betrieb sämtlicher Einrichtungen, darunter Geschäfte und Schulen, aufrechterhalten worden.

Der Gesundheitsminister will das auch jetzt noch: »Wir wollen nichts mehr, als dass hier alles offen bleibt.« Dafür will er die Durchsetzung des Maskenmandats und die Verpflichtung zur Vorlage des grünen Gesundheitspasses stärken. »Denn diese Politik bringt nur dann etwas, wenn die Maßnahmen in die Tat umgesetzt werden.«

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