Cybertech 2017

Hightech in Gefahr

Gut vernetzt: Teilnehmer der Cybertech-Messe Foto: Flash 90

Die israelische Hightech-Branche boomt. Innovationen und Produkte aus Tel Aviv, Jerusalem und Beer Sheva sind heute in der ganzen Welt begehrt. Manche Entwicklungen, wie beispielsweise die Navigations-App Waze, brachten beim Verkauf Rekordsummen von bis zu einer Milliarde Dollar. Doch nach Prognosen von Wirtschaftsexperten könnte dem Sektor bald die Puste ausgehen.

Denn die Nachfrage nach Computerspezialisten übersteigt das Angebot bei Weitem. Jetzt sollen Ausländer Abhilfe schaffen. Vor einigen Tagen stimmte das Kabinett zu, zunächst 500 Hightech-Kräfte ins Land zu lassen, um den Mangel auszugleichen. Dabei geht es vor allem um qualifizierte Programmierer und Internetspezialisten aus Nationen wie Indien oder China.

Dennoch zeigte die Branche auf der Cybertech 2017 erneut ihre Erfolge. Die Konferenz und Ausstellung fand in der vergangenen Woche zum vierten Mal in Tel Aviv statt. Sie ist die größte Technologiemesse weltweit außerhalb der USA. Mit mehr als 10.000 Teilnehmern aus fünf Kontinenten lobte Regierungschef Benjamin Netanjahu die Bedeutung seines Landes: »Die geringe Größe Israels schränkt unsere Fähigkeiten in Sachen Cyber-Technologie nicht ein. Wir empfangen rund ein Fünftel der weltweiten Investitionen in diesem Bereich.«

Innovationen Das Ziel, eine von fünf führenden Cybersicherheit-Nationen zu werden, sei somit erreicht. In diesem Sinn rief der Premier die Vertreter der verschiedenen Länder dazu auf, Cyber-Innovationen nicht zu regulieren. »Während die Einführung von Regulationen vielleicht zunächst sinnvoll erscheint, so hindert sie doch die Entwicklung. Fördern Sie stattdessen! Wir etwa gewähren Unternehmern Steuererleichterungen und haben zahlreiche Hilfsprogramme.

Außerdem bilden wir Fachkräfte sowohl im akademischen als auch im militärischen Bereich aus.« Netanjahu betonte, dass im Bereich Cybersicherheit kein Weg an internationaler Zusammenarbeit vorbeiführe. »Kriegführung hat sich dramatisch gewandelt. Mit einem Knopfdruck kann man heute ganze Nationen in die Knie zwingen, wenn man das will. Denn jedes System kann gehackt werden.«

Das bestätigte Gil Schwed, Gründer von Check Point Software Technologies: »90 Prozent der Computernutzer haben keine Cybersicherheitssysteme und innovative Schutztechnologien, weil sie von der absolut falschen Annahme ausgehen, dass sie schon nicht getroffen würden.« Die korrekte Haltung indes sei es, ein einziges Cyber-sicherheitssystem zu nutzen, das gegen die verschiedenen Bedrohungen aktiv vorgeht, erläuterte Schwed – gegen die in der Cloud, in den mobilen Geräten, Datenzentren und Computersystemen. »Das Schlüsselwort lautet eindeutig Vorbeugung.«

FBI
Während die Attacken aus dem Cyberspace sich mit schwerwiegenden Folgen ausbreiten, steigt allerdings auch bereits die internationale Zusammenarbeit. Im vergangenen Jahr klärte eine länderübergreifende Ermittlung der Sicherheitsapparate, darunter Interpol und FBI, einen Cyberbetrug auf, bei dem 81 Millionen Dollar von der Zentralbank in Bangladesch geraubt wurden. Israel arbeitete jüngst mit amerikanischen Behörden zusammen, um einen Israeli hinter Gitter zu bringen, der die Computer von Stars gehackt hatte, darunter den der Popsängerin Madonna.

Auch die Experten des Mossad gaben ihr Wissen auf der Cybertech zum Besten. Chaim Tomer, ehemaliger Leiter der Abteilung Intelligence and Operations, ist sicher: »Hacker testen derzeit ihre Möglichkeiten. Sie prüfen, was sie jetzt schon tun können, um in Zukunft noch bessere und größere Angriffe zu starten.« Es gehe hauptsächlich um Delikte wie Diebstahl und Betrug, das Sammeln von Informationen über Konkurrenten und Ähnliches. Dagegen müsse international vorgegangen werden. »Doch die Kooperation der Nationen ist noch nicht gut genug, weil jeder an seinem eigenen Knowhow festhält.« Doch das, prognostiziert Tomer, könnte das reinste Chaos anrichten.

»Was wir heute sehen, wird noch viel schlimmer werden, wenn wir nicht zusammenarbeiten«, waren auch Netanjahus deutliche Worte. Kooperation aber könne viel gegen Cyberterror ausrichten. Dies sei ein Kerninteresse demokratischer Staaten, so Netanjahu. Deshalb habe er vor, dieses Thema bei seinem Besuch in Washington am 15. Februar zur Sprache zu bringen.

Fachkräfte Trotz staatlicher Förderung ist allerdings eine der größten Herausforderungen der Industrie der extreme Fachkräftemangel. Heute belegen immer weniger Studenten naturwissenschaftliche Fächer, wie das Finanzministerium kürzlich in einem Bericht zeigte. In den nächsten zehn Jahren werde es demzufolge rund 10.000 offene Stellen für Ingenieure und Programmierer geben, die nicht besetzt werden könnten. Das Ministerium warnte, dass der Hightech-Sektor dadurch bereits jetzt seinen Status als »Wachstumsmaschine« des Landes verloren habe.

Um dem zu begegnen, soll ein neuer 230-Millionen-Euro-Plan der Regierung Anreiz für Studenten schaffen, sich in hightechrelevante Fächer an den Universitäten einzuschreiben. Das hehre Vorhaben soll in sechs Jahren 40 Prozent mehr Studenten in diese Bereiche lenken. Junge Interessierte können zudem in sogenannten Bootcamps, die an Schulen angeboten werden, Programmieren lernen. Außerdem hat die Regierung neuerdings vor allem Frauen, arabische Israelis und ultraorthodoxe Juden im Visier, die für diesen Bereich ausgebildet werden sollen. Alle drei Gruppen sind in technologischen Jobs derzeit noch stark unterrepräsentiert.

Eugene Kandel, Leiter der Non-Profit-Organisation »Start-Up Nation Central«, forderte die Regierung auf, hier schnell und intensiv aktiv zu werden. »Kurzfristig müssen diese Menschen ein Training erhalten, damit sie in Hightechberufen arbeiten können«, meint Kandel. »Und langfristig ist es erforderlich, dass Schüler und Studenten an Schulen und Universitäten beraten und gefördert werden, damit viel mehr von ihnen eine wissenschaftliche Richtung einschlagen.«

Kandel ist überzeugt: »Die Welt befindet sich in ernsthaftem Wandel. Ob es die Herausforderer China oder die USA sind – wir müssen innovativ sein. Denn wenn wir es nicht sind, wird es jemand anders sein. Und dann kaufen wir ihre Produkte und nicht sie unsere.«

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