Gentechnik

Heiße Luft

Studien haben gezeigt, dass Milchkühe durch ihre Absonderungen für große Mengen der Treibhausgase verantwortlich sind. Foto: Getty Images /Imago

Während die Angst vorm Klimawandel sich breitmacht, die Europäer aufgrund der höchsten Temperaturen seit Langem geschockt sind und Amerikaner sich mit nie da gewesenen Überflutungen und Tornados abfinden müssen, erforscht ein internationales Team unter der Leitung der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva Kuhmist.

An der Spitze des Teams steht Itzhak Mizrahi von der Fakultät für Bio- und Umweltwissenschaften, der auch Leiter des nationalen Instituts für Biowissenschaften in der Negevwüste ist. Gemeinsam mit Robert John Wallace von der Universität Aberdeen in Schottland und 31 weiteren internationalen Wissenschaftlern fand er heraus, dass man durch die Manipulation der Gene von Kühen Mikrobiome in deren Magen kontrollieren kann. Damit, so die Wissenschaftler, könne man die Treibhausgase reduzieren, die die Tiere absondern. Diese werden für den Klimawandel mit verantwortlich gemacht.

PANSEN Für jedermann verständlich gemacht, heißt dies, dass eine Kuh, die weniger Mist macht, auch weniger umweltschädliche Gase verursacht. Denn im Pansen, dem ersten der vier Mägen von Kühen, existiert eine vielfältige Kolonie aus Bakterien, Pilzen und Urtierchen. Die produzieren Methangase, die die Tiere nach dem Essen ausscheiden.

Studien haben gezeigt, dass Milchkühe durch ihre Absonderungen für große Mengen der Treibhausgase verantwortlich sind. Nach einer Einschätzung der Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen von 2013 fügen sie der Erdatmosphäre jährlich mindestens 2100 metrische Tonnen CO2 hinzu. Tendenz steigend.

Nutztiere fügen der Atmosphäre jährlich 2100 Tonnen CO2 hinzu.

Zusätzlich zur »harten Wissenschaft«, erklärt die Universität, hätten die Ergebnisse der Studie zudem außergewöhnlich positive Auswirkungen für Milch- und Rinderlandwirte. Denn sie können damit nicht nur die negativen Effekte ihrer Industrie auf die Umwelt verringern – zusätzlich gibt es auch einen Nutzen. Die Forscher fanden heraus, dass mit der Veränderung der Gene die Milchproduktion auf sichere Weise erhöht werden kann.

»Methangas hat Energie in sich«, erläutert Mizrahi. »Doch wenn es in die Atmosphäre entlassen wird, verbleibt diese Energie nicht in der Kuh, wo es zum Beispiel dafür genutzt werden könnte, um mehr Milch zu produzieren. Die Energie verpufft praktisch in der Luft.«

Für die Studie sind 1016 Kühe (816 Holsteiner Milchkühe und 200 Nordische Rotkühe) untersucht worden, die in den vier europäischen Ländern Italien, Finnland, Schweden und Großbritannien grasen. Dabei fanden Mizrahi und sein Team heraus, dass eine kleine Anzahl von vererbbaren Mikrobiomen eine ausführliche Erklärung für den Phänotyp (die Erscheinung des Organismus) des Wirtes, also der Kuh, liefern.

MIKROBIOME Dies, so die Wissenschaftler, schaffe die Möglichkeit von auf Mikrobiomen basierenden Züchtungsprogrammen. Diese sollen eine nachhaltige Lösung bieten, um die Effektivität der Wiederkäuer zu verbessern – und gleichzeitig die Treibhausgase durch den verminderten Mist der Tiere verringern. Durch die Gabe von genau abgestimmten Probiotika würden die genetischen Mikrobiome der Kühe ergänzt, um die Funktion des Pansens zu optimieren.

Angesichts der steigenden Milchproduktion und Anzahl der Kühe wollten der Experte der Ben-Gurion-Universität und seine Kollegen sich das Innere der Kuhmägen einmal ansehen und genau untersuchen. Es gehe dabei jedoch nicht darum, einen Standpunkt zu beziehen, ob es mehr oder weniger Kühe in der Welt geben soll, macht Mizrahi deutlich. »Wir haben keine Meinung dazu, sondern wollen nur herausfinden, wie wir ihren globalen negativen Einfluss verringern können, um der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Dafür stützen wir uns auf bekannte Fakten.«

Mehrere andere Forscher vertreten die Ansicht, dass der Fleischkonsum in der Welt schlicht verringert werden sollte, um das Problem zu beheben. Doch das ist ein extrem schwieriges, weil kaum zu kontrollierendes Unterfangen.

ERNÄHRUNGSSICHERHEIT »Unsere Erkenntnisse sind ein großer Durchbruch für die Wissenschaft und werden einen positiven Effekt auf zwei gewaltige Probleme haben, der sich die internationale Gemeinschaft in der nahen Zukunft gegenübersieht: Klimawandel und Ernährungssicherheit«, erläutert Mizrahi. »Schon jetzt steht unser Planet am Limit, was die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten betrifft. Und dieses Problem wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch verschlimmern.« Im Jahr 2050 wird die Erde von rund neun Milliarden Menschen bevölkert sein, die alle ernährt werden wollen.

Im Jahr 2050 wollen neun Milliarden Menschen mit Protein versorgt werden.

»Das bedeutet eine immense Krise in Sachen Proteinversorgung.« Doch Mizrahi betont: »Wir erhöhen die Produktivität und reduzieren zugleich die Treibhausgase. Eine bessere Win-win-Situation für unseren Planeten kann es gar nicht geben.«

Die Studie, betont der Wissenschaftler, gilt nicht nur für die beiden untersuchten Kuhrassen, sondern kann letztendlich bei allen Rinderarten und sogar sämtlichen Wiederkäuern, auch bei Ziegen und Schafen, angewendet werden. Der Forscher ist sicher: »Es wird dadurch eine effizientere und umweltfreundlichere Tierhaltung entstehen.«

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