Interview

»Gegen unsere Werte«

Rabbiner Rothenberg, glauben Sie, dass der Skandal um den Rabbiner Elon ein Einzelfall ist?
Das kann ich auch nicht wissen. Aber in jeder Gesellschaft gibt es wohl einen bestimmten Prozentsatz an schlimmen Fällen wie diesem.

Finden Sie es richtig, dass das Takana-Forum Sanktionen beschloss, während die Öffentlichkeit von alledem nichts wusste?
Persönlich meine ich, dass in jedem Fall die Autoritäten des Staates eingeschaltet werden müssen. Das ist zum Vorteil aller Seiten. Polizei und Gerichte schützen Opfer und auch Täter. Mit allem Respekt für ein besonderes Forum, aber es kann nicht das System ersetzen. Allerdings ist es legitim für eine Gruppe von Menschen, derartige Foren zu haben, die über bestimmte Normen wachen. Denn Gemeinschaft dreht sich hauptsächlich um Normen.

Welche Konsequenzen hat das Bekanntwerden der Affäre?
Für die Anhänger des Rabbiners Elon wird es schwierig sein, doch ich glaube die meisten werden ihm weiter folgen, und er wird sie nach wie vor leiten. Alle anderen, übrigens auch viele säkulare Menschen, die ihn einfach mochten und seine guten Vorlesungen in Radio oder Fernsehen schätzten, werden ihn vielleicht vermissen. Aber, sollte er wiederkommen, werden sie ihm bestimmt wieder zuhören.

Ist sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen ein Phänomen in religiösen Kreisen?
Ich glaube nicht, dass es ein Phänomen ist, es ist menschlich, eine schlechte Wahl zu treffen, zu irren. Und wir alle sind schließlich Menschen, niemand hat eine Versicherung, die ihn vor so etwas schützt. Ich kritisiere aber den Puritanismus, vor allem in orthodoxen Kreisen. Oft hat sich die jüdisch-orthodoxe Erziehung in diesem Sinn an die christliche angenähert. Er steht in krassem Gegensatz zu den jüdischen Werten der Liebe zwischen Partnern. Viele Menschen sind in dieser puritanischen Erziehung gefangen – und das führt zu großen Problemen.

Mit dem Professor am Jerusalemer Van-Leer-Institut und Stadtrabbiner von Har Adar sprach Sabine Brandes.

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