Psyche

Gefahr von innen

Abwehr einer simulierten Messerattacke: Selbstverteidigungskurs im nordisraelischen Kibbuz Givat Oz Foto: Flash 90

Sie kommen unerwartet und mit grausamer Entschlossenheit – die Terroristen mit den Messern oder Pistolen, die sich aus heiterem Himmel auf ihre Opfer stürzen. In Jerusalem, Beer Sheva, Raanana, Tel Aviv. Die jüngste Terrorwelle macht die Israelis hilflos. Mehr denn je zuvor.

Dabei sind Kriege, Terroranschläge und wochenlange Unruhen für die Menschen nichts Ungewöhnliches. Erst im Sommer des vergangenen Jahres tobte der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen volle 50 Tage lang. Raketen flogen im Süden fast ohne Unterlass und erreichten sogar Jerusalem und Tel Aviv. Dennoch scheint die jetzige Gewaltwelle anders als sonst. Sie trifft die Israelis an einem wunden Punkt.

»Wir sind daran gewöhnt, etwas zu machen«, versucht Anat Ashkenazi zu erklären. »Im Krieg wissen wir Israelis mittlerweile ziemlich genau, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir rennen in den Schutzraum, legen uns unter Autos oder stellen uns in Treppenhäuser, wenn die Sirenen heulen. So makaber das klingt, es vermittelt ein gewisses Gefühl der Sicherheit.« Jetzt ist für die 42-jährige Frau aus Modiin, einer Stadt zwischen Tel Aviv und Jerusalem, alles anders. »Du kannst dich nicht schützen. Vielleicht kommst du gerade aus dem Supermarkt und, zack, hast du ein Messer in der Brust. Allein der Gedanke daran lässt mich nachts nicht mehr schlafen. Wir alle müssen ja schließlich mal das Haus verlassen.«

Die Attentate von Arabern, die seit fast drei Wochen das Land in Atem halten, haben mittlerweile neun Juden das Leben gekostet und mehr als 100 Menschen verletzt. Die einzigen offiziellen Anweisungen, die es gibt, sind die, »aufzupassen und die Augen offen zu halten«.

Ansturm Bei den psychosozialen Hilfsdiensten klingeln die Telefone fast unaufhörlich. In den Krankenhäusern und Polikliniken des Landes stehen die Menschen Schlange wegen Angstzuständen, akuten Panikattacken, Schlafstörungen und anderen psychischen Beschwerden. Der Ansturm ist so groß, dass das Gesundheitsministerium eine Notfallregelung erließ. Derzeit wird jeder, der Hilfe sucht, auch ohne Überweisung eines anderen Arztes und gänzlich kostenlos behandelt. Im Normalfall gibt es in Israel Psychotherapie nicht auf Krankenschein.

Yotam Dagan von Natal (Traumazentrum für Opfer von Terrorismus und Krieg), spürt die Auswirkungen der Terrorwelle auf die Gesellschaft jeden Tag. »Die Zahl der Anrufe bei unserer Hotline ist extrem in die Höhe geschnellt«, sagt der Direktor der Abteilung Community Outreach. »Seit dem Beginn der Gewalt bitten viel mehr Menschen als sonst um direkte Hilfe am Telefon oder suchen eine Psychotherapie.«

Mit seinem Team aus rund 50 Psychologen ist Dagan immer damit beschäftigt, Gruppen auf den Umgang mit ungewöhnlichem Stress vorzubereiten oder dabei zu helfen, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Das können Schulen, Kindergärten, die Feuerwehr oder sonstige Gesellschaftsgruppen sein. Doch einen derartigen Ansturm hat der klinische Psychologe noch nicht erlebt. »Alle wollen wissen: ›Was sollen wir tun?‹« Vor allem Lehrer und Erzieher in Kindergärten benötigten Unterstützung im Umgang mit verängstigten Mädchen und Jungen.

Dass diese Welle der Gewalt die Israelis mehr zu schockieren scheint als sonst, hat nach Meinung von Dagan zwei Gründe: »Zum einen sind es Internet, Fernsehen und die sozialen Medien, die den ganzen Terror, Blut und Horror praktisch live ins Wohnzimmer projizieren. Und das bekommen leider schon kleine Kinder mit. Zum anderen ist es die Tatsache, dass die Täter praktisch nicht von außen kommen. Es sind keine Terroristen aus Gaza, sondern viele mit israelischem Personalausweis aus unseren Städten oder von nebenan.«

Paranoia Um sich zu schützen, greifen immer mehr Leute zu Mitteln der Selbstverteidigung. Tränengas- und Pfeffersprays sind ausverkauft, Waffen mit scharfer Munition gefragt wie nie. Das Ministerium für Sicherheit gab an, dass die Anträge auf einen Waffenschein »um das Zehnfache gestiegen sind«. Allerdings sei das nichts Außergewöhnliches, sondern in Zeiten von Terror und Gewalt gleichsam normal.

Sicherheitsminister Gilad Erdan kündigte an, das Waffenrecht lockern zu wollen. Derzeit brauchen Israelis eine offizielle Lizenz für Pistolen und Ähnliches, die sie alle drei Jahre mitsamt Training erneuern müssen. Man muss mindestens 21 Jahre alt sein, drei Jahre oder länger im Land leben und vorab einen polizeilichen Eignungstest bestehen. Einfach so über den Ladentisch, wie in den USA beispielsweise, können die Bürger keine Schusswaffen kaufen.

Zum Teil nimmt das Bedürfnis nach Schutz bizarre Formen an. Im Internet kursieren Posts, die vorschlagen, nicht mehr ohne Regenschirm aus dem Haus zu gehen, auch bei Sonne. »Um im Falle eines Falles zumindest mit irgendetwas schlagen zu können«, heißt es. Die Wirksamkeit dieser Mittel sei natürlich fraglich, so Dagan, »aber immerhin bieten sie den Menschen etwas psychologische Unterstützung. Sie fühlen sich dann nicht mehr so ungeschützt im Angesicht der Furcht vor plötzlichen Angriffen«. Psychologe Yotam Dagan ist überzeugt, dass die Hilflosigkeit der Israelis bereits zu einer Art Paranoia führt. »Ja, die Gesellschaft befindet sich momentan in einem paranoiden Zustand. Überall und zu jeder Zeit wird Gefahr gewittert.« Und das gelte übrigens für beide Seiten.

Normalerweise flaue das extreme Gefühl nach etwa einer Woche wieder ab. Doch nicht dieses Mal. »Die ständigen Nachrichten über neue Attacken lassen die Leute natürlich nicht zur Ruhe kommen. Und das ist genau das, worauf Terror abzielt. Er will die Menschen terrorisieren.«

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