Awoda

Frischer Wind von außen

Volksnah: Avi Gabbay Foto: Flash 90

Er ist ein Newcomer auf dem Poliparkett. Trotzdem oder gerade deshalb ist Avi Gabbay am Montag im zweiten Wahlgang zum neuen Chef der Arbeitspartei (Awoda) gewählt worden. Er war erst wenige Monate zuvor Mitglied geworden. Genau das wollte die Basis der größten Linkspartei: frischen Wind und damit neue Hoffnung am Awoda-Himmel.

Die alte Garde ist damit abgewählt. Schon im ersten Wahlgang in der vergangenen Woche war Isaac Herzog nicht als Vorsitzender bestätigt worden. Sieben Kandidaten hatten sich zur Wahl gestellt, doch niemand von ihnen erlangte zunächst die benötigten 40 Prozent. Herzog schied mit 16,7 Prozent sofort aus. Am Montag dann stellten sich die beiden Männer mit den höchsten Ergebnissen erneut den Mitgliedern: der alteingesessene Politiker und ehemalige Verteidigungsminister Amir Peretz sowie Neuling Gabbay.

Der amtierende Vorsitzende Herzog sagte im Anschluss, dass er das Ergebnis akzeptiere, doch »persönlich, politisch und ideologisch bedauere«. Er wolle jetzt seine Anhänger auffordern, für einen der beiden Topkandidaten zu stimmen. Später verkündeten er und Dan Margalit ihre Unterstützung für Peretz. Doch Gabbay war schon nicht mehr aufzuhalten.

Erdbeben Es war ein dramatischer Ausgang. Obwohl das Ergebnis mit 52 zu 48 Stimmen knapp war, bezeichnen es Kommentatoren als Erdbeben in der israelischen Politlandschaft. Noch nie zuvor hatte bei der Traditionspartei jemand von außen auf dem Chefsessel Platz genommen. Stets hatten langjährige Getreue das Rennen gemacht.

Die einstige Vorsitzende, Schelly Jachimowitsch, aber lässt sich gern die neue Brise um die Nase wehen. Sie stellte sich von Anfang an hinter Gabbay, sein Erfolg ist daher in Teilen ihr zu verdanken. Es wird davon ausgegangen, dass sie dafür Herzogs Posten als Oppositionsführer übernimmt, denn darauf muss Gabbay als Nicht-Knessetmitglied verzichten.

Und noch einer dürfte sich freuen, allerdings zumindest vorläufig noch hinter verschlossen Türen: Es ist der ehemalige Premierminister Ehud Barak. Obwohl er öffentlich nichts verkündet hat und beteuert, nicht wieder Ministerpräsident werden zu wollen, pfeifen es die Spatzen von den Dächern: Barak warte nur auf einen passenden Moment, wieder in die Politik zurückzukehren. Dieser Moment könnte der Wechsel an der Spitze der Awoda sein. Für den relativ unerfahrenen Gabbay könnte ein extrem versierter Mentor wie gerufen kommen. Doch noch sind das alles lediglich Spekulationen.

Prognosen Obwohl die Arbeitspartei bei den letzten Parlamentswahlen 2015 nach dem Zusammenschluss mit Zipi Livnis Hatnua-Partei 24 Sitze in der Knesset erhielt, fiel sie in Prognosen stetig. Zuletzt sagte man ihr lediglich neun Mandate voraus. Besonders die internen Streitereien zwischen den Top-Genossen, allen voran Herzog und Jachimowitsch, ließen das Ansehen der Awoda bei den Wählern sinken. Die mangelnde Überzeugungskraft der Führungsriege ließ die Partei dahindümpeln. Mitglieder und Wähler wurden von vielen als »linke Loser« verschrien. An der Basis wuchs die Frustration.

Genau dieses Sentiment ließ sie jetzt zur Alternative greifen. Die Wahl von Peretz wäre politischer Selbstmord gewesen, sagte ein Parteimitglied, das ungenannt bleiben möchte, unmittelbar nachdem das Ergebnis bekannt gegeben wurde. »Das war das Altbekannte, von dem wir wussten, dass es nicht mehr funktioniert. Wir brauchten einen radikalen Wechsel.«

Und den hat die Awoda bekommen. Dabei ist Gabbay alles andere als ein Aufmischer oder aggressiver Übernehmer. Der 50-Jährige gilt als ausgesprochen freundlich und umgänglich. Er zolle allen Menschen stets Respekt. Zugleich weiß Gabbay ebenso gut, wie er die Erfolgsleiter erklimmt: Geboren 1967 als siebtes von acht Kindern marokkanischer Einwanderer, musste er hart für seinen Aufstieg arbeiten. Doch der kleine Avi kämpfte sich aus dem Übergangslager für Olim in Jerusalem heraus, galt schon in der Grundschule als hochbegabt und extrem ambitioniert.

Können Nach dem Masterstudium an der Hebräischen Universität begann er für verschiedene Unternehmen zu arbeiten, später fing er als Assistent des Geschäftsführers beim größten Telekommunikationsunternehmen des Landes, Bezeq, an. Wenige Jahre darauf, 2007, saß er selbst auf diesem Posten. »Ein bisschen Glück sowie jede Menge Können und Professionalität« beschied ihm sein damaliger Vorgesetzter.

Der politische Weg des Mannes, der mit seiner Frau und drei Kindern in Tel Aviv lebt, begann zunächst in einer anderen Richtung. Seit 2015 saß er als Umweltminister für die Mitte-Rechtspartei Kulanu im Kabinett einer rechtsgerichteten Regierung. Sein Chef, Mosche Kachlon, und er hatten die Partei nicht lange zuvor gegründet. Doch nach einem Jahr in der Politik geschah etwas, das er nach eigenen Angaben mit seinen Überzeugungen nicht mehr vereinen konnte: Als im Mai 2016 der damalige Verteidigungsminister Mosche Yaalon wegen des Hebron-Falles zurücktrat und Avigdor Liebermans Partei Israel Beiteinu der Koalition beitrat, legte Gabbay kurzerhand sein Amt nieder und trat aus Kulanu – die den Eintritt Liebermans befürwortet hatte – aus. Sein Chef Kachlon erfuhr davon aus dem Fernsehen. Verziehen hat er ihm das nie.

Agenda Doch so nett Gabbay auch wirkt, er ist sicher nicht in die Politik eingetreten, um sich nur Freunde zu machen. Er hat eine Agenda: »Politisch bin ich wie Yitzhak Rabin«, sagte er in einem Interview. In seinem Programm, das er während der Awoda-Vorwahlen verteilte, steht, dass er glaubt, der israelisch-palästinensische Konflikt sei lösbar. Er will einen Frieden mit den Palästinensern und dafür auch heiße Eisen wie Jerusalem anfassen. Er erklärte sogar bereits, dass er befürworte, einige arabische Bezirke der Stadt an die Palästinensische Autonomiebehörde zu übergeben. Starke Statements eines Mannes, der angibt, Premierminister werden und die jetzige Regierung ablösen zu wollen. Er sei der Einzige, der die Wähler von Kulanu und vielleicht sogar anderen Parteien zur Awoda lotsen könne, meint er auch noch.

Gabbay sei sehr fähig im privaten Geschäftsbereich und in der Politik, bestätigen viele, die mit ihm gearbeitet haben. Alle warten nun gespannt, ob er auch ein guter Handwerker ist und das Zeug hat, tatsächlich am Stuhl von Netanjahu zu sägen.

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