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»Es ist auch unser Schmerz«

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) mit ihrem Amtskollegen Eli Cohen Foto: picture alliance/dpa

Als sie von den Kindern spricht, stockt ihre Stimme. »Zwei kleine Mädchen, noch nicht einmal in der Grundschule, wurden auf einen Truck gezerrt. Ihr Vater weiß bis heute nicht, wo sie sind.« Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock erzählt mit düsterer Miene von dem israelischen Vater, den sie traf, als sie bei ihrem ersten Besuch in Israel war.

»Dieser Vater hat ganz normal, wie jeder Vater und Ehemann, seine Frau und seine zwei kleinen Töchter ins Wochenende verabschiedet, weil sie zu den Großeltern fuhren.« Dann musste er einen Anruf aus einem Schutzraum entgegennehmen. »In voller Panik«, so die Ministerin. Und noch einmal bricht ihre Stimme. Es ist nur ein Moment, doch als Mutter von zwei Kindern kann sie den Schmerz der Eltern offenbar nachfühlen. Danach habe der Vater ein Video sehen müssen, wie seine Frau und Töchter von der Hamas verschleppt wurden.

Schicksal der Geiseln

Es ist besonders das Schicksal der Geiseln, auch der Deutschen unter ihnen, in Gefangenschaft der Terrororganisation, das die Ministerin bewegt. Die Sorge um die Menschen lasse sie nicht los. »Der Schmerz der Angehörigen ist unendlich. Es ist auch unser Schmerz.« Deutschland arbeite mit Partnern in Israel, in den Nachbarländern und mit internationalen Organisationen zusammen, um die zivilen Geiseln freizubekommen, erläutert sie. »Sie müssen endlich freikommen! Es sind unschuldige Kinder, Kleinstkinder. Es sind Mütter, Väter, Großeltern.«

Man merke hier in jedem Gespräch, wie sehr die unmenschlichen Gräueltaten der Hamas, die »für einen selbst kaum zu ertragen sind«, Israel schwer verwundet haben. »Diese Unmenschlichkeit ist und bleibt eine Zäsur.« Deswegen sei es ihr wichtig, nach Israel zu reisen, persönlich mit Angehörigen zu sprechen und ihre furchtbaren Erlebnisse in die Welt zu tragen. Sie habe auch in Jordanien davon berichtet.

»Sie müssen endlich freikommen! Es sind unschuldige Kinder, Kleinstkinder. Es sind Mütter, Väter, Großeltern.«

Außenministerin Annalena Baerbock

Baerbock sprach Klartext: »Diese und so viele andere Taten zeigen die Unmenschlichkeit der Hamas-Terroristen. Sie zeigen, warum dieser Terrorismus bekämpft werden muss: weil es ohne die Bekämpfung der Hamas keinen Frieden und keine Sicherheit geben wird. Weder für Israel aber auch nicht für die Region.«

»Deutschland steht fest an Israels Seite«

In Israel traf sie am Freitagmorgen mit ihrem Amtskollegen Eli Cohen und auch Benny Gantz, Mitglied des Kriegskabinetts, zusammen und habe beiden versichert: »Deutschland steht fest an Israels Seite«. Israel habe nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, seine Bevölkerung im Rahmen des internationalen Rechts zu schützen.

»Die Terroristen wollen die Entmenschlichung des Konflikts. Ihnen sind die Menschen, auch in Gaza, vollkommen egal«, so Baerbock. Doch genau das unterscheide demokratische Staaten von der Hamas. »Israel sind die Menschen, auch Palästinenser, nicht egal.« Sie habe in Gesprächen in Israel immer wieder gehört: »Wir werden unsere Menschlichkeit nicht aufgeben«, und versuche dies, auch in Jordanien, Ägypten und Deutschland zu vermitteln.

»Der Terror ist das Grundübel und muss bekämpft werden«, machte sie noch einmal klar. Jedoch würde großes Leid unter der Zivilbevölkerung in Gaza neuen Nährboden für Terror schaffen und auch die Annäherung anderer arabischer Staaten an Israel gefährden. »Dieses Kalkül der Terroristen darf nicht aufgehen«, sagte Baerbock und forderte, die humanitäre Hilfe an die Enklave sofort zu liefern.

»Die Lage in Gaza ist katastrophal. Es fehlt an allem. Die Verantwortung dafür trägt die Hamas mit ihren Gräueltaten.« Deutschland habe die Hilfe für Gaza um 50 Millionen Euro erhöht und könne sofort loslegen. Die humanitären Lieferungen stünden am Rafah-Grenzübergang parat. Es brauche dringend Trinkwasser, damit sich Krankheiten nicht verbreiten.   

Die Ministerin ging auch auf den Beschuss des Al-Ahli-Krankenhauses in Gaza ein. »Die Indizien, die Israel vorgelegt hat, wecken mehr als starke Zweifel an der Theorie der Hamas«. Schuldzuweisungen in den sozialen Medien seien schnell gemacht, dienten jedoch auch als Propaganda.

»Wir alle wollen verhindern, dass die gesamte Region ins Chaos stürzt.«

»Wir alle wollen verhindern, dass die gesamte Region ins Chaos stürzt«, hob Baerbock zusammenfassend hervor. Sie kam aus Jordanien und reist im Anschluss an den Besuch in Israel in den Libanon und nach Ägypten. In Kairo nimmt sie an einem Friedensgipfel teil.

»Hisbollah darf den Libanon nicht mit in diesen Konflikt hineinziehen. Ich warne Iran, ich warne schiitische Milizen im Irak, und ich warne alle Houthis im Jemen davor, zu zündeln und aufs Trittbrett des Terrors zu springen.«

Ein Fünkchen Hoffnung habe sie auch: Egal, wo sie gewesen sei, »alle jungen Menschen, alle Kinder haben mir gesagt, dass sie nur einen Wunsch haben: in Frieden und Sicherheit zu leben, zur Schule zu gehen und frei von Terror und Not zu sein. Es ist der Wunsch der Menschlichkeit.«

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