Interview

»Es gibt Höhen und Tiefen«

Zieht eine weitgehend positive Bilanz: Yakov Hadas-Handelsman Foto: Marco Limberg

Herr Botschafter, nach fünfeinhalb Jahren ist Ihre Zeit in Berlin beendet. Welches Ereignis aus dieser Zeit ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Vor allem das Jubiläumsjahr 2015 zu 50 Jahren deutsch‐israelischer Beziehungen. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem es keine deutschen Produkte gab. Als Kind habe ich die Berichte mitbekommen, als der erste deutsche Botschafter mit Tomaten beworfen und mit »Nazi go home!« empfangen wurde. Es ist manchmal kaum fassbar, wie sehr sich das Verhältnis verbessert hat, ohne dass wir unsere Geschichte vergessen hätten.

Woran zeigt sich das?
Ich werde manchmal von Israelis gefragt, bevor sie zum ersten Mal nach Deutschland fahren: Kann man dort noch etwas von der Vergangenheit sehen, oder haben die Deutschen alles unter den Teppich gekehrt? Ich sage, dass selbst ein Blinder die Vergangenheit nicht übersehen kann, denn selbst, wenn er stolpert, dann wahrscheinlich über einen Stolperstein. Meine schönste Erfahrung war also 2015 – zu sehen, wie der deutsche Bundespräsident bei einem Konzert in der Philharmonie der Gastgeber für seinen israelischen Amtskollegen ist und der israelische Präsident den deutschen zum Jom‐Haazmaut‐Empfang einlädt. Vor allem, wenn man bedenkt, wie Reuven Rivlin als junger Mensch gegen das Luxemburger Abkommen und gegen den deutschen Botschafter Rolf Pauls demonstriert hat. Heute weiß er, dass Deutschland einer der besten Freunde Israels ist, und er pflegt diese Freundschaft.

Gilt das auch für die Bevölkerung?
Es sind die kleinen Dinge, die zeigen, wie sehr die Menschen aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen wollen. Es gibt eine Grundschule im Bayerischen Viertel in Schöneberg, wo früher eine Synagoge stand, die in der Pogromnacht zerstört wurde. Dort gibt es diese Initiative, dass die Sechstklässler jeweils einen Juden »adoptieren«, der in dem Viertel gelebt hat. Sie schreiben dessen Namen auf einen Stein und erklären, warum sie gerade diese Person ausgewählt haben. Sie sagen zum Beispiel, wir leben in der Straße oder der Wohnung, wo er gelebt hat. Oder: Sie hat den gleichen Vornamen wie ich. Dadurch lernen die Kinder viel mehr als durch 100 Vorträge. Sie erleben die Vergangenheit. Ähnlich wie mit den Stolpersteinen geben sie den vergessenen Menschen ihre Namen zurück. Das ist eine wunderschöne Initiative.

Haben Sie das erwartet, als Sie nach Deutschland gekommen sind?
Nein.

Welche Erwartungen oder Befürchtungen hatten Sie denn?
Für jeden Juden ist es etwas Besonderes, nach Deutschland zu kommen. Ich hatte bestimmte Erwartungen, die überwiegend positiv waren. Und die Erwartungen wurden noch übertroffen. Ich bin sehr beeindruckt von den vielen bürgerschaftlichen Initiativen, unterhalb der offiziellen Ebene – zum Beispiel die Stolpersteine, aber nicht nur die. Der Berliner Sport‐Club hier in der Nähe der Botschaft hat mich zum Beispiel zur Einweihung einer Gedenktafel für die jüdischen Mitglieder eingeladen, die aus dem Club ausgeschlossen wurden, die fliehen mussten oder ermordet wurden, wie zum Beispiel die Siebenkämpferin Lilli Henoch. Das war ein Wunsch der Mitglieder, sie wollten, dass jeder, der das Vereinsgelände besucht, diese Tafel sieht. Das mussten sie nicht tun, das haben sie freiwillig gemacht.

Aber sicher ist nicht alles nur positiv?
Was mich beunruhigt, sind Umfragen, nach denen viele Deutsche einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen wollen. Man kann aber keinen Schlussstrich ziehen, die Vergangenheit verfolgt einen weiter. Außerdem: Die Art und Weise, wie die Deutschen sich ihrer Vergangenheit gestellt haben, hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind. Deutschland ist heute eines der meistrespektierten Länder der Welt. Es ist ein ökonomischer Riese, es gewinnt mehr und mehr Gewicht in der Weltpolitik. Deutsche sind überall auf der Welt beliebt. Das Land hat eine neue nationale Identität entwickelt, die nicht nationalistisch, sondern humanistisch und pluralistisch ist. Das wäre nicht passiert, wenn die Deutschen sich ihrer Vergangenheit nicht gestellt hätten. Ich sage: Ihr habt euch das erarbeitet, gebt es nicht auf!

Der Umgang mit der Vergangenheit ist eine Sache – die Gegenwart eine andere …
Gleichzeitig gibt es einen Anstieg von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Es gibt Versuche, Israel zu delegitimieren, etwa durch die BDS‐Bewegung. In Deutschland sollte es mehr Sensibilität geben, wo es einst hieß: »Kauft nicht bei Juden!«. Oder wenn man sich Internet‐Kommentare ansieht, in denen gegen Israel gehetzt wird. Nicht alle, die Israel kritisieren, sind Antisemiten, aber alle Antisemiten kritisieren auch Israel. Das macht mir Sorge, nicht nur wegen der Juden, sondern wegen der Deutschen. Als Jude hat man immer ein Land, in dem man willkommen ist, und das ist Israel. Aber was würde es für Deutschland bedeuten, wenn Juden dort nicht mehr leben wollen? Sie müssen Ihre eigene Demokratie verteidigen!

Sehen Sie eine akute Gefahr für die deutsche Demokratie, etwa durch AfD und Pegida oder durch Islamisten?
Nein, zumindest nicht kurzfristig. Demokratie bedeutet schließlich nicht, dass meine Ideen durchgesetzt werden. Demokratie muss Raum geben für alle Kräfte, die die grundsätzlichen Spielregeln respektieren. Derzeit sehe ich da kein Problem, solange es im Rahmen der Legalität bleibt. Und dieser Rahmen muss sehr groß sein. Die Demokratie ist nicht in Gefahr, wenn jemand meine Meinung nicht teilt. Ich kenne viele Leute, die exzellente Demokraten sind, allerdings nur, solange alles nach ihren Vorstellungen läuft. Aber es gibt natürlich Gefahren. Nach einer Umfrage, die der Bundestag in Auftrag gegeben hat, sind 40 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch. Daher muss das Thema sehr ernst genommen werden.

Ist Deutschland denn immer noch ein guter und sicherer Ort für Juden? Wenn junge Israelis Sie fragen, ob sie nach Deutschland gehen sollen, was würden Sie ihnen raten?
Es ist nicht meine Aufgabe, solche Ratschläge zu geben. Es hängt davon ab, wie jeder es persönlich erlebt. Der eine lebt hier fünf Jahre, trägt eine Kippa und macht nur gute Erfahrungen, ein anderer ist erst ein paar Tage hier, trägt nicht einmal Kippa und wird bedroht oder beschimpft. Wenn jemand sich in Deutschland nicht wohlfühlt, kann er jederzeit nach Israel kommen.

Haben Sie auch die Stimmung in hiesigen jüdischen Gemeinden mitbekommen?
Ich habe mehrere Gemeinden gelegentlich besucht. Meiner Meinung nach fühlen Juden sich hier wohl. Das Wiedererstehen alter Gemeinden ist wichtig für Deutschland und die Juden. Viel mehr kann ich nicht dazu sagen, denn es ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Nach den Terroranschlägen in Frankreich hat Netanjahu die französischen Juden aufgefordert, nach Israel zu kommen. Manche haben gesagt: »Was hat der uns Ratschläge zu erteilen? Wir bleiben hier!« Andere sind ausgewandert. Es liegt an jedem Einzelnen, wofür er sich entscheidet.

Sie würden also niemandem raten: Europa wird zu gefährlich, kommt nach Israel?
Das muss ich gar nicht tun. Es sind erwachsene Menschen. Wenn sie sich nicht mehr wohlfühlen, werden sie schon wissen, was sie zu tun haben. Dazu brauchen sie keine Ratschläge.

In den vergangenen Monaten gab es einige diplomatische Irritationen: Außenminister Sigmar Gabriel wollte sich mit israelkritischen NGOs treffen, Kanzlerin Merkel kritisierte gemeinsam mit Mahmud Abbas die israelischen Siedlungen, die Regierungskonsultationen wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Bekommt das deutsch‐israelische Verhältnis Risse?
Es gibt Höhen und Tiefen. Aber grundsätzlich sind die Beziehungen sehr gut verankert. Die deutsche Verpflichtung für Israel steht noch wie immer. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind, vor allem auf ziviler Ebene, sehr gut. Sehen Sie sich nur die wirtschaftliche Zusammenarbeit an – zum Beispiel die Autoindustrie. Alle deutschen Autohersteller haben Kooperationen mit israelischen Firmen. Sie brauchen die israelischen Innovationen. Alle haben etwa ein Abkommen mit Mobileye.

Die Zusammenarbeit gibt es aber sicher nicht nur in der Wirtschaft?
Richtig, es gibt auch kulturellen Austausch. Es finden immer mehr Festivals für Filme, Literatur und Musik aus Israel statt. Bevor ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht, dass Israel auch eine kulturelle Supermacht ist. Israelische Autoren machen mehr Geld mit deutschen Übersetzungen als auf dem heimischen Buchmarkt. Amos Oz, David Grossman, Etgar Keret sind Superstars hier. Bei unserem Stand auf der Leipziger Buchmesse war so großer Andrang, dass die Gänge verstopft waren. Und das hat nicht nur mit der Vergangenheit zu tun, sondern mit der Qualität der Autoren.

Wenn nach der Bundestagswahl der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass Merkel nicht mehr Kanzlerin ist – glauben Sie, die Beziehungen würden auch unter einem anderen Kanzler gut bleiben?
Zwischen allen Parteien des Bundestages gibt es den gemeinsamen Nenner, dass sie sich Israel verpflichtet fühlen. Natürlich gibt es Nuancen zwischen den Parteien, aber grundsätzlich fühlen sie sich alle für Israels Sicherheit verantwortlich.

Wenn Sie jetzt Berlin verlassen, was wünschen Sie sich für die Zukunft dieser Beziehungen, was könnte sich verbessern?
Raum für Verbesserungen gibt es immer. Aber die Kooperation ist schon sehr breit und tief in vielen Bereichen. Unsere Zusammenarbeit im Bereich Cybersicherheit wächst. Es gibt seit einigen Jahren eine Afrika‐Initiative von Deutschland und Israel, um die Lebensqualität dort zu verbessern. Wir haben etwa gemeinsam den Victoriasee gereinigt. Unsere Volkswirtschaften ergänzen einander, Deutschland hat die Fähigkeiten, die Pünktlichkeit, die Infrastruktur, die Märkte, wir haben die Ideen. Die Deutschen haben die Autos, wir die Chips. Wenn sich etwas verbessern könnte, dann, dass mehr Menschen begreifen, wie sehr israelische Ideen ihr Leben erleichtern.

Mit dem Botschafter des Staates Israel in Berlin sprach Ingo Way.

Das neue Buch von Yakov Hadas‐Handelsman, »Fünf Jahre Deutschland«, lässt sich kostenlos bestellen unter: press1@berlin.mfa.gov.il.

Eine PDF‐Version findet sich unter: www.botschaftisrael.de/2017/08/09/fuenf-jahre-deutschland/.

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