Es began mit einer Schweigeminute. An die 70.000 Menschen waren am Mittwochabend im Tel Aviver Hayarkon-Park zu einer nationalen Gedenkveranstaltung zusammengekommen, um an die Opfer des Hamas-Massakers am 7. Oktober 2023 zu erinnern.
Dann sagte Eli Sharabi: »An jenem Schabbat-Morgen haben wir so viel verloren.« Der 54-Jährige aus dem Kibbuz Be’eri war Geisel der Hamas in Gaza, seine Frau Lianne und die beiden Töchter im Teenagealter, Noiya und Yahel, wurden in ihrem Haus von den Terroristen ermordet. Später starb auch sein Bruder Yossi in Gaza. Das Bild des völlig ausgemergelten Sharabi, wie er nach 491 Tagen in Freiheit kam, ging damals um die Welt und schockierte alle zutiefst.
Das Gefühl der Sicherheit verloren
Hier auf der Bühne sagte er, der gemeinsam mit der Schauspielerin Shani Cohen moderierte: »Wir haben Freunde, Familien, unser Zuhause und ganze Gemeinschaften verloren, die zerstört wurden. Wir haben die Menschen verloren, die wir am meisten lieben. Und wir haben unser Gefühl der Sicherheit und einen Teil unserer Unschuld verloren.« An jenem Schwarzen Schabbat, an dem der gesamten Staat Israel in einen tiefen Abgrund der Trauer stürzte, so Sharabi, »schien es, als hätten wir auch das Land verloren, das wir einst kannten«.
»Im Namen der Ermordeten und Gefallenen sowie für künftige Generationen werden wir Zeugnis ablegen und die Geschichte jenes Tages erzählen, an dem der Himmel über uns zusammenbrach. Wir werden uns an sie alle erinnern und sie niemals vergessen.«
Die Zeremonie war die Hauptveranstaltung des Gedenkens am dritten Jahrestag des schlimmsten Anschlags in Israels Geschichte. Sie wird jährlich von Überlebenden des Angriffs und Hinterbliebenen der Opfer organisiert, die sich unter dem Wort »Kumu« zusammengeschlossen haben, und unterscheidet sich von den offiziellen staatlichen Gedenkfeiern, die bereits am Montag – dem nach dem hebräischen Kalender für das Gedenken an das Massaker gewählten Datum – stattgefunden hatten.
Omri Shafroni: »Meine geliebte Familie, ihr hättet nicht ermordet werden dürfen. Nicht einer von euch. Ihr wart allein, schutzlos. Und auch ich konnte nicht helfen.«
In diesem Jahr fand die Zeremonie erstmals ohne Sitzplätze statt, um es so vielen Menschen wie zu ermöglichen, im Freien zusammenzukommen, der Ermordeten und Gefallenen zu gedenken. Ein Teil war dem Heldenmut und der Opferbereitschaft der im Kampf Gefallenen gewidmet, seien es Soldaten, Reservisten, Mitglieder lokaler Sicherheitsteams oder ganz normale Bürger gewesen.
Ido Yakir, Mitglied der Eingreiftruppe des Kibbuz’Magen, trug ein besonderes Jizkor-Gebet vor. Die Gruppe hatte am 7. Oktober versucht, das Eindringen von Terroristen in die Gemeinde zu verhindern.›Das Totengebet Kaddisch sprach Rabbiner Benny Kalmanzon. Er ist der Vater von Elchanan, der am 7. Oktober gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Cousin eilte, um Leben zu retten, und bei den Kämpfen in Be’eri fiel.
Omri Shafroni, der beim Massaker in demselbn Kibbuz vier Familienmitglieder verlor, wandte sich an die Menge und forderte eine Aufklärung des Massakers: »Solidarität allein reicht nicht aus. Ohne die Wahrheit zu ergründen, können wir weder heilen noch sicherstellen, dass so etwas nie wieder geschieht. Dies darf keine politische Debatte werden, es ist ein moralisches, ethisches und sicherheitspolitisches Gebot.«
Zeremonie würdigte auch die 46 in Gaza getöteten Geiseln
Dann wandte sich Shafroni unter Tränen an seine ermordeten Angehörigen: »Meine geliebte Familie, ihr hättet nicht ermordet werden dürfen. Nicht einer von euch. Ihr wart allein, schutzlos. Und auch ich konnte nicht helfen.«
Neben dem Gedenken an die etwa 1200 Menschen, die am 7. Oktober getötet wurden, würdigte die Zeremonie auch die 46 Geiseln, die lebend in den Gazastreifen verschleppt wurden und dort in Gefangenschaft starben. Die meisten wurden von ihren Entführern ermordet, einige starben versehentlich durch Angriffe der israelischen Armee in Gaza.
»Sie hielten wochen- und monatelang in der Dunkelheit und in Angst durch, klammerten sich an das Leben und warteten darauf, dass jemand käme, um sie zu retten«, sagte Adi Marciano, deren Tochter Noa lebend von der Militärbasis Nahal Oz entführt und im Gazastreifen getötet wurde. »Wir haben unsere Liebsten nicht zurückbekommen, Wir haben sie für ihre letzte Ruhe in Empfang genommen«, so die trauernde Mutter.
Zahlreiche Künstler traten bei der Zeremonie auf, darunter Shlomo Artzi, Gali Atari, Arkadi Duchin, Miri Mesika, Ivri Lider, Ran Danker und Eden Golan. Zudem nahmen die Chefs der Oppositionsparteien Naftali Bennett, Gadi Eisenkot, Yair Lapid und Yair Golan, teil.
Golan, der am Morgen des 7. Oktober auf eigene Faust zum Ort des Massakers beim Nova-Musikfestival gefahren war und mehrere Menschen gerettet hatte, schrieb nach der Veranstaltung in den sozialen Medien: »Die Menschen sind erschienen. Die Regierung ist abwesend.«
Yair Golan: »Die Regierung ist nicht anwesend – aber das zionistische, demokratische Volk Israels ist hier.«
Schon lange sei die Regierung nicht mehr dort, wo die Bürger Israels sind: bei den Hinterbliebenenfamilien, traumatisierten Gemeinschaften, bei jenen, die gedient, gekämpft, gerettet und Verletzungen erlitten haben, sowie bei jenen, die sich freiwillig engagiert und das Land in seinen schwersten Momenten zusammengehalten haben, führte Golan aus und hob noch einmal hervor: »Die Regierung ist nicht anwesend – aber das zionistische, demokratische Volk Israels ist hier.«
Premierminister Benjamin Netanjahu hat sich wiederholt trotz der Forderung der Mehrheit der Bevölkerung gegen die Einsetzung einer unabhängigen staatlichen Untersuchungskommission, dem höchsten Untersuchungsgremium des Landes, ausgesprochen. Er nahm an keiner der am Mittwoch abgehaltenen Gedenkveranstaltungen teil, war aber bei den offiziellen staatlichen Zeremonien am Montag zugegen.
Zum Abschluss des Gedenkens im Hayarkon-Park forderte auch Sharabi die Einsetzung einer solchen Untersuchung. »Wir müssen untersuchen, wie es dazu kam. Keine Abstriche machen. Nicht zulassen, dass die Zeit die Wahrheit verwischt, die Geschichte umschreibt oder sich die Geschichte wiederholt.«. Denn Erinnerung sei nicht bloß ein Blick zurück. »Sie ist auch unser Weg in die Zukunft. Das ist unsere Hoffnung: dass es hier nach allem – und trotz allem – doch noch ein besseres Leben geben wird. Wir sind uns selbst die Wahrheit schuldig.«
