Noch bevor die Sonne über Tel Avivs Glasfassaden aufgeht, beginnt auf der Stadtautobahn Ayalon das tägliche quälende Ritual. Bremslichter leuchten rot, Motoren brummen im Leerlauf, und Tausende Fahrzeuge schleppen sich Stoßstange an Stoßstange vorwärts. Die Autobahn, einst als schnelle Verbindung durch das wirtschaftliche Zentrum des Landes gedacht, wird zum Nadelöhr.
Verkehrsplaner und Verantwortliche in der Verwaltung von Tel Aviv sowie des Großraums Gusch Dan suchen seit Jahren nach Lösungen. Denn derzeit genügen schon kleine Störungen, um das fragile Straßennetz zu zerreißen: Ein Zusammenstoß, ein liegen gebliebenes Fahrzeug, eine Baustelle – und der Verkehr kommt nicht nur auf dem Ayalon selbst, sondern in weiten Teilen der Stadt zum Erliegen.
Herzrasen, Hupkonzerte und hitzige Diskussionen hinterm Steuer
Vor allem die vielen Pendler berichten von Herzrasen, Hupkonzerten und hitzigen Diskussionen hinterm Steuer. Zahlen bestätigen, was Autofahrer täglich erleben. Auf zentralen Abschnitten des Ayalon sinkt die Durchschnittsgeschwindigkeit zeitweise auf rund 14 Kilometer pro Stunde, besonders zwischen großen Kreuzungen. Doch selbst abseits dieser Engpässe liegen die Werte im Berufsverkehr oft nur bei 20 bis 30 Kilometern pro Stunde – eine Geschwindigkeit, die eher auf eine verkehrsberuhigte Straße als auf eine mehrspurige Autobahn hindeutet.
In der Stadt liegen Arbeitsplätze, Universitäten und Einkaufszentren dicht beieinander, sodass der Verkehr jenseits der Autobahn den ganzen Tag über anhält. Für viele fühlt sich Tel Aviv wie eine permanente Geduldsprobe an. Der stockende Verkehr belastet Stimmung und Lebensqualität.
Ido Natan, Angestellter einer Hightech-Firma im Zentrum, kennt das nur zu gut. Er wohnt in Ra’anana nördlich der Metropole: »Ich kann nur mit dem Auto zur Arbeit fahren, denn mein Wohnort ist weder an den Zug noch an die Straßenbahn angebunden. Manchmal brauche ich für weniger als 20 Kilometer zwei Stunden. Es ist ein Alltag, der an den Nerven zerrt, während die Lebenszeit unerbittlich verrinnt«, klagt der Vater von drei Kindern.
Wohngebiete werden oft zu provisorischen Umgehungsstraßen
Doch der Stau bleibt nicht auf der Autobahn. Wer die Ayalon verlässt, um Ausweichrouten zu suchen, bringt den Verkehr mitten in die Stadt. Sehr zum Unmut der Anwohner werden Wohngebiete oft zu provisorischen Umgehungsstraßen. Die Stadt verwandelt sich so in ein nervenaufreibendes Labyrinth, in dem selbst kurze Fahrten oft eine Stunde oder mehr dauern.
Vor diesem Hintergrund überdenkt Tel Aviv seine Verkehrspolitik. Auf den meisten Straßen gilt seit Jahresende eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Kilometer pro Stunde. Das soll den Verkehr beruhigen und Unfälle reduzieren.
»Es ist ein Alltag, der an den Nerven zerrt, während die Lebenszeit unerbittlich verrinnt.«
Ido Natan, Pendler
Was zunächst wenig intuitiv klingt, legen mehrere Studien nahe. Eine Reduzierung des Tempos kann Staus verringern, weil diese Maßnahme den Verkehr gleichmäßiger fließen lässt: Geringere Geschwindigkeitsunterschiede führen zu weniger abruptem Bremsen und verhindern Stauwellen. In dichtem Stadtverkehr können bei niedrigerem Tempo mehr Fahrzeuge gleichzeitig einen Engpass durchqueren. Auch gibt es bei Tempo 30 weniger Unfälle, was Störungen verringert.
Bei der neuen Verkehrsregelung geht es aber nicht nur um einen besseren Fluss für die Autos: Gleichzeitig nämlich sollen Alternativen wie Radfahren oder die Stadtbahn attraktiver werden. Es ist ein bewusstes Signal – nicht Geschwindigkeit, sondern Sicherheit und Lebensqualität sollen künftig zählen.
»Geschwindigkeit tötet, und deshalb handeln wir entschlossen«
»Geschwindigkeit tötet, und deshalb handeln wir entschlossen, um die Verkehrssicherheit zu verbessern«, erklärte Bürgermeister Ron Huldai bei der Verkündigung. »Die neue Regelung erleichtert Radfahrern das Einfädeln in den Verkehr und schützt Fußgänger vor illegalen Radfahrern auf Gehwegen. Darüber hinaus reduziert sie Lärm und Luftverschmutzung, macht den öffentlichen Raum attraktiver und fördert nachhaltige Mobilität«, so der erste Mann der Stadt.
Befürworter sehen darin einen wichtigen Schritt, um alternative Verkehrsmittel zu stärken. Kritiker warnen, dass niedrigere Geschwindigkeiten den ohnehin stockenden Verkehr weiter ausbremsen könnten. Die Stadtverwaltung entgegnet gelassen: »Es geht nicht darum, schneller mit dem Auto zu fahren, sondern weniger mit dem Auto zu fahren.«
Dass Tel Aviv sich auch mithilfe anderer Methoden bemüht, den Verkehr zu entzerren, ist dabei überall sichtbar. Die Straßenbahn, die auf der roten Linie bereits das Zentrum mit Bat Yam, Ramat Gan und Petach Tikwa verbindet, ist für viele Pendler eine echte Alternative zum Auto geworden. Seit dem Start im August 2023 fährt sie zuverlässig und teilweise unterirdisch durch die Stadt – ganz ohne Staus. Doch das volle Potenzial der Bahn ist noch nicht ausgeschöpft: Die Fahrgastzahlen liegen unter den Prognosen, und der Bau weiterer Linien, der andere Vororte mit der Stadt verbindet, verzögert sich immer weiter.
Lokale Maßnahmen allein reichen nicht mehr aus
Währenddessen wächst auf nationaler Ebene die Sorge, dass lokale Maßnahmen allein nicht mehr ausreichen. Yael Schechter-Sitman, Leiterin des Bereichs öffentlicher Nahverkehr bei der Grassroots-Initiative »Lobby 99«, spricht von einem »blinkenden roten Warnschild«.
»Die Lösungen sind bekannt, aber ihre Umsetzung ist langsam und umständlich.« Sie verweist auf permanente Verzögerungen bei Großprojekten und die wirtschaftlichen Schäden durch die chronischen Staus. Tel Aviv will die Hoffnung dennoch nicht aufgeben, sondern mit neuen Verkehrsregeln, mehr Radwegen und attraktiveren Alternativen zum Auto ins neue Jahr voranschreiten. Man will eine moderne Stadt sein – und vor allem eine, die sich bewusster, sicherer und nachhaltiger fortbewegt.